Die maltesische Politikerin wird an ihrem 43. Geburtstag wohl zur Präsidentin des EU-Parlaments gewählt.

Korrespondenten: Knut Krohn (kkr)

Brüssel - Brüssel hat viele Gesichter. Es ist nicht nur ein von vielen unterschätztes Machtzentrum, sondern auch ein Jahrmarkt der Eitelkeiten. Wenn es um die Neuverteilung des politischen Einflusses geht, beginnt die EU-Blase jedes Mal auffallend zu pulsieren. So auch in diesen Tagen, denn das Europaparlament wählt am Dienstag einen neuen Präsidenten. Besser gesagt: eine Präsidentin. Da im engsten Machtzirkel der Union nichts dem Zufall überlassen wird, gilt als sicher, dass Roberta Metsola die nötige Mehrheit bekommt.

Eine würdige und kompetente Präsidentin

Kaum jemand zweifelt daran, dass die Frau aus Malta eine würdige und kompetente Präsidentin sein wird. Doch ihr Weg an die Spitze war ein quälend langer Prozess mit einigen überraschenden Volten, der fast schon exemplarisch dafür ist, wie die Europäische Union tief in ihrem Innern funktioniert.

Der Ursprung der Geschichte liegt rund zwei Jahre zurück und hat begonnen mit einer kleinen Intrige und einer sehr großen Enttäuschung. Nach der Europawahl 2019 galt der deutsche Abgeordnete Manfred Weber bereits als neuer Präsident der EU-Kommission. Diese Personalie gefiel aber Frankreichs Präsident Emmanuel Macron nicht, weshalb er kurzerhand zu einer politischen Blutgrätsche ansetzte. Mit großem Geschick und viel Überredungskunst schickte Macron eine überraschende Gegenkandidatin ins Rennen und am Ende machten die Staats- und Regierungschefs Ursula von der Leyen zur neuen Kommissionschefin.

Die Demütigung des Manfred Weber

Dem gedemütigten Manfred Weber blieb nichts anderes übrig, als sich wieder auf seinen Posten des Chefs der konservativen EVP-Fraktion zurückzuziehen. Als eine Art Trostpflaster schien ihm der Posten des Parlamentspräsidenten zu bleiben. Den hatten zu jener Zeit zwar die Sozialdemokraten inne, er sollte aufgrund einer Absprache Anfang 2022 aber an die Konservativen gehen.

Nach dieser Niederlage dachte der CSU-Mann aber seinerseits nicht daran, sich an dieses Drehbuch zu halten. Bekannt als begnadeter Netzwerker, begann er an einem anderen Plan zu arbeiten. Weber will nun Fraktionschef bleiben, zusätzlich Präsident der EVP werden und so zu einem der einflussreichsten Politiker Europas aufsteigen. Der Posten wird frei, weil der aktuelle Amtsinhaber Donald Tusk als Oppositionschef nach Polen zurückkehrt. Gleichzeitig warb Weber für Roberta Metsola als Kandidatin für das Amt der Parlamentspräsidentin. Das war ein äußerst geschickter Schachzug, denn die Sozialdemokraten und der damalige Amtsinhaber David Sassoli weigerten sich inzwischen, den Sitz freiwillig zu räumen. Ihre Begründung war, dass im Moment alle wichtigen Posten in Europa von Konservativen besetzt seien. Dem auch in der eigenen Fraktion nicht unumstrittenen 65-jährigen Italiener aber stand nun eine mit 43 Jahren junge Frau aus einem kleinen EU-Staat gegenüber, die damit gleich mehrere Quoten erfüllte. Sie wäre nach 20 Jahren die erste Präsidentin. Bisher hatten mit Nicole Fontaine und Simone Veil zwei Frauen und 28 Männer den Vorsitz inne. Also zogen die Sozialdemokraten doch noch zurück und der Weg für Metsola war frei. Dramatischer Höhepunkt war schließlich, dass ihr Vorgänger David Sassoli Anfang Januar in einem Krankenhaus in Italien gestorben ist.

Eine schwere Hypothek für Metsola

Die Frau aus Malta startet allerdings mit einer schweren Hypothek in den neuen Top-Job. Sie gilt als Kandidatin Manfred Webers, ohne dessen offene Unterstützung sie nie in diese Position gekommen wäre. Manche sprechen sogar von einer Strohfrau, mit der die deutschen Konservativen ihren Einfluss in der EVP ausbauen wollten.

Diese Unterstellung wird Roberta Metsola allerdings nicht gerecht. Sie machte sich bereits als erste der 14 Vizepräsidentinnen und Vizepräsidenten einen Namen im Haus. Ihr gesamtes politisches Leben ist zudem auf die Europäische Union ausgerichtet. Bereits als Studentin trat Metsola den Europäischen Demokratischen Studenten bei, einem Zusammenschluss konservativer Studentenverbände in Europa. Das Referendum im Jahr 2003 zum EU-Beitritt Maltas ein Jahr später beschrieb sie als „Auslöser“ für ihre politische Aktivität. Zu dem Zeitpunkt hatte Metsola gerade in Jura promoviert und ein Studium am Europakolleg im belgischen Brügge begonnen, einer prestigeträchtigen Kaderschmiede der Spitzenverwaltung der EU.

Eine vielsprachige Karrierefrau

Viele Jahre arbeitete Metsola für die Ständige Vertretung Maltas bei der EU und für die EU-Außenbeauftragte Catherine Ashton. Metsola sprach mittlerweile neben Maltesisch, Italienisch und Englisch auch Französisch sowie Finnisch. Als 2013 ihr Landsmann Simon Busuttil sein Mandat aufgab, um in Malta die Opposition anzuführen, übernahm Metsola seinen Sitz und schaffte es so in die EU-Volksvertretung.

2014 und 2019 wurde Metsola bei den Europawahlen als Abgeordnete der Nationalistischen Partei, die zur EVP-Fraktion gehört, wiedergewählt. Dass sie den Posten ausfüllen kann, hat die Frau aus Malta in den vergangenen Tagen bewiesen. Seit dem Tod von David Sassoli ist die 43-Jährige bereits geschäftsführend an der Spitze des Parlaments im Amt.

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