Europawahl 2024 Was die AfD-Hochburgen gemein haben

Dazugewonnen hat die AfD fast überall bei der Europawahl. Aber die Hochburgen der Partei haben manches gemeinsam. Foto: imago//Müller-Stauffenberg

Fast überall in Baden-Württemberg hat die AfD bei der Europawahl stark zugelegt. Bestimmte Gemeinden fallen dabei auf – es ist nicht nur Pforzheim.

Digital Desk: Simon Koenigsdorff (sko)

In den Tagen nach der Europawahl ist oft von blauen Flecken zu lesen gewesen: in Pforzheim beispielsweise, wo die AfD die Gemeinderatswahl gewonnen hat. Oder Spiegelberg im Rems-Murr-Kreis, wo die Rechtspopulisten stimmstärkste Partei bei der Europawahl geworden sind.

 

Nun zeigt eine unserer Zeitung vorliegende, noch unveröffentlichte Datenanalyse: Die Gemeinden mit vielen AfD-Wählern haben Gemeinsamkeiten. Auch bei den Verlusten von Grünen und SPD zeigen sich Muster. Zugespitzt ließe sich die typische AfD-Hochburg in Baden-Württemberg so beschreiben: Es leben dort viele Arbeitslose, wenige Akademiker – und sie war früher schon eine Hochburg der stramm rechten „Republikaner“.

Wo einst die „Republikaner“ stark waren

Vor Ort ist die Sache natürlich nie so einfach. Doch die Muster, die die Politikwissenschaftler Marc Debus und Julius Kölzer in einer statistischen Analyse aller baden-württembergischen Gemeinden finden, deuten auf solche Trends hin: Wo die AfD heute bei der Europawahl erfolgreich ist, erhielten in den 1990er Jahren die „Republikaner“ vergleichsweise viele Stimmen – in Pforzheim bei der Landtagswahl 1992 rund zwanzig Prozent. „Es gibt in bestimmten Gemeinden offenbar ein Potenzial, rechtsextreme Parteien überdurchschnittlich stark zu unterstützen“, sagt Debus, Professor an der Uni Mannheim.

Debus sieht Hinweise auf ökonomische und historisch-kulturelle Traditionslinien – in manchen, gerade protestantisch geprägten Regionen gebe es diese Affinität schon länger. Dieses Reservoir an Wählern ist aber womöglich bereits ausgeschöpft. Der starke Zuwachs der AfD erklärt sich jedenfalls nicht (mehr) allein aus früheren rechten Wahlerfolgen. „Es scheint, als erschließe die AfD neue Wählergruppen“, sagt Debus. Das Phänomen finden die Forscher auch in anderen Bundesländern.

Ausgewertet haben die Forscher auch andere Faktoren, zum Beispiel den Akademikeranteil. „Die AfD ist da erfolgreich, wo viele Menschen keinen akademischen Abschluss haben, und dort sind auch die Zugewinne im Vergleich zur Europawahl 2019 höher“, sagt Kölzer. Auffällig ist auch die Arbeitslosenquote – wo sie hoch ist, schneidet auch die AfD stark ab, während viele Ärzte im Ort und damit eine gute medizinische Infrastruktur statistisch öfter für ein leicht niedrigeres AfD-Ergebnis sprechen.

In eine ähnliche Richtung weisen weitere Daten, die unsere Redaktion für die baden-württembergischen Gemeinden ausgewertet hat. So zeigt sich, dass die AfD in Gemeinden mit hoher Bevölkerungsdichte tendenziell schlechter abgeschnitten hat. Bei diesen dicht besiedelten Gemeinden handelt es sich häufig um akademisch geprägte Großstädte oder um Gemeinden, die in direkter Nachbarschaft zu ihnen liegen.

Städte wie Stuttgart, Ludwigsburg, Esslingen und Karlsruhe fallen alle in diese Kategorie, Pforzheim bildet eine Ausnahme. Noch klarer ist der Trend für CDU, Grüne und SPD: Während Rot-Grün auch 2024 in urbaneren Gegenden wesentlich stärker ist, sind CDU-Ergebnisse jenseits der 40 Prozent weiterhin vor allem in dünn besiedelten, ländlichen Gemeinden zu finden.

Die CDU ist in den Dörfern besonders erfolgreich

Den Zusammenhang zeigt die folgende Grafik: Jeder Punkt steht für eine Gemeinde – je weiter rechts sie steht, desto höher ist der Stimmenanteil, und je weiter oben, desto dichter ist sie bewohnt. Ein Klick auf einen Punkt zeigt den Namen des Orts und weitere Details, über die Umschalt-Buttons oben lässt sich die Partei wechseln.

