Europäische Kulturhauptstadt 2025 Grenzenloser Aufbruch in der Doppelstadt

Die Altstadtgassen im italienischen Gorizia sind beschaulicher, die Bevölkerung älter als im slowenischen Nova Gorica. Foto: Thomas Roser

Das slowenische Nova Gorica und das italienische Gorizia bilden zusammen Europas erste binationale Kulturhauptstadt.

Korrespondenten: Thomas Roser (tro)

Bauzäune werfen in der Doppelstadt ihre Schatten auf eine historische Premiere voraus. Noch werden in der Via Carducci im italienischen Gorizia die Pflastersteine verlegt. Zwei Kilometer entfernt rollen am Bahnhof im slowenischen Nova Gorica die Baufahrzeuge über die Grenze, die direkt am neu untertunnelten Gleisdamm verläuft. Auf Englisch verkündet ein Banner am eingerüsteten Palazzo del Torre vom neuen Ehrentitel der doppelten Grenzstadt: „GO2025! European Capital of Culture“.

 

Über 400 Jahre war das einstige Görz Teil des Habsburger Reichs, bevor die Kriege des 20. Jahrhunderts die Bewohner der Vielvölkerregion trennten. Nun treten die 50 Kilometer von der italienischen Hafenmetropole Triest entfernten Provinzstädte Gorizia und Nova Gorica geeint ins europäische Rampenlicht. Unter dem Motto „Borderless – grenzenlos“ richten erstmals zwei Grenzstädte zweier Nachbarstaaten gemeinsam das Europäische Kulturhauptstadtjahr aus. Den türkisfarbenen Fluten des Isonzo- oder Soca-Flusses hat die Doppelstadt die Farbe ihres neuen Logos, der Grenzlage ihren neuen Titel zu verdanken.

Schon bei der Bewerbung um die 2025 turnusgemäß Slowenien zufallenden Ausrichtung des Kulturjahrs habe Nova Gorica erklärt, diese nur gemeinsam mit der Nachbarstadt übernehmen zu wollen, berichtet Romina Kocina, die Chefin des italienischen Organisationskomitees in Gorizia. Die Doppelausrichtung habe den beiden Städten den Zuschlag, aber auch ein Problem beschert: „Einerseits sind wir froh, dass wir die erste doppelte Kulturhauptstadt sind. Andererseits haben wir kein Vorbild, das wir kopieren könnten.“ Sie verspüre schon „Druck“, räumt sie offen ein: „Die Erwartungen in Brüssel an uns sind sehr hoch.“

Ihre Geschichte eint und trennt die Co-Kulturhauptstädte, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Prächtige Barockbauten der Habsburger Zeit und wuchtige Monumentalbauten der faschistischen 1930er Jahre prägen das am Fuße der mittelalterlichen Festung gelegene, über 1000 Jahre alte Gorizia. Weite begrünte Alleen und funktionale Wohnblocks bestimmen hingegen das nach dem Zweiten Weltkrieg aus dem Boden gestampfte Nova Gorica.

„Eine der kleinsten, aber auch komplexesten Kulturhauptstädte“

Nur 33 500 Einwohner zählt das italienische Gorizia, gerade einmal 13 000 Seelen die slowenische Zwillingsstadt: Umliegende Kommunen mit eingerechnet leben in der Region laut Kocina bis zu 70 000 Menschen: Angesichts der erwarteten Besuchermassen setzt die Doppelstadt für das Kulturjahr denn auch auf die Hotelkapazitäten in Triest und Ljubljana. „ Wir sind einer der kleinsten, aber auch komplexesten Kulturhauptstädte“, sagt die slowenische Organisationschefin Mija Lorbek. Unterschiedliche Verwaltungsstrukturen, Mentalitäten und Finanzierungsquellen – einfach sei die grenzenlose Zusammenarbeit keineswegs: „Aber wir zeigen, wie man Unterschiede respektieren, aber gleichzeitig kooperieren und grenzenlose Lösungen finden kann: 2025 ist für beide Städte eine Riesenchance.“

Die Sonne blinkt auf dem futuristischen Betonmonument für Sloweniens Flugpionier Edvard Rusjan. Es stimme keineswegs, dass die 1947 von den Alliierten zwischen Italien und dem damaligen Jugoslawien geteilte Stadt „zerrissen“ worden sei, sagt die frühere Journalistin und Pressesprecherin des Kulturjahres Klavdija Figelj: „Nova Gorica gab es zuvor überhaupt nicht, es wurde völlig neu aufgebaut. Die Italiener, die aus ihren engen mittelalterlichen Städten kommen, wundern sich immer, wie viel freien Raum wir hier haben.“

Mit einem Bein in Italien, mit dem anderen Bein in Slowenien: Sobald die letzten Bauzäune verschwunden sind, wird der grenzüberschreitende Spagat auf dem neu gestalteten „Trg Evrope“ oder „Piazza della Transalpina“ möglich sein. Im Grenzmuseum im Bahnhof von Nova Gorica sind die historischen Fotos von dem Grenzübergang zwischen Italien und Jugoslawien zu sehen, den die Alliierten nach dem Zweiten Weltkrieg auf dem Bahnhofsvorplatz errichtet hatten – und die Anwohner nach Kriegsende dort demonstrierten: Slowenen für den Anschluss der Stadt an Jugoslawien, Italiener für den Verbleib in Italien.

Sowohl Schulklassen aus Gorizia als auch Nova Gorica seien regelmäßig in dem Museum zu Gast, berichtet der Historiker Marko Klavora: „Wir erzählen allen Besuchern dieselben Dinge über die Grenze, auch wenn beide Nationen unterschiedliche Erinnerungen, Zeitlinien und Sichtweisen der Geschichte haben.“ So sei laut slowenischen Schulbüchern die Stadt im Mai 1945 von den jugoslawischen Partisanen „befreit“ worden, während in italienischen Büchern von der „Besatzung“ der Stadt durch die Partisanen geschrieben werde.

