Europawahl Wahlprognose mit Sindelfinger Stimmen

Wie entstehen eigentlich die Wahlprognosen? Wir haben einen Interviewer begleitet, der einige Wähler in Sindelfingen für die ersten Hochrechnungen der ARD befragt hat.

Kreuzchen machen für die Hochrechnungen – das durften einige Sindelfinger nach der Stimmabgabe. bei Ralf  Barnsteiner. Foto: factum/Weise 6 Bilder
Kreuzchen machen für die Hochrechnungen – das durften einige Sindelfinger nach der Stimmabgabe. bei Ralf Barnsteiner. Foto: factum/Weise

Sindelfingen - Um Punkt 18 Uhr schließen in Deutschland die Wahllokale. Erst dann beginnt die Auszählung der Stimmen. Doch bereits zwei Minuten später flimmern die ersten Hochrechnungen über die Bildschirme. Und zumeist weichen diese ersten Prognosen über den Ausgang der Wahl von den späteren tatsächlichen Ergebnissen nur wenig ab. „Wie kann das sein? Wie kommen die Fernsehleute zu diesen Wahlergebnissen?“ – das fragen sich viele Bürger an den Wahlsonntagen. Auch Sabine Tobar. An diesem Wahlsonntag nun erhielt die Sindelfingerin darauf eine Antwort. Gleich nachdem sie in der Kindervilla Wittmann in der Calwer Straße ihre Stimmzettel für die Wahlen des Gemeinderats, des Kreistags sowie des Regional- und des Europaparlaments in die Urnen geworfen hatte, wurde sie im Flur gleich noch einmal zur Stimmabgabe gebeten.

Im Foyer der Kindertagesstätte steht Ralf Barnsteiner, ein Mitarbeiter des Instituts infratest dimap, das für die Europawahl-Prognosen der ARD die Daten sammelt. „Sie würden uns helfen, wenn Sie ihre Stimmabgabe zur Europawahl noch einmal bestätigen“, sagt er und reicht Sabine Tobar ein Blatt. Darauf soll sie die Partei ankreuzen, die sie gewählt hat. Außerdem wird nach ihrem Alter und ihrem Geschlecht gefragt. „Das ist alles vollkommen anonym,“, beruhigt Barnsteiner Sabine Tobar. Und die 50-Jährige zögert nicht lange und füllt den Bogen aus.

Daten aus bundesweit 400 Wahllokalen werden ausgewertet

In 400 Wahllokalen in ganz Deutschland sind am Sonntag Mitarbeiter von infratest dimap unterwegs gewesen. Erstmals auch in der Sindelfinger Kindervilla Wittmann. 43 Wallokale plus neun Briefwahlbezirke hat die Stadt Sindelfingen. Warum ausgerechnet die Villa Wittmann, in der 416 Wahlberechtigte ihre Stimmen abgeben konnten, ausgewählt worden war, weiß die Sindelfinger Stadtsprecherin Nadine­ Izquierdo nicht. „Bei uns waren schon oft Interviewer für die Wahlprognosen dabei. Aber jedes Mal ist ein anderes Wahllokal dran.“ Die genauen Kriterien kenne sie nicht, sagt sie.

„Der Grund, warum gerade dieses Wahllokal in Sindelfingen ausgesucht wurde, ist ein methodischer, kombiniert mit dem Zufall“, erklärt Irina Roth, die Sprecherin von infratest dimap. „Wir ziehen aus allen Wahllokalen in Deutschland eine zufällige Auswahl von 400 Stimmbezirken.“ Diese Zufallsauswahl werde dann auf verschiedene Gegebenheiten überprüft. Zum Beispiel wird nachgesehen, ob man mit dieser Auswahl bei den letzten Wahlen eine gute Prognose erzielt habe. „Das heißt aber nicht, dass Sindelfingen eine für Deutschland repräsentative Gemeinde oder dort der Durchschnittswähler zu finden ist. Sondern nur, dass dieser Wahlbezirk in Kombination mit allen anderen Bezirken unserer Auswahl besonders gut geeignet ist“, erklärt Roth.

90 Prozent der Wähler machen mit

Ralf Barnsteiner ist zum ersten Mal als Interviewer bei einer Wahl dabei. „Ich bin für eine Kollegin eingesprungen, die heute nicht kann“, sagt er. Erfahrungen als Interviewer hat er aber schon. „Ich befrage für Meinungsforschungsinstitute Leute zu allen möglichen Themen.“ Die Arbeit vor dem Wahllokal empfindet er als ausgesprochen angenehm, „Die meisten Leute machen gerne mit, wenn ich sie darauf anspreche.“ Auf etwa 90 Prozent schätzt er die Resonanz.

Für seinen Arbeitstag hat er strenge Vorgaben. In sieben Zeitfenstern zwischen 8.35 und 17.25 Uhr erhebt er für jeweils 40 bis 60 Minuten die Wahlergebnisse. Zwischen diesen Blöcken geht er in ein nahe gelegenes Café und gibt die Ergebnisse telefonisch an eine Mitarbeiterin in München durch. Diese trägt die Ergebnisse gleich auf einer speziellen Plattform ein. Dort laufen die gesammelten Daten aus allen 400 deutschen Wahllokalen ein, in denen Interviewer die Wähler befragen. So können die Experten dann um kurz vor 18 Uhr die erste Prognose erstellen, die dann nach der Schließung der Wahllokale über die deutschen Bildschirme flimmert.

Dieses Mal zählt auch die Stimme von Sabine Tobar bei der ersten Prognose mit. „Sehr spannend ist das alles“, findet sie. Und sie wird um 18 Uhr noch interessierter als sonst vor dem heimischen Fern­seher sitzen. „Denn jetzt verstehe ich endlich, wie die Fernsehsender zu ihren Prognosen kommen.“