Europa-Festival im Stuttgarter Schauspiel Auch Verlierer haben eine Hymne

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Bunt und vielgestaltig wie der Kontinent selbst: Im Stuttgarter Schauspielhaus ist das Festival „The Future of Europe“ eröffnet worden

Laufstark und gelenkig: Astrid Meyerfeldt im Europa-Solo von René Pollesch Foto: Klein
Laufstark und gelenkig: Astrid Meyerfeldt im Europa-Solo von René Pollesch Foto: Klein

Stuttgart - Hoppla, diese Melodie kennt man doch! Sie kommt zwar verfremdet daher, aus einer Ziehharmonika, fährt einem aber trotzdem in die Glieder: Gloria Gaynors „I will survive“, das Simos Kakalas mit Schwung aus dem Instrument quetscht und mit Schmackes auf der Bühne singt. Im Nu ködert er damit die Zuschauer im Schauspielhaus, um ihnen sodann einen variierten Text unterzujubeln. Im Funk-Rhythmus setzt er nämlich, anders als die Disco-Queen, nicht den Liebhaber vor die Tür, sondern: Deutschland. „I can live with­out Germans by my Side“, schmettert der Schauspieler aus Athen ins Publikum und setzt mit dieser Coverversion – historischer Augenblick – eine virile Europa-Hymne der Verlierer in die Welt: I will survive. Ich werde überleben. Trotz allem.

Die Nummer aus dem griechischen Nationaltheater passt wie die Faust aufs Auge. Europa und die Vertrauenskrise ist das Thema des bis Sonntag laufenden Festivals, zu dem Theatermacher aus neun Ländern ins Stuttgarter Schauspiel gekommen sind. Auch wenn es nicht als Schlusspunkt der Intendanz von Armin Petras konzipiert wurde, weil dessen vorzeitiger Abschied in der Planungsphase noch nicht absehbar war, ist es doch genau das geworden: ein letztes programmatisches Ausrufezeichen seiner fünfjährigen Amtszeit, die er unter der Flagge der offenen Gesellschaft durchsegelt hat. Entsprechend optimistisch der Titel des mit Gastspielen und Diskussionsrunden gespickten Festivals: „The Future of Europe“, was den Griechen Kakalas, in seiner Bauerntracht wahrlich kein Gloria-Gaynor-Look-Alike, zu einem weiteren Sarkasmus animiert. „Zukunft Europas – bin ich hier bei einem Comedy-Festival?“, fragt er belustigt am Mittwochabend, als das Theatertreffen vor halbleeren Rängen eröffnet wird. Was den Publikumszuspruch anlangt, gibt es bis Sonntag also noch Luft nach oben.

Pollesch und die künstliche Intelligenz

„Der griechische Freek“ – geschrieben mit Doppel-E, als Wortspiel mit Greece – heißt das galgenhumorige Kleinkunststück aus Athen, das zusammen mit acht weiteren Soli den Hundert-Minuten-Abend „Europe speaks out!“ bildet. Die künstlerische Leitung der Kontinentalrevue liegt in den Händen von Armin Petras, der zu Showbeginn nochmals die Spielregeln erklärt. Die Theater aus Budapest, Mailand, Lyon, Barcelona, Istanbul, Moskau und eben Athen und Stuttgart seien gebeten worden, „irgendwas zu Europa“ zu machen. „Ich betone: egal was“ – und was folgt, ist in der Tat inhaltlich und ästhetisch ein tolles Überraschungspaket aus Zehn-Minuten-Soli.

Das griechische Kabarett wird flankiert von katalanischer Poesie, sizilianischem Märchen und russischem Requiem, worin die Selbstfeier des Putin-Staats mit Folterberichten aus den Gefängnissen des Imperiums kontrastiert wird. Unter all dem, was Bühnen-Europa sonst noch Aufregendes zu sagen hat, fällt nicht zuletzt der Stuttgarter Beitrag auf. „Träumt die künstliche Intelligenz von elektrischen Pokerspielen?“ heißt das Solo, das René Pollesch fürs Festival geschrieben hat – und auch für die virtuose Hysterikerin Astrid Meyerfeldt, deren sprachliche und körperliche Gelenkigkeit es locker mit den akrobatischen Gedankensalti des Autors aufnehmen kann. Nicht immer ist Pollesch stark, an diesem Abend aber ist er es: ein Muss für alle Fans.

Das Wüten der Welt

Vor dem Spiel mit der künstlichen und künstlerischen Intelligenz hatte die Regie aber die Reden zur Festivaleröffnung gesetzt. Es traten an: die Schriftstellerin Kathrin Röggla und die Staatssekretärin im Kunstministerium Petra Olschowski. Und es geschah, was nicht alle Tage geschieht: Sie, die Politikerin, fesselte mit ihrer auf Englisch gehaltenen, Europas Krisenpanorama aufspannenden Rede mehr als die sich im Wortgeklingel verlierende Autorin. Selbst eine Bilanz der Arbeit von Armin Petras brachte Olschowski in ihrer Rede unter. Sie dankte dem Intendanten nicht nur für „sein klug komponiertes Festival“, sondern auch dafür, dass er schon während seiner gesamten Amtszeit das „Wüten der Welt“ auf die Bühne gelassen habe. Ja, man kann das, trotz einiger Vorbehalte, so sehen und sagen wie die Frau Staatssekretärin, deren uneitel souveränes Auftreten Schule machen sollte – in Stuttgart und Europa.

„Europe speaks out!“ ist noch einmal am Samstag zu sehen. Ein weiterer, eigens fürs Festival produzierter Abend ist „6x20’ – A trip through Europe“ am Freitag und am Samstag.



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