Eugen Ulmer Verlag aus Plieningen „Buchmesse ist wie Weihnachten“

Matthias Ulmer führt die Verlagsgeschäfte in der fünften Generation. Foto: Judith A. Sägesser
Matthias Ulmer führt die Verlagsgeschäfte in der fünften Generation. Foto: Judith A. Sägesser

Garten, Äcker und Tiere – das ist die Welt des Eugen Ulmer Verlags. Seit 30 Jahren residiert er nahe der Universität Hohenheim.

Plieningen - Die Titel wie „Unsere ersten Hühner“ und „Hausschlachten“ klingen witzig. Gekauft werden sie von Menschen, die möglichst viel selbst machen wollen. Von denen gibt es immer mehr, sagt Matthias Ulmer, der Geschäftsführer des Eugen Ulmer Verlags. Der 48-Jährige spricht zudem über seine Fachzeitschriften, die Buchmesse und den Anlass, warum der Verlag in Plieningen sitzt.


Herr Ulmer, zurzeit ist Buchmesse in Frankfurt. Haben Sie dort einen Stand?
Ja, natürlich, wir sind seit über 30, 40 Jahren auf der Buchmesse vertreten.

Und wie heben Sie sich dort von anderen ab?
Mit unserem Programmschwerpunkt Tiere, Pflanzen, Garten. Da haben wir nur wenige Konkurrenten.

Welche Ziele haben Sie in Frankfurt?
Bei der Buchmesse kommt die gesamte Branche zusammen. Das ist wie Weihnachten, niemand weiß, warum man die Messe braucht, aber keiner kann ohne sie leben. Sie ist emotional wahnsinnig wichtig. Unser ganzer Rhythmus ist darauf ausgerichtet. Wir gehen da aber nicht hin, um wie bei Industriemessen das neue Modell der A-Klasse zu präsentieren. Wir machen jedes Jahr ungefähr 140 neue Bücher, wir haben 23 Zeitschriften und 60 Webseiten. Also erscheint quasi jeden Tag was Neues.

Was machen Sie stattdessen?
Wir führen im 30-Minuten-Rhythmus Gespräche mit Verlagen von Korea bis Argentinien, die unsere Bücher übersetzen und bei sich rausbringen wollen. Früher war das anders, da sind die Buchhändler aus ganz Deutschland im Frühjahr nach Leipzig und im Herbst nach Frankfurt gefahren, um die Bücher fürs nächste Halbjahr zu bestellen. Heute kauft keiner mehr dort ein, weil wir dafür natürlich Vertreter, Prospekte und Webseiten haben.

Liegen an Ihrem Stand auch E-Books?
Das ist das spannende Thema dieses Jahr. Die Frage ist: Wie präsentiert man das? Letztes Jahr hatte noch fast kein Verlag eine gute Lösung. Wir haben dieses Jahr einen Großteil unserer Bücher nicht mehr physisch da, sondern als E-Book, so können die Leute am Stand in den 1500 Büchern virtuell blättern, und wenn sie feststellen, das interessiert sie, tippen sie einfach drauf und lassen sich Leseproben schicken.

Zu Ihren Topsellern zählen Titel wie „Alles über Blumen-Deko“, „Unsere ersten Hühner“ und „Hausschlachten“. Welche Kriterien muss eine Publikation erfüllen, um von Ihnen gedruckt zu werden?
Erstens muss sie wirtschaftlich vielversprechend sein. Zweitens muss sie in die Themenpalette passen. Dazu gehört alles, was sich mit kultivierter Natur beschäftigt. Da, wo der Bauer Erde umpflügt, wo der Bauer das Schwein züchtet, wo man Wellensittiche und Aquarienfische hält, das ist unsere Welt. Genauso im Bereich Gemüsebau, Zierpflanzen, Floristik.

