Europa vor Ort EU-Millionen für den Landkreis

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Kritiker bemängeln, dass Deutschland der Hauptzahlmeister sei. Diese Meckerer verschwiegen indes oft, dass direkt vor ihrer Haustüre viele Projekte finanziell gefördert werden, zum Beispiel die Kompetenzzentren und der Tourismus.

Die Zugänge zum Waldsee in Murrhardt-Fornsbach sind mit EU-Geldern behindertengerecht umgebaut worden. Foto: Stoppel/Archiv
Die Zugänge zum Waldsee in Murrhardt-Fornsbach sind mit EU-Geldern behindertengerecht umgebaut worden. Foto: Stoppel/Archiv

Rems-Murr-Kreis - Wie viel Kohle fließt eigentlich aus Brüssel in den Rems-Murr-Kreis, Frau Stotz? Die Europabeauftragte des Kreises sitzt in ihrem Büro im Landratsamt in Waiblingen, schaut freundlich und schüttelt leicht mit dem Kopf. „Das weiß niemand“, sagt sie. Sehr viele Stellen im Land und im Bund verteilten die EU-Gelder. Niemand könne genau sagen, welche Summe in die einzelnen Städte und Landkreise fließe, das sei schlicht nicht festzustellen.

Solche Aussagen dürften manch einen Europaskeptiker bestärken. Motto: Sagen wir doch, die Verantwortlichen mauern. Und das Geld versickert in der Brüsseler Bürokratie, wird in den Pleitestaaten im Süden verbrannt. Deutschland sei der Zahlmeister Europas. Solche Argumente muss sich Frau Stotz oft anhören.

Gelder für die Ausstellung Virtuelle Limeswelten

Die Europabeauftragte listet dann gerne ein paar Projekte im Rems-Murr-Kreis auf, die ohne EU-Gelder kaum verwirklicht worden wären. Zum Beispiel im Bereich Tourismus und Naherholung die Limes-Leaderregion. Von 2007 bis 2013 seien für insgesamt 20 Einzelprojekte im Landkreis rund 900 000 Euro – sogenannte Leader-Zuschüsse – geflossen. Ziel dieses EU-Programms ist es, „Maßnahmen im ländlichen Raum zu fördern, die zur Stabilisierung der Lebensbedingungen in den Gemeinden beitragen“, so heißt es in einem Papier des Landratsamts Waiblingen. Dabei könne es um Themen wie die Grundversorgung, die Bewahrung des kulturellen Erbes oder um die Mobilität gehen.

Gefördert wurde zum Beispiel der barrierefreie Ausbau des Waldsees in Murrhardt-Fornsbach. Es wurden neue Zugänge zum See und eine behindertengerechte Bushaltestelle gebaut. Angeschafft wurde ein behindertengerechtes Boot und es gibt ein Blindenleitsystem. Ohne die EU-Gelder wären auch die „Virtuelle Limeswelten“ nicht verwirklicht worden. Mit 3D-Brillen können sich die Besucher in der Ausstellung auf eine Zeitreise begeben und die Welt der alten Römer erleben. Unterstützt wurden ferner Direktvermarkter, ein Nistkasten- und Tierlehrpfad sowie das Mitfahrsystem Flinc. Die Zuschüsse haben laut Auskunft des Landratsamts allein im Rems-Murr-Kreis Gesamtinvestitionen in Höhe von rund 2,1 Millionen Euro angestoßen. Der Landkreis bemühe sich momentan, zusammen mit dem Ostalbkreis sowie den Landkreisen Schwäbisch Hall und Heilbronn um die Fortsetzung der Leaderförderung bis ins Jahr 2020.

Ohne Brüssel kein Satellitenzentrum in Backnang

Auch die drei Kompetenzzentren im Landkreis bekommen Gelder aus einem EU-Fonds für regionale Entwicklung. Das im vergangenen Jahr eröffnete Deutsche Zentrum für Satellitenkommunikation (Desk) in Backnang zu Beispiel erhält 200 000 Euro aus Brüssel. Ein wichtiges Ziel des Satellitenzentrums ist es, Schüler für ein Studium der Luft- und Raumfahrttechnik zu begeistern und dem drohenden Fachkräftemangel – auch für Backnanger Firmen wie Tesat Spacecom – entgegenzuwirken. Das Kompetenzzentrum für Virtuelles Engeneering, VCD, in Fellbach und das Kompetenzzentrum für Verpackungs- und Automatisierungstechnik, PEC, in Waiblingen erhalten ebenfalls Fördergelder von der Europäischen Union.

Von 2008 bis 2014 standen beziehungsweise stehen zudem jährlich 500 000 Euro aus Europa für sogenannte arbeitsmarktbezogene Projekte zur Verfügung. Für dieses Jahr werden sogar 600 000 Euro bereitgestellt, unter anderem für das Projekt Alpha-Beta des Berufsbildungswerks Waiblingen, das sich um Jugendliche kümmert, die von Analphabetismus bedroht oder betroffen sind, für den Berufswahlkompass vom BBQ Waiblingen, der die Verbesserung der Berufswahlkompetenz von jungen Leuten zum Ziel hat, und für das Projekt „Jobengine inklusiv“ des Kreisjugendrings, das benachteiligte Jugendliche fördert.

Irina Stotz sagt, der Europäische Sozialfonds (ESF) stelle auch Gelder für das Projekt „Lernen vor Ort“ bereit. Die Förderung über den Sozialfonds habe von 2008 bis 2014 rund 3,5 Millionen Euro in den Rems-Murr-Kreis gespült.