Auf beiden Seiten der Grenze seien noch stets „wehmütige Erinnerungen“ an die gemeinsamen Jahrhunderte in der Habsburgermonarchie zu verspüren, berichtet Historiker Klavora. Nicht nur die Schrecken des Ersten Weltkriegs – als die Stadt zuerst von den Italienern und nach ihrer Einnahme 1916 von den Österreichern beschossen wurde – hätten in der Region tiefe Spuren hinterlassen: „Die Slowenen haben keine gute Erinnerung an die Zeit des italienischen Faschismus, als Slowenisch an den Schulen verboten wurde und sie nach Beginn des Zweiten Weltkriegs in Konzentrationslager gesteckt wurden.“

Nachdem Gorizia um 1500 den Habsburgern zugefallen sei, habe die Stadt als „Drehscheibe zwischen den Bergen, der Ebene und dem Meer einen Aufbruch erlebt“, berichtet die Stadtführerin Alessandra Loddi. Bald siedelten sich reiche italienische Familien, die Jesuiten und kapitalkräftige jüdische Bankiers in der aufstrebenden Handelsstadt an.

„Die Jugoslawen kauften Jeans und Kaffee, die Italiener Fleisch und Benzin“

Zwei im 19. Jahrhundert angelegte Eisenbahnlinien, die Österreich mit dem Hafen in Triest verbanden, stärkten nicht nur die Position der Stadt als Verkehrsknotenpunkt, sondern bescherten ihr auch vermehrt Besucher: Noch immer künden in Gorizia die Parkanlagen im „Giardini di Corso Verdi“ von den Zeiten, als das „österreichische Nizza“ als Luftkurort geschätzt wurde.

Nach dem Zweiten Weltkrieg war es zunächst der Kalte Krieg, der in der Vielvölkerregion für neue Abgrenzungen sorgte. Die Westalliierten wollten die Grenze zwischen dem nun sozialistischen Jugoslawien und Italien möglichst weit nach Osten, die Sowjetunion möglichst weit nach Westen verlagern. Triest und weite Teile Istriens blieben noch bis 1954 unter internationaler Verwaltung. Die Grenze in Gorizia wurde hingegen bereits 1947 festgelegt. 95 Prozent des Stadtzentrums wurden Italien, die Vorstädte und das Umland im Osten sowie einer der beiden Bahnhöfe Jugoslawien zugeschlagen. Bereits 1948 wandte sich Jugoslawiens sozialistischer Staatslenker Josip Broz Tito von Stalin ab – und war der Kalte Krieg zumindest in der neuen Zwillingsstadt bald beendet.

In den Vitrinen des Grenzmuseums sind die Passierscheine noch zu sehen, die den kleinen Grenzverkehr erleichterten sowie Handel und Schmuggel florieren ließen. „Die Jugoslawen kauften Schuhe, Jeans und Kaffee, die Italiener Fleisch, Rakija oder Benzin“, so Klavora.

Die Unabhängigkeit Sloweniens 1991 hatte im Grenzalltag paradoxerweise mehr Konsequenzen für Gorizia als für Nova Gorica. Erst versiegte der Einkaufstourismus aus dem zerfallenen Jugoslawien. Und als Slowenien 2004 der EU und 2007 der Schengenzone beitrat, verlor Gorizia nicht nur seine Position als Außenposten der EU, sondern auch Speditionen und Zollbehörden.

Kulturhauptstadtjahr wird am 8. Februar eröffnet

Nicht nur eine etwas überalterte Bevölkerung macht dem italienischen Gorizia heute zu schaffen: Selbst im schmuck überholten Zentrum künden die unübersehbaren „Zu verkaufen“-Schilder an Läden und Wohnhäusern von den Mühen eines noch nicht vollzogenen Strukturwandels.

Zwar sind auch in Nova Gorica die goldenen Zeiten des „Perla“-Casino als größter Glückspielstempel Südosteuropas längst vorbei. Doch auch die 1995 eröffnete Universität hat die jüngste Stadt Sloweniens jung bleiben lassen. Ob in der Fußgängerzone in der Rejceva Ulica oder im mondänen Café „Dolce Vita“: Das Zentrum der slowenischen Stadt wirkt tagsüber belebter als die stillen Altstadtgassen im fast drei Mal so großen Gorizia.

Vom Titel von Europas Kulturhauptstadt verspricht man sich derweil auf beiden Seiten der Grenze segensreichen Nutzen. Auch wegen der millionenschweren Investitionen beider Staaten und der EU in die Umnutzung einstiger Lagerhallen und Lkw-Terminals in neue Kulturtempel und in die Schaffung eines neuen grenzüberschreitenden Stadtzentrums am Europa- oder Transalpina-Platz erhofft sich die Doppelstadt einen nachhaltigen Entwicklungsimpuls. Das Kulturjahr sei „nicht das Ende, sondern der Anfang“ eines massiven Investitionsschubs in die Region, versichert die slowenische Organisationschefin Lorbek.

Mit einem Umzug von Gorizia nach Nova Gorica soll das Kulturhauptstadtjahr am 8. Februar eröffnet werden, Sie hoffe, dass das Jahr nicht nur zur Überwindung der Grenzen beitrage, sondern auch zu der von Sprachbarrieren und Mentalitätsunterschieden, so Kocina, die als Tochter einer Slowenin und eines Italieners über beide Staatsbürgerschaften verfügt: „Die Leute hier waren immer gemischt. Wir wollen die Grenze als Schmelz- und Treffpunkt nutzen.“

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