Wer ist Ihr typischer Kunde?
Der klassische Buchkäufer ist eine Frau mit 55 Jahren, die Kinder sind aus dem Haus, sie hat einen Garten, legt Wert auf gesundes Essen, sie legt Wert darauf, die Dinge selber zu machen, sie ist sehr naturnah, ohne öko zu sein. Im Landwirtschaftsbereich ist der Zeitschriften-Abonnent der Mann, der ein Hofbesitzer oder Nachfolger ist, der ein agrarwissenschaftliches Studium hat und der versucht, den Hof professionell zu führen.

In der Erde buddeln, ist hipp. Alle Welt, so scheint es, züchtet Tomaten und Kartoffeln. Schlägt sich das in Verkaufszahlen nieder?
Wir bezeichnen das als Neo-Ökotrend. Die Leute wollen die Kartoffeln lieber selbst anbauen oder beim Bauern kaufen, auch wenn sie nicht schön aussehen. Sie wollen nicht das perfekte Fahrrad, sondern Marke Eigenbau. Es geht um Rückbesinnung aufs Ursprüngliche, darum, Dinge mit der Hand zu machen, das eigene Leben mehr zu spüren. Kommerziell ist das total uninteressant. Denn die Leute wollen basteln und auf Webseiten lernen, wie man es macht. Sobald jemand versucht, einen kommerziellen Trend daraus zu machen, kriegen diese Leute eine Allergie.

Waren Garten, Tiere und Natur von Anfang an die Themen des Ulmer Verlags?
Das erste Buch 1868 war ein Obstbaubuch in Ravensburg. Damals haben sich Verlage aber noch nicht spezialisiert. Das hat erst im 20. Jahrhundert angefangen. Damals hat sich unser Verlag auf das Thema Biologie und angewandte Biologie spezialisiert.

Ihr Ururgroßvater hat den Verlag gegründet. War es klar, dass Sie übernehmen?
Für meinen Vater war es klar, für mich nicht. Ich glaube, das Spiel ist so: Während die einen das Problem haben, nicht zu wissen, was sie wollen, haben Leute wie ich den Vorteil, dass alle sagen: Du weiß ja, was du mal machst. Während andere die Freiheit ausleben, ob sie dieses oder jenes tun, sitzt man selber da und hat das Gefühl, dass man diese Freiheit nicht hat. Aber man muss sich trotzdem entscheiden, ob man das will.

Sie wollten dann ganz offensichtlich. Wie viele Haustiere haben Sie?
Null.

Gärtnern Sie dann wenigstens selbst?
Ich habe seit zwei Jahren einen Garten, vorher hatten Pflanzen bei mir keine Chance. Aber ich muss kein begeisterter Gärtner sein. Beim Verlegen geht es darum, für den Kunden ein perfektes Buch zu machen. Mir ist es egal, ob ich das im Bereich Garten, Tiere, Romane oder Industrie mache.

Ist es Zufall, dass Sie im am bäuerlichsten geprägten Bezirk Stuttgarts residieren?
Schuld daran, dass wir da sind, ist der Ausbruch des Vulkans Tambora 1815 in Indonesien. Damals gab es in Europa einen vulkanischen Winter wegen der Aschewolke und zwei Jahre lang Missernten. Der König von Württemberg hat beschlossen, die Hochschule in Hohenheim zu gründen, um zu forschen, wie man so was verhindern kann, wie man resistentere Tiere und Pflanzen entwickeln kann. Der Verlag ist aus der Innenstadt nach Hohenheim gezogen, weil dort die meisten Autoren sitzen und nicht, weil Plieningen agrarisch ist.

Geschichte
Im Jahr 1868 ist der Eugen Ulmer Verlag in Ravensburg als Fachverlag für Obst- und Weinbau gegründet worden. In Plieningen residiert der Verlag seit Anfang der 1980er, er beschäftigt 155 Mitarbeiter. Seit 1993 hat der Ulmer Verlag eine Filiale in Paris namens „Les Editions Eugen Ulmer“. Der aktuelle Geschäftsführer des Verlags, Matthias Ulmer, ist die fünfte Generation.

Publikationen
Der Eugen Ulmer Verlag publiziert 1200 Bücher, 23 Zeitschriften sowie 60 Websites und Datenbanken. Er versteht sich als der Fachverlag für die Themen Garten, Tiere und Natur.




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