Europäische Union ganz nah Mit Spitzenfrauen an die Spitze

Durchgestartet mit Ehrgeiz und EU: Marianna Wollfarth Foto: privat

Marianna Wollfarth will gestalten und selbst entscheiden. Zwei EU-geförderte Programme haben ihr ermöglicht, dieses Ziel zu erreichen.

Stuttgart - Die Europäische Union ist nicht nur eine abstrakte, ferne Bürokratie in Brüssel. Sie ist für viele Bürger ganz unmittelbar zu spüren – zum Beispiel für die Managerin Marianna Wollfahrt:

 

Sie ist überzeugte Europäerin. Zwei EU-Programme hätten ihr ermöglicht, ihre Träume zu verwirklichen, erzählt die 42-jährige Russin Marianna Wollfarth. Schon während ihres Sprachstudiums in Minsk habe sie gewusst, dass sie eines Tages im Ausland arbeiten wolle und sich darauf vorbereitet. Neben ihrer Muttersprache spricht sie fließend Deutsch, Englisch und Spanisch.

Seit 17 Jahren lebt die Managerin in Deutschland. Die erste Chance bot sich nach ihrem Abschluss als Diplomdolmetscherin in den 1990er Jahren mit Tacis (Technische Hilfe für die Gemeinschaft Unabhängiger Staaten) – das 1991 aufgelegte Programm sollte die Staaten der ehemaligen Sowjetunion beim Übergang zu Marktwirtschaft und Demokratie unterstützen. Ein Jahr lang arbeitete sie als Assistentin in einer Beratungsfirma bei Düsseldorf, dann kehrte sie nach Belarus zurück, um für ein internationales Handelsunternehmen die Geschäftsbeziehungen zwischen Deutschland und Osteuropa zu koordinieren und auszubauen.

Selbst gestalten und entscheiden

Auf Dauer reichte das der ehemaligen Leistungssportlerin allerdings nicht. „Ich wollte einen Beruf, in dem ich selbst gestalten und entscheiden kann“, erzählt die Akrobatin. Ihr sei früh klar gewesen, dass sie dieses Ziel ohne ein internationales Wirtschaftsstudium nicht erreichen würde. Großbritannien und die USA kamen wegen der hohen Studiengebühren nicht in Frage. Sie entschied sich erneut für Deutschland. An der Hochschule Pforzheim studierte sie International Business und stieg dann als Trainee bei einem MDax-notierten Unternehmen ein. Heute ist sie dort als Regionalleiterin für 300 Mitarbeiter verantwortlich.

Eine große Hilfe auf dem Weg zur Führungskraft war für Wollfarth das Programm für Spitzenfrauen in Baden-Württemberg. Während der Elternzeit war sie auf das Projekt der Steinbeis-Stiftung gestoßen, das den Frauenanteil in Führungspositionen in baden-württembergischen Unternehmen erhöhen soll. Finanziert wird das Angebot durch das baden-württembergische Wirtschaftsministerium und den Europäischen Sozialfonds. Für die aktuelle dreijährige Förderperiode bis 2021 stellt das Land insgesamt 126 000 Euro bereit, die EU 503 000 Euro.

Gespräche mit Mentorin

Wollfarth besuchte Vorträge und Seminare, nahm an Betriebsführungen teil und tauschte sich mit vielen anderen Frauen aus. „Es war spannend, so viele Frauen zu treffen, die ähnliche Ziele hatten wie ich“, sagte sie. Bis zu dem ersten Spitzenfrauen-Treffen hatte sie in Deutschland fast nur mit männlichen Führungskräften zu tun gehabt. Besonders wichtig war für sie das Mentorinnen-Programm. „Führungskräfte müssen bestimmte Spielregeln beherrschen. Als Frau bewegt man sich auf dünnem Eis, wenn man eigene Spielregeln anwendet.“ Dabei hätten ihr die Gespräche mit ihrer Mentorin sehr geholfen. „Sie hatte bereits Einiges des Weges zurückgelegt, der damals noch vor mir lag.“ Auch heute stehen die beiden weiter in Kontakt. Manchmal genüge ein kurzer Anruf, um bei schwierigen Entscheidungen Klarheit zu bekommen.

Vorbilder und Netzwerke wichtig

Ihr Wissen und ihre Erfahrungen gibt Wollfarth nun an andere Frauen weiter, als Mentorin an ihrer ehemaligen Hochschule, bei Podiumsgesprächen und als Vorgesetzte. Frauenförderung sei ihr wichtig, sagt sie, ohne Vorbilder und Netzwerke sei vielen Frauen der Weg nach oben verbaut. Vor allem rät sie zu mehr Selbstbewusstsein – Frauen in Deutschland schätzten ihre Fähigkeiten noch immer oft geringer ein als Männer, hat sie beobachtet. Bei ihr selbst war das nie der Fall. In Russland sei es selbstverständlich gewesen, dass Frauen Karriere machen – auch wenn sie Kinder hatten. Damit in Deutschland mehr Frauen mitentscheiden und mitgestalten können, brauche es bessere Kinderbetreuung und eine Frauenquote – für Parlamente wie Aufsichtsräte. Sich dafür einzusetzen sei sie auch ihrer Tochter schuldig.

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