EU-Mittel für Ideen aus dem Kreis Böblingen Geld aus Brüssel macht Träume wahr

Der Junior-Chef Max Kink sagt: Die Großzügigkeit der Räume wäre ohne das Geld aus Brüssel nicht machbar gewesen. Foto: Käthe Ruess

Wie kommen Gelder aus der EU im Kreis Böblingen an? Wie funktioniert das? Und wer profitiert? Fördermitteln für die ländliche Wirtschaft lassen im Gäu Ideen Wirklichkeit werden. Vier wurden jetzt besucht: vom Rebhuhn-Schutz bis zur Eventscheune.

Zwischen der Europäischen Union samt deren Institutionen und den EU-Bürgern herrscht oftmals eine große Distanz. Regional und lokal werden jedoch immer wieder in Gestalt von geförderten Projekten in unterschiedlichen Bereichen „die aus Brüssel“ direkt sichtbar. Vier solcher Vorhaben waren Gegenstand einer Informationsfahrt im Kreis Böblingen. Bei der Bustour steuerten die rund 60 Teilnehmerinnen und Teilnehmer, unter ihnen auch Landrat Roland Bernhard und sein Stellvertreter Martin Wuttke, der zugleich Vorsitzender von „Leader Heckengäu“ ist, Ziele in Oettingen und Mötzingen an. Leader, das heißt: „Liaison Entre Actions de Développement de l’Économie Rurale“, also die Verbindung von Aktionen zur Entwicklung der ländlichen Wirtschaft. Von diesem Jahr an bis 2027 sind landesweit 20 Gebiete ausgerufen, alle Projekte, die Geld aus dem Leader-Topf haben wollen, müssen in einem solchen Gebiet liegen – aber darunter ist die Vielfalt groß.

 

Metzgerei-Neubau

Der erste Stopp führte die Gruppe zum modernen „Genusszentrum“ der Metzgerei Klink. Das hat nach zweijähriger Bauzeit seit gut einem Jahr seine Tore am westlichen Rand des Oberjettinger Gewerbegebiets geöffnet. Mit der Übernahme der alteingesessenen Metzgerei Fleischle im Oberjettinger Ortskern im Jahr 2011 beginnt die Geschichte des jungen Familienbetriebs. Mit zwei zwischenzeitlich hinzugekommenen Filialen in Schwarzwaldgemeinden sei die Kapazitätsgrenze in den bisher gepachteten Räumen erreicht gewesen, blickte Metzgermeister Simon Klink zurück. Weil mit Sohn Max – Metzgermeister, Fleischtechniker und Betriebswirt – die Nachfolge gesichert war, fiel der Neubauentschluss. „Der heutige Qualitätsanspruch und Hygienestandard kann nur mit einer neuen Metzgerei erfüllt werden“, erklärt Max Klink. Dieser erläuterte wegen des laufenden Betriebs die durch moderne, ergonomische Maschinen erleichterten Produktionsbedingungen anhand von Videosequenzen im Bistrobereich im Verkaufsraum. Dort werden auch Produkte weiterer regionaler Produzenten angeboten. Die großzügige Raumgestaltung sei nur mit den Leader-Fördermitteln möglich gewesen, so Max Klink weiter. Mit Blick auf die Regionalität ihrer Produktpalette – Klinks stellen 97 Prozent selbst her und beziehen dafür Schweine aus Oberjettingen sowie Rinder aus Zwiefalten, die bisher in Neuweiler geschlachtet werden –, hofft der Juniorchef darauf, dass der Gärtringer Schlachthof eine Zukunft hat. Dann wäre alles noch näher beisammen.

Geschichts-Rückschau

Noch in der Planung steckt ein Vorhaben, das Landkreis und Gemeinde Jettingen, unterstützt mit Fördergeldern aus Brüssel, gemeinsam stemmen wollen: Die Geschichte rund um das ehemalige Flüchtlingslager Kehrhau auf Unterjettinger Gemarkung soll wissenschaftlich aufgearbeitet werden. Dieses war nach dem Zweiten Weltkrieg zentrales Ankunftszentrum für Vertriebene im Landkreis Böblingen. 19 000 Menschen seien dort innerhalb eines guten halben Jahres durchgeschleust und verteilt worden, berichtete Oettingens Bürgermeister Hans Michael Burkhardt, der das Projekt kurz skizzierte. Auch Menschen, die während der Zeit des Nationalsozialismus Zwangsarbeit verrichten mussten, hatte es eine Unterkunft geboten.

Scheunen-Umbau

Wie aus einem einmaligen Ereignis die Geschäftsidee „Eventlocation Lindenhof“ geboren wurde, berichtete Silvia Leins-Bender. Gemeinsam mit ihrem Mann hat sie im Jahr 2018 den gleichnamigen Mötzinger Aussiedlerhof in Alleinlage erworben. Eine Freundin auf der Suche nach einer Hochzeitslocation hatte sich bei einem Besuch den seit 30 Jahren unbewirtschafteten Stall samt Scheune dafür ausgeguckt. Beim Fest selbst sei ihr auf die immer wiederkehrende Frage „Warum nur einmal?“ irgendwann keine Antwort mehr eingefallen. Die schnelle Realisierung sei in Coronazeiten nur mit viel Eigenleistung und auch dank der 19 000 Euro möglich gewesen, die über Leader geflossen seien, betonte Silvia Leins-Bender. Die Räumlichkeiten, die Platz für bis zu 156 Gästen bieten, seien sehr gefragt. Von April bis Ende Oktober werden dort Hochzeiten gefeiert und alle Wochenenden und Feiertage seien bereits bis ins Jahr ausgebucht, berichtet die Inhaberin. Unter der Woche sind auch Seminare oder Firmenveranstaltungen in der umgebauten Scheune möglich.

Lebensraum-Aufbau

Bereits im Jahr 2016 hat der Landschaftserhaltungsverband Böblingen (LEV) in den Gäu-Gemeinden Bondorf, Jettingen, Mötzingen und Gäufelden das „Rebhuhn-Schutzprojekt im Oberen Gäu“ gemeinsam mit Landwirten, der Jägerschaft und Engagierten aus dem Naturschutz initiiert. Inzwischen umfasse die Maßnahmenfläche, auf dem unter anderem mit extensiven Grünflächen oder Rotations-Blühbrachen, der Lebensraum verbessert werde, rund 22 Hektar, informierte Vera Lorenz, Projektverantwortliche beim LEV. Auch dafür gab es Geld.

Was ist das Leader-Programm der EU?

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