Europa lebt im Kleinen Ein Hoch auf die Städtepartnerschaft!
Europa ist mehr als ein Kontinent oder eine Idee. Europa ist konkret gelebte Freundschaft zwischen Menschen und Völkern. Höchste Zeit, mal wieder daran zu erinnern.
Europa ist mehr als ein Kontinent oder eine Idee. Europa ist konkret gelebte Freundschaft zwischen Menschen und Völkern. Höchste Zeit, mal wieder daran zu erinnern.
Vielleicht lohnt es sich, endlich mal wieder naiv zu sein. Gutgläubig. Sprich: An das Gute zu glauben. An Europa, zum Beispiel. Oje.
Neulich hat gut 40 Kilometer von Stuttgart entfernt ein Ereignis von historischer Bedeutungslosigkeit stattgefunden. Lauffen am Neckar, 12 000 Einwohner klein, Geburtsstadt von Friedrich Hölderlin, hat den 50. Geburtstag seiner Städtepartnerschaft mit La Ferté-Bernard, 9000 Einwohner, 50 Kilometer entfernt von Le Mans gelegen, gefeiert. Knapp 70 Franzosen sind nach Deutschland gereist, um das Jubiläum mit ihren schwäbischen Freunden zu feiern.
Wie lächerlich muten diese Zahlen an angesichts von etwa 450 Millionen Menschen, die in der EU leben? Was soll die Begegnung dieser Nachkommastellenminorität aussagen über die gewichtigen Themen, die Europa eine Woche vor der EU-Wahl beschäftigen? Krieg und Frieden. Wohlstand und Armut. Integration und Identität. Alsdann: Ab zum nächsten Punkt auf der Tagesordnung der großen Politik. Oder?
Schauen wir noch mal hin: Die meisten Fertois (so heißen die Bürgerinnen und Bürger von La Ferté-Bernard) haben an besagtem Jubiläumswochenende privat bei ihren schwäbischen Gastgebern übernachtet. Oft haben sie sich, in Ermangelung von Worten, mit Händen und Füßen verständigt. Sie haben gemeinsam gegessen und getrunken. Sie haben gemeinsam gefeiert. Mit großen Reden in Straßburg oder Brüssel hat das nichts zu tun. Aber mit Taten. Mit dem Leben.
Und dann kommt auch noch die Kirche ins Spiel – in Gestalt eines pensionierten Pfarrers, der nicht predigt, sondern erzählt. Wie er zwölf Jahre nach Kriegsende die Adresse eines französischen Schülers erhalten hat, um eine Brieffreundschaft mit ihm aufzubauen. Wie er ihn drei Jahre danach besucht und dabei überlegt hat, wie sich die Franzosen wohl gegenüber einem jungen Deutschen verhalten würden, der jene Sprache spricht, in der sie jahrelang während der Besatzung gedemütigt wurden – und dann „nur Freundlichkeit“ erlebte.
Gerhard Kuppler heißt der pensionierte Pfarrer, der mit Worten eine Wucht entfaltet, die nicht nur manchem Bischof zur Ehre gereichen würde. Am 9. September 1962 war er dabei, als Frankreichs Präsident Charles de Gaulle in Ludwigsburg der deutschen Jugend zu ihrer Herkunft gratulierte und ihr – also uns – seine Freundschaft anbot. Drei Jahre später war er in Oradour sur Glane, einem französischen Dorf im Limousin, das im Juni 1944 von einer Einheit einer deutschen SS-Panzertruppe ausgerottet worden war.
„Die Männer“, berichtete Kuppler, „wurden zusammengetrieben, erschossen und verbrannt. Die Frauen und Kinder wurden in der Kirche eingesperrt. Dann wurde die Kirche angezündet und Frauen und Kinder wurden bei lebendigem Leib verbrannt.“ Er sei vor der vom Ruß geschwärzten Kirchenruine gestanden und habe „mit dem inneren Ohr die verzweifelten Schreie der Frauen und Kinder gehört“. Und während er die Unfasslichkeit dieses Massakers gespürt habe, sei ihm wieder „dieses ,Vive l’amitié franco-allemand‘, es lebe die deutsch-französische Freundschaft, eingefallen“.
„Es gibt Versöhnung über solche Schrecken hinweg. Es gibt Händeschütteln über Ströme von Blut und Leid hinweg. Was kann es Größeres geben als solche Versöhnung?“, fragte Gerhard Kuppler an jenem Maien-Sonntag des Jahres 2024 die Anwesenden in der Regiswindiskirche zu Lauffen am Neckar. Danach ging er an die Sonne, sprach mit Franzosen und Deutschen über dies und jenes und aß ein Stück Hefezopf.