Europäisches Theaterfestival Europa zu Gast im Schauspiel Stuttgart

Szene aus Dušan David Pařízeks „Moskoviada“-Inszenierung am Divadlo X10 Theater in Prag. Theatergruppen aus der Ukraine, Polen und Tschechien sind im März zu Gast im Stuttgarter Schauspielhaus. Foto: Patrik Borecky

„Achtung Freiheit!“ ist das Motto des neuen Europäischen Theaterfestivals des Stuttgarter Schauspiels, das den Europäischen Theaterpreis ablöst. Welche Länder zu Gast in der Landeshauptstadt sind und welche Themen verhandelt werden.

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Ein Kleinwagen mit Belgrader Kennzeichen parkt direkt neben dem Mitarbeitereingang des Kammertheaters. Ob schon die ersten Theaterleute angereist sind für Proben am Stuttgarter Staatsschauspiel? Wenn, dann zumindest nicht für dieses Jahr im März. Das ist beim Gespräch mit dem Intendanten Burkhard C. Kosminski und der Chefdramaturgin Gwendolyne Melchinger wenige Minuten später auf der anderen Straßenseite der Stadtautobahn, im Chefzimmer des Schauspielhauses, zu erfahren.

 

Das Schauspiel Stuttgart veranstaltet ein neues Format, das „Europäische Theaterfestival“ unter dem Motto „Achtung Freiheit“. Es soll alle zwei Jahre stattfinden – und es löst den unschön beendeten Europäischen Theaterpreis ab. Zur Erinnerung: Der designierten Preisträgerin Caryl Churchill war 2022 die mit 75 000 Euro dotierte Auszeichnung wegen Antisemitismusvorwürfen aberkannt worden.

Dass nun das Preisgeld, die finanzielle Unterstützung durch das Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst des Landes Baden-Württemberg, nicht gestrichen ist, sondern in ein Theaterfestival fließt, das mehrere europäische Handschriften zeigt, ist als glückliche Fügung zu bezeichnen. Sogar neue finanzielle Unterstützer konnten mit der Baden-Württemberg Stiftung hinzugewonnen werden.

Künstlerische Freiheit, Demokratie im Allgemeinen ist in mehreren europäischen Ländern in Gefahr, da hätte man angesichts der politischen Wetterlage auch Kunst aus Italien oder Ungarn erwarten können, doch die Gäste reisen vom 21. bis 28. März aus der Ukraine an, aus Polen und Tschechien.

Stücke aus der Ukraine, Polen und Tschechien

Noch mehr Länder sind als Koproduzenten mit im Boot für die Produktion, die mit der mit vier Stunden längsten Spielzeit aufwartet: „Elisabeth Costello: Sieben Vorlesungen und fünf Moralgeschichten“ heißt der Abend nach Texten des südafrikanischen Literaturnobelpreisträgers J.M. Coetzee. Regie führt der polnische Theater- und Opernregisseur Krzysztof Warlikowski. Ältere Theaterfans erinnern sich – um die Jahrtausendwende inszenierte Warlikowski in Stuttgart die Shakespearestücke „Was ihr wollt“ und „Der Sturm“, an der benachbarten Oper hat er ebenfalls gearbeitet.

Wer der Produktion „Elisabeth Costello“ über eine fiktive Schriftstellerin, die Missstände in der Welt anprangert und die 2024 am Nowy Teatr in Warschau Premiere hatte, hinterherfahren wollte oder dies noch vorhat, hätte eine veritable Europareise im Plan: Mitproduzenten sind das Festival d’Avignon, das Théâtre de Liège, das La Colline théâtre national in Paris, Les Théâtres de la Ville de Luxembourg, das Athens Epidaurus Festival und das Malta Festival 2024.

Auch andere deutsche Bühnen, berichtet Burkhard C. Kosminski, hätten sich um die Produktion bemüht, dass Stuttgart den Zuschlag erhalten hat, sei eine große Freude. „Und es ist schauspielerisch ein wunderbarer, ein inspirierender Abend“, verspricht die Chefdramaturgin Gwendolyne Melchinger.

Mit zwei Stücken vom Divadlo X10 Theater in Prag wird der Kontakt mit Dušan David Pařízek vertieft, der in Stuttgart zuletzt Döblins „Berlin Alexanderplatz“ inszeniert hat. Er wird wieder eine Romanadaption zeigen – Remarques „Im Westen nicht Neues“ in Kombination mit „Grüne Korridore“, einem Werk der Ukrainerin Natalka Vorozhbyt. So treffen Fronterfahrungen von Soldaten 1918 auf Fluchterfahrungen von Frauen heute.

Dass die Ukraine im Zentrum des Festivals steht, ist folgerichtig für das Haus, das zu Künstlerinnen und Künstlern aus dem Bürgerkriegsland seit Kriegsbeginn kontinuierlich enge Beziehungen pflegt – seit 2022 Artist in Residence ist etwa Maryana Smilianets, von ihr stammt die Eigenproduktion fürs Festival „Willkommen am Ende der Welt“. Je nachdem wie sich die internationalen Beziehungen entwickeln, könnte sich, so vermutet der Intendant, gerade zur Festivalzeit bezüglich des Schicksals der Ukraine einiges verändern. Kosminski: „Wir wollen mit den Produktionen zudem zeigen, wie selbst unter schwierigsten Bedingungen in diesem Bürgerkriegsland Kunst und Kultur entstehen.“

Junge Kunst – die Autorin Vira Makoviy und der gefragte Regisseur David Petrosyan – sind mit der Kiewer Theaterarbeit „Buna“ zu erleben. Und ein Werk aus dem 18. Jahrhundert findet den Weg ins heutige Stuttgart: Kosminski berichtet von seinem Besuch in Berlin, wo er „Die Hexe von Konotop“ anschauen wollte, die 2023 in Kiew Premiere hatte. Kosminski: „Um 18 Uhr stand ich fast ganz allein da, um 18.50 Uhr hatte sich eine lange Schlangen gebildet – der Saal hat Platz für 1700 Zuschauer und genauso viele Menschen, Junge, Alte, Paare, Familien waren gekommen, um ihre Kultur, ihr Theater zu feiern. Das war ein berührender Moment.“

Info

Programm
Das neue Europäische Theaterfestival des Schauspiel Stuttgart findet vom 21. bis 28. März statt unter dem Motto „Achtung Freiheit!“. Der Schwerpunkt der fünf Gastspiele und einer Eigenproduktion liegt auf Osteuropa, besonders Ukraine, Polen, Tschechien.

Stücke
„Elisabeth Costello: Sieben Vorlesungen und fünf Moralgeschichten“ nach Texten von J.M. Coetzee, Regie: Krzysztof Warlikowski am 21.+ 22. März, je 18 Uhr im Schauspielhaus. „Diptychon 1918/2022. Von Soldaten und Frauen auf der Flucht. Im Westen nichts Neues / Grüne Korridore“ von Erich Maria Remarque und Natalka Vorozhbyt, Regie: Dušan David Pařízek am 24. März um 19.30 Uhr im Schauspielhaus. „Moskoviáda“ von Juri Andruchowytsch, Regie: Dušan David Pařízek am 25. März um 19.30 Uhr im Schauspielhaus. „Buna“ von Vira Makoviy, Regie: David Petrosyan am 26. März um 20 Uhr im Kammertheater.

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