Europablog Zur falschen Zeit am falschen Ort

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In der EU ist immer was los. Nur wo genau – das ist die entscheidende Frage. Als Berichterstatter kann man es nur falsch machen: das Wichtige passiert oft ganz woanders. Doch Rettung naht, schreibt unser Brüssel-Korrespondent.

Ist man als Journalist wirklich am richtigen Ort? In der Europapolitik fallen jeden Tag so viele Entscheidungen, da ist es schwer, die Termine zu planen. Hier gibt Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) in Luxemburg ein Statement. Foto: dpa 8 Bilder
Ist man als Journalist wirklich am richtigen Ort? In der Europapolitik fallen jeden Tag so viele Entscheidungen, da ist es schwer, die Termine zu planen. Hier gibt Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) in Luxemburg ein Statement. Foto: dpa

Brüssel - Vielen Dank, Herr Schäuble. Da hat man gerade Flug und Hotel gebucht, um über das in Sachen Griechenland vermeintlich entscheidende EU-Finanzministertreffen in Lettlands Hauptstadt berichten zu können, da diktiert der deutsche Minister Kollegen in den USA in den Block, dass beim Treffen in Riga gar nichts herauskommen könne. Nur wieder ein polittaktisches Spielchen, um Athen unter Druck zu setzen? Oder den Trip stornieren?

Jede Entscheidung ist falsch

Wie man auch entscheidet, ist es falsch: Vor eineinhalb Jahren stand der EU-Ostgipfel an, ebenfalls im Baltikum, in der litauischen Hauptstadt Vilnius. Wenige Tage vorher ließ die damalige Regierung der Ukraine verlauten, sie werde dort das geplante Partnerschaftsabkommen mit der Europäischen Union doch nicht unterzeichnen. Es wurde groß berichtet, unter anderem über die entsetzten Reaktionen in Brüssel – der Flug nach Vilnius aber abgesagt. Am Ende blieb es zwar beim Nein von Präsident Viktor Janukowitsch mit all seinen dramatischen und blutigen Folgen bis heute. Doch über die dramatische Nacht zu schreiben, in der er den Staats- und Regierungschefs anbot, im Gegenzug für milliardenschwere Notkredite doch noch zu unterschreiben, was die wiederum ablehnten, hätte sich schon gelohnt.

Als EU-Berichterstatter ist man ständig zur falschen Zeit am falschen Ort. Das gilt im Kleinen, zum Beispiel bei den EU-Gipfeln. Der Ort steht fest: Brüssel, Ratsgebäude. Nach Ende der Beratungen aber fangen 29 Pressekonferenzen gleichzeitig an – die der 28 Staats- und Regierungschefs und die der EU-Institutionen. Klar will der deutsche Leser wissen, was Merkel gesagt hat. Aber da sind ja auch noch Cameron, Tsipras oder Renzi. Wo platzt die politische Bombe? Nur Hollande macht es einem etwas leichter; er redet immer so lange, dass die Journalisten nach allen anderen Presseterminen auch noch bei ihm vorbeischauen können.

Immer am falschen Ort

Den richtigen Ort der Berichterstattung zu wählen, ist aber auch im Großen ein Problem. Rafft man sich auf, mal wieder zur Plenarsitzung des Europaparlaments nach Straßburg zu fahren, kommt es in Brüssel garantiert zu einem spontan anberaumten Krisentreffen. Dasselbe Spiel mit Luxemburg, wo laut EU-Vertrag alle offiziellen Ministersitzungen in den Monaten April, Juni und Oktober stattfinden: Wer nach der zweistündigen Autofahrt aus Brüssel im schnieken neuen Ratsgebäude auf dem Plateau Kirchberg ankommt, erhält nicht selten einen Anruf, ob er etwas zum Thema XY machen könnte, zu dem sich die EU-Kommission in Brüssel gerade überraschend geäußert hat.

Die Rettung: Europe by Satellite

Erst am Montag wieder galt es, sich zwischen Brüssel und Luxemburg zu entscheiden. Wichtige Ausschussabstimmung im Parlament zu Junckers-Investitionsplan hier, Debatte der Außen- und Innenminister über die neuerliche Flüchtlingskatastrophe dort.

War die Entscheidung mal wieder falsch, naht die Rettung in Gestalt von Europe by Satellite. Das von der EU-Kommission betriebene Videoportal überträgt alle europäisch relevanten Pressekonferenzen – egal wo. Dort hört man zumindest das offiziell Gesagte, auch wenn das in der EU stets nur ein Teil der Wahrheit ist.