Lob für European Championships 2022 Frank Busemann: „Alles wie aus einem Guss“

Experte und Ex-Leichtathlet: Frank Busemann Foto: IMAGO/Chai v.d. Laage/IMAGO/Gladys Chai von der Laage

Ex-Zehnkämpfer Frank Busemann hat das Sportfest in München als ARD-Experte begleitet und war von der Veranstaltung begeistert.

Sport: Dominik Ignée (doi)

Der ehemalige Zehnkämpfer und Hürdensprinter Frank Busemann hat als Fernsehexperte auch seinen persönlichen EM-Marathon hinter sich. München 2022 hat ihn geschlaucht – aber auch sehr berührt.

 

Herr Busemann, wie hat Ihnen als Leichtathletik-Experte der ARD die Multi-EM in München gefallen?

Die Veranstaltung war ein Traum. Es hätte nie zu Ende gehen dürfen.

Sie sind aber euphorisch.

Natürlich. Als ich vorletzte Woche Freitag angekommen war, da fing das Ganze ja schon an. Ich bin übers Olympiagelände scharwenzelt, und da waberte so der Geist der Sommerspiele 1972 umher. Ich hatte so viel Leichtigkeit und Fröhlichkeit wahrgenommen – einfach schön, so etwas zu erleben. Alles passte, alles war wie aus einem Guss: die Zuschauer, das Wetter, der Olympiapark.

Zu spät gekommen

Haben Sie denn auch mal die Zeit gehabt, sich andere Sportarten anzuschauen?

Leider nein. Einmal hätte ich es fast geschafft. Da bin ich zum Turnen marschiert, aber dort sagten sie mir: „Es ist schon vorbei. Du kannst wieder nach Hause gehen.“

Nach der WM in Eugene hieß es, die deutsche Leichtathletik liege am Boden. Ist sie in München wieder aufgestanden?

Kurzfristig ist sie aufgestanden, vielleicht auch auferstanden. Aber wenn wir ganz ehrlich sind – und ich bin jetzt vielleicht ein bisschen der Spielverderber oder die Spaßbremse –, ist das natürlich nicht die ganze Wahrheit.

Und was ist die ganze Wahrheit?

Hier in München hat jetzt viel zusammengepasst. Der viel beschworene Heimvorteil ist ein riesiger Booster gewesen für unsere Athleten, und das darf auch so sein. Doch in fernen Ländern bestehen zu können, das zeichnet zum Beispiel eine Malaika Mihambo aus, die dann eben in Eugene WM-Gold gewinnt. Die Wahrheit liegt irgendwo zwischen Eugene und München.

Fokus lag auf EM

Wie meinen Sie das?

Die Ergebnisse in Eugene waren ein bisschen böse und nicht so wie erhofft. Und im Nachhinein kann man möglicherweise sagen: Okay, klar, der Fokus lag eben auf München, deshalb wurden vielleicht die letzten zwei Prozent, die man für eine Topleistung benötigt, für München aufgehoben. Und dort hat dann das Heimpublikum die Athleten zu Höchstleistungen angetrieben.

War der Dienstagabend mit Gold für Niklas Kaul und Gina Lückenkemper einer der großen Höhepunkte in der deutschen Leichtathletik-Geschichte?

Als wir aus dem Stadion herausgelaufen sind, haben wir uns alle angeguckt und gesagt: Jetzt brauchen wir nie wieder ins Stadion zu gehen. Besser kann es nicht werden. Wir haben alles erlebt, was geht. Da haben 40 000 Menschen und Niklas Kaul geworfen, nicht nur er alleine. Das war ein Gemeinschaftsprodukt. Eigentlich hat er weiter geworfen, als er kann, sag ich mal als Außenstehender.

Es gibt zurzeit heftige Diskussionen über die Fördermittel im Leistungssport. Nicht nur in der Leichtathletik. Helfen die Medaillen den Sportlern bei der Forderung nach mehr Unterstützung?

Mit voller Hose ist gut stinken, sag ich jetzt mal etwas salopp. Nein, aber im Ernst: Wir handeln im Leistungssport ja nach dem maximalen Prinzip, das heißt, wir haben einen Topf, den wir so verteilen müssen, dass hinten das Beste rauskommt. Das ist natürlich nicht leicht. Man darf da auf die Sportfunktionäre nicht immer draufhauen und sagen, die machen alles falsch, wie können die nur? Nein, die machen sich auch viele Gedanken.

Streit ums Geld

Müssen Sportler und Funktionäre mehr miteinander reden?

Klar, man muss das immer im Austausch machen. Grundsätzlich sind die Fronten erst mal verhärtet. Der Sportler sagt, er braucht mehr Geld, und der Funktionär sagt: Ich hab nicht mehr Geld. So. Da eine Lösung zu erzielen ist mitunter mit sehr viel Hirnschmalz verbunden, da muss man dann eben auch mal um die Ecke denken. Wenn ich jetzt eine Lösung hätte, würde ich mich hinstellen und sagen: Ich weiß, wie’s geht. So müsst ihr es machen, dann wird alles gut.

War für Sie zu aktiven Zeiten das Sportlerleben finanziell beschwerlich?

Das war gut machbar. Ich habe ganz gut verdient, muss ich sagen. Das, was mir wichtig war, konnte ich bezahlen, und ich hatte ja auch den Verband, der mir Trainingslager bezahlt hatte. Bei Mihambo oder Kaul geht es jetzt auch nicht um 3,50 Euro. Aber es gibt genug Medaillengewinner oder Endkampfplatzierte, die sich sehr wohl überlegen müssen, wie sie ihr Trainingslager finanzieren und das alles auf die Reihe kriegen.

Was könnte bessere Ergebnisse bringen?

Man sollte mal danach schauen, wie es vermeintlich kleine Nationen schaffen, erfolgreich zu sein. Etwa die Holländer, die Norweger, die Schweizer. Die haben nicht dieses Reservoir an Menschen wie wir hier in Deutschland, schaffen es aber, wirklich gute Leistungen zu bringen. Ich frage mich, ob man sich da nicht mal das eine oder andere abgucken kann.

Auf dem hohen Ross

Ein Blick zurück auf die Multi-EM. Es heißt, die Leichtathletik könnte als Zugpferd bald nicht mehr dabei sein.

Sie muss dabeibleiben, alles andere wäre schön blöd. Wir sehen doch, was das Format mit neun Sportarten für eine Welle der Begeisterung entfacht hat. Und das schafft nicht nur die Leichtathletik.

Profitiert auch die Leichtathletik von dem Gesamtpaket?

Klar. Eigentlich sitzen wir Leichtathleten ja immer auf dem hohen Ross einer olympischen Kernsportart. Aber der Sport hat im Ganzen eine hohe Begeisterungskomponente. Wenn wir das bündeln, funktioniert es – München hat das gezeigt.

Sie haben einen Marathon als TV-Experte hinter sich. Liegt Frank Busemann zu Hause erst mal zwei Tage im Bett?

Ich werde morgens wieder die Butterbrote für meine drei Kinder schmieren, und später bin ich der Papa, der sie zum Training bringt.

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