Europäisches Theaterfestival im Schauspiel Stuttgart Wo bleibt die Hexe von Konotop?

Szene aus „Die Hexe von Konotop“ Foto: Julia Weber

Bewegender Abend: Das Kiewer Ivan Franko Nationaltheater war am Schauspiel Stuttgart zu Gast – eingeladen mit Sondermitteln des Landes.

Gorki, Tschechow, Puschkin – russische Dramatiker sind bekannte Größen auf deutschen Bühnen. Von ukrainischen Dichtern wie Hryhorii Kvitka-Osnovianenko (1778-1843), einem Zeitgenossen Schillers und Goethes, hört und liest man hier dagegen wenig. Umso schöner, dass Kvitka-Osnovianenkos satirische Erzählung „Die Hexe von Konotop“ in der Bühnenadaption von Ivan Uryvskyi am Donnerstag beim Europäischen Theaterfestival im Schauspiel Stuttgart zu erleben war.

 

Ministerin Petra Olschowski (Bündnis 90/Grüne) betont stolz in ihrer Begrüßung, dass das Kiewer Ivan Franko Nationaltheater mit Sondermitteln des Landes nach Stuttgart eingeladen werden konnte.

Die Geschichte endet bitter

Dass man in Deutschland bisher von ukrainischer Kunst viel verpasst hat, zeigt Uryvskyis poetische Inszenierung, die vor einer weiß getünchten Wand mit Holztür und Fensterläden im Dorf Konotop im 18. Jahrhundert spielt. Der Hauptmann Mykita ist faul und will nicht mit seiner Hundertschaft in den Krieg ziehen. Stattdessen lungert er mit seinem Gehilfen im Dorf herum und schielt nach einer jungen Frau. Doch die liebt einen anderen, der jünger und schöner ist als Mykita, der wiederum den Nebenbuhler mit einer List aus dem Dorf ins weit entfernte Tschernihiw schickt, um bei seiner Angebeteten freies Spiel zu haben.

Ein Dorn im Auge sind Mykita noch drei als Hexen verschriene Frauen, die er einem grausamen Test unterzieht. Alle drei senkt er mit einem Mühlstein um den Hals ins Wasser, überlebt eine die Tortur, muss sie eine Hexe sein. Die Überlebende spielt nun ihrerseits böse mit Mykita; die Geschichte endet bitter.

Sie singen und sie weinen

Uryvskyis Inszenierung setzt auf ein körperbetontes Spiel, neben den stilisiert folkloristischen Tanzeinlagen (Olga Semyoshkina) fällt die expressive Gestik auf. Wenn Mykita im Akkord Kürbiskerne knabbert oder seine Glieder wie im Stroboskop-Licht zucken lässt, wirkt die Figur wie einem verrückten Trickfilm entsprungen. Die als Hexen bezeichneten Frauen sitzen in weißen Kleidern und mit weiß geschminkten Gesichtern vor der Hauswand, bewegen sich nur sparsam und immer synchron. Anstatt zu sprechen, gellen sie düstere Lieder. Eindrucksvoll inszeniert Uryvskyi das Ertrinken, in dem sich die Frauen vor der weißen Wand stehend in einem blauen Lichtstrahl winden und krümmen, mit zum Schrei aufgerissenem Mund.

Über Kvitka-Osnovianenko kann man lesen, dass er sich früh für Initiativen zur Frauenbildung eingesetzt hat. Diese Empathie zeigt sich auch im Stück: Die Männer sind Trottel und die Frauen ihnen haushoch überlegen, obwohl sie unter den Männern leiden. Im Saal sind an diesem Abend auch viele Ukrainer, die begeistert dem Spiel folgen. Zum Applaus gibt es stehende Ovationen, Blumen und Geschenke für das um Fassung ringende Ensemble. Spontan singen Zuschauer und Schauspieler die ukrainische Nationalhymne, einige weinen. Es bräuchte jetzt eine Hexe von Konotop, die mit ihrem langen Atem Putin und dessen Soldaten vom Schlachtfeld in die Pampa pustet. Doch leider ist dieser Albtraum kein schönes Dichtermärchen.

Weitere Themen

Weitere Artikel zu Schauspiel Stuttgart