European League of Football So baut Trainer Martin Hanselmann das Team von Stuttgart Surge

Martin Hanselmann (mit Klemmbrett) vermittelt den Spielern von Stuttgart Surge, auf was es ihm bei der Trainingsarbeit ankommt. Foto: Stuttgart Surge

Martin Hanselmann muss innerhalb von zwei Monaten ein Football-Team verpflichten und den Spielern körperliche und taktische Fähigkeiten vermitteln. ELF-Chef Patrick Esume hat es gehasst, gegen ihn zu spielen.

Sport: Jürgen Kemmner (jük)

Stuttgart - Ich habe es gehasst, gegen ihn zu spielen, weil er mit allen Wassern gewaschen ist und mir einige schwere Niederlagen zugefügt hat!“ Das sagt Patrick Esume, Deutschlands bekanntester Footballexperte und Chef der European Football League (ELF), über Martin Hanselmann, den Headcoach von Stuttgart Surge. Hanselmann lächelt, als er mit dem Zitat konfrontiert wird, und erinnert sich an die Duelle mit dem 47 Jahre alten Esume, die die beiden als Trainer miteinander ausgefochten haben. „Als wir uns 2014 zuletzt gegenüberstanden“, erzählt Hanselmann, „habe ich mit den Cologne Falcons Patricks Baltic Hurricanes aus Kiel besiegt. Es war immer hart, gegen seine Teams zu bestehen. Patrick hat stets eine variable Offensive aufs Feld geschickt, da hatte es die Defense immer sehr schwer.“

 

Die Rivalität ist Vergangenheit, nun ziehen beide am selben Strang namens ELF, Esume als Commissioner und Gesicht der Liga, Hanselmann als Cheftrainer in einer der acht ELF-Filialen in Deutschland, Spanien und Polen. Nun kann der 58 Jahre alte Ex-Bundestrainer beweisen, dass er tatsächlich mit allen Wassern gewaschen ist, was in der Footballszene kaum jemand bezweifelt. Ihm ist Anfang April die Herausforderung zugefallen, den Kader von Stuttgart Surge zusammenzustellen und die Spieler körperlich wie taktisch so auszubilden, dass sie zum Saisonstart am 19. Juni bei den Barcelona Dragons bestehen können.

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Aus mehr als 120 Bewerbern musste der Headcoach mit seinem Trainerteam die 50 Spieler aussortieren, die am 1. Mai der Liga im Kader gemeldet wurden; dazu kommen 15 Akteure, die in der Practice Squad stehen und nachnominiert werden können, wenn ein Spieler auf die Verletztenliste kommt. „Du hast ein paar Wunschkandidaten, die du direkt angehst“, erzählt Hanselmann, „das sind Spieler aus Nordamerika.“ Dazu zählen die US-Akteure David Meza (Tight End), Joshua Topscott (Runningback), Dale Warren (Linebacker) und Quarterback Jacob Wright, der 2020 bei Erstligist Allgäu Comets hätte spielen sollen, doch Corona verhinderte es. Beim Spielmacher beansprucht Hanselmann das Königsrecht des Chefcoaches, „den wähle ich allein aus, weil er meinen verlängerten Arm aufs Spielfeld darstellt“. Bei den übrigen Importen aus Übersee studierten die Coaches Videos und führten Gespräche, bis sie sich einig waren, wer ein Ticket nach Stuttgart erhält. Darunter ist auch der Brite Jai Jackson, der in der Defense Line die gegnerischen Spielmacher attackieren soll. „Er ist von acht Briten der einzige, der übrig geblieben ist“, sagt der Coach. 15 Akteure wurden so verpflichtet.

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Die anderen Kandidaten haben zwei Trainingslager durchlaufen, bis 35 die Zusage bekamen. Um überhaupt eingeladen zu werden, haben viele Kandidaten Bewerbungsvideos eingereicht; es waren so viele, dass „ich eigentlich jemanden gebraucht hätte, der für mich vorsortiert“, erzählt Hanselmann. Bei seiner Auswahl hat der Franke zu den körperlichen Fähigkeiten die Charakterfrage gestellt. Denn der Kader sollte weder aus lauter Häuptlingen noch gänzlich aus Indianern bestehen. Alle müssen als Team funktionieren und zur Spielphilosophie des Clubs passen. Bei der Bewertung half Hanselmann seine Menschenkenntnis, die er in zwei Jahrzehnten als Coach gesammelt hat – denn ihm war klar, dass er mit Gesprächen und einigen Übungseinheiten keinen Probanden durchleuchten konnte. „Ich weiß genau, auf was ich achten muss“, betont der 58-Jährige. Immer im Hinterkopf hatte er den finanziellen Aspekt. Hanselmann ist nicht nur Chefcoach, sondern auch Sportdirektor und musste bei jedem Vertrag den Saisonetat beachten. Die Budgets der acht Clubs liegen bei etwa einer Million Euro.

Seit der Kader feststeht, wird die Arbeit auf dem Feld forciert. Die Spielzüge werden, je näher der Saisonstart rückt, differenzierter trainiert, es wird von vier Sequenzen der einzelnen Lauf- und Passwege auf 20 gesteigert – und so mancher Zug wird aussortiert, wenn er ungeeignet scheint. „Die Herausforderung ist“, unterstreicht Hanselmann, „in der Kürze der Zeit die richtige Auswahl an Spielzügen zu treffen und sie zu verfeinern.“ Aber das sollte einem wie ihm nicht schwerfallen. Schließlich behauptet man von ihm, er sei mit allen Wassern gewaschen.

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