Kaum eine Rolle spielt die Altersverteilung für die AfD-Ergebnisse. Und auch wenn messbare Einflüsse wie Arbeitslosigkeit es nahelegen, ist es schwierig, angesichts der hohen AfD-Ergebnisse von „Abgehängten“ zu sprechen. Wie einzelne Gruppen gewählt haben, lässt sich aus den Gemeindeergebnissen nämlich nicht herauslesen: Arbeitslose sind nicht automatisch AfD-Wähler; es zeigt sich lediglich ein Zusammenhang von Orten mit hoher Arbeitslosigkeit und AfD-Stimmenanteilen.

Umfragen können helfen, solche möglichen Zusammenhänge aufzuklären. Sie bestätigen meist, dass die AfD besonders unter Männern und unter Menschen ohne Hochschulabschluss stark ist – auch wenn sie zuletzt offenbar auch Unterstützung aus anderen Gruppen erhalten hat, gerade auch unter Jüngeren. Laut Debus hat ein Migrationshintergrund kaum Einfluss auf die Wahlentscheidung – einzig Menschen, die sich als Russlanddeutsche verstehen, neigen offenbar etwas stärker der AfD zu.

Wer wo dazugewonnen hat

Auffällig ist auch, dass die AfD dort stärker hinzugewonnen hat, wo sie bereits 2019 ihre höchsten Stimmenanteile erzielt hat. In Orten wie Ruppertshofen (Ostalbkreis) konnte sie ihr Ergebnis von 13,6 auf 28,6 Prozent mehr als verdoppeln, in Großerlach (Rems-Murr-Kreis) stieg der AfD-Stimmenanteil von 19,3 auf 27,3 Prozent. Im Landesschnitt legte die Partei dagegen von 10 auf 14,7 Prozent zu.

Die Grafik zeigt jede Gemeinde als Punkt – je größer, desto mehr Einwohner, je weiter rechts, desto höher der Stimmenanteil bei der Europawahl 2019, und je weiter oben, desto höher der Zugewinn bei der Europawahl 2024.

Die CDU hat mit plus 1,2 Prozentpunkten bei der Europawahl auf Landesebene leicht zugelegt – in manchen Gemeinden bedeutet das einen Zugewinn, in manchen aber auch einen Verlust. Während Zugewinne vor allem dort zu verzeichnen sind, wo die CDU 2019 weniger stark abgeschnitten hat, verliert sie stärker in ihren Hochburgen. Die Grünen haben praktisch überall Stimmenanteile verloren, die SPD in den allermeisten Gemeinden.

Man kennt das von den Grünen

Die Grünen stürzten mit minus 9,5 Prozentpunkten landesweit regelrecht ab – und zwar vor allem dort, wo die Partei 2019 besonders stark war. Kölzer zieht den Vergleich zum Rekord-Wahlergebnis der Grünen bei der Europawahl 2019, als die Partei landesweit 23,3 Prozent holte. „Die Grünen haben 2019 dort sehr stark hinzugewonnen, wo sie schon zuvor stark waren“, konstatiert der Politikwissenschaftler. Ausgerechnet dort haben sie 2024 auch wieder stärker verloren – in gewisser Weise werde die Partei also auf ihren Stand vor der Wahl 2019 „zurücknormalisiert“, so Kölzer.

Nicht ganz so drastisch sind die Verluste in den großen Universitätsstädten ausgefallen, in Stuttgart, Karlsruhe, Freiburg oder Tübingen haben die Grünen weniger Prozentpunkte eingebüßt als im Landesschnitt. „Dort haben die Grünen meist einen stabilen Rückhalt“, sagt Debus.

Laut Debus zeigt sich am Absinken der Grünen ein oft beobachteter Effekt: Parteien, die in der Regierung sind, werden an der Urne stärker abgestraft – erst recht, wenn es sich um eine vermeintlich weniger wichtige Wahl wie die Europawahl handelt.

Daten und Methodik

Analyse
Die Daten zum Einfluss von Akademikeranteil, Arbeitslosenquote, Republikaner-Wahlergebnis, Arztdichte und anderen Faktoren stammen aus einer noch unveröffentlichten Untersuchung der Politikwissenschaftler Marc Debus und Julius Kölzer.

Daten
Die statistischen Zusammenhänge zwischen den Wahlergebnissen der Parteien und ihren Stimmenzuwächsen sowie Einwohnerdichte und Altersgruppen basieren auf amtlichen statistischen Daten und wurden von unserer Redaktion selbst berechnet. Wir haben dabei 1017 der 1101 Gemeinden im Land berücksichtigt – ausgenommen wurden Gemeinden ohne eigene Briefwahl, um die Ergebnisse nicht zu verzerren.

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