Jakob Johnson spielt in der nordamerikanischen Profiliga NFL erst am Sonntagabend mit den Las Vegas Raiders bei den Buffalo Bills. Als Sieger durfte sich der Footballer mit den Stuttgarter Wurzeln aber schon am Samstagabend fühlen – und dieses Glücksgefühl drückte der 28-Jährige mit einem einzigen, aber umso deutlicheren Wort in den Sozialen Medien aus. „JAHHHHHHH!!!!!“, postete Jakob Johnson – nach dem Finaleinzug von Stuttgart Surge in der European League of Football (ELF). Der NFL-Star ist Teileigentümer des Teams.
In der österreichischen Hauptstadt hatte es kurz vor dem Ende der Halbfinalpartie noch nach einer Niederlage ausgesehen. Zwar hatten die Stuttgarter die Partie bei den Vienna Vikings lange dominiert. In der entscheidenden Phase lag das Team dann plötzlich 32:33 zurück. „Aber wir haben immer daran geglaubt, dass wir noch einen Touchdown schaffen können“, versichert am Tag danach Trainer Jordan Neuman. Und weil es tatsächlich gelang, die Partie noch zu drehen (40:33), mischten sich am Ende Freude, Jubel – und auch Verwunderung.
Denn dass Stuttgart Surge am kommenden Sonntag (15.30 Uhr/ProSieben) in Duisburg um den europäischen Football-Titel spielt, war zu Saisonbeginn kein realistisches Szenario. Zur Erinnerung: Noch 2022 hatte das Team kein einziges Spiel der regulären Saison gewonnen, die Play-offs waren Lichtjahre entfernt. Was dann folgte: „Ein verrücktes Jahr“, wie es Suni Musa, der Surge-Geschäftsführer, ausdrückt.
Viel wurde umgekrempelt, neue Spieler kamen, dazu übernahm in Jordan Neuman ein neuer Coach – der neben der sportlichen Qualität vor allem einen Grund für die Wende zum Guten in Stuttgart sieht: „Wir haben die Kultur verändert.“ Er konkretisiert: „Wir haben keine Stars, vielmehr geht es uns darum, wie wir miteinander umgehen, wie wir miteinander sprechen. Alle Spieler passen zu dieser Kultur.“ Die nun das größte Spiel der noch jungen Clubgeschichte ermöglicht hat.
Als Außenseiter ins Endspiel
Rhein Fire heißt der heißt der Gegner in einem rein deutschen ELF-Finale, das Team aus Düsseldorf setzte sich am Sonntag gegen Frankfurt Galaxy mit 42:23 durch. „Unser Kontrahent wird der Favorit sein“, sagt Neuman – aber auch der Stuttgarter Headcoach, der schon einige Titel gewonnen hat, will nun die Gelegenheit nutzen: „Ich habe der Mannschaft gesagt: Wir fahren nach Duisburg, um das Ding zu gewinnen.“
Nach dem Frustjahr unterm Stuttgarter Fernsehturm sollte es eigentlich darum gehen, die Marke zu stabilisieren und wieder positive Schlagzeilen zu schreiben. Das ursprüngliche Ziel beschreibt Suni Musa so: „Wir wollten mehr Spiele gewinnen als verlieren. Die Leute sollten wieder etwas zu sehen bekommen.“ Dass es nun um den Titel geht „war nicht vorgesehen, damit haben wir nicht gerechnet“. Wird nun aber dankbar angenommen.
Vor großer Kulisse – die Arena des Fußballdrittligisten MSV Duisburg ist schon so gut wie ausverkauft, rund 30 000 Zuschauer werden da sein – kann sich Stuttgart Surge noch einmal auf der großen Bühne präsentieren und Lust auf American Football in Stuttgart machen. Schon jetzt klingt das Zwischenfazit nach nur zwei Niederlagen in dieser Saison aber durchweg positiv.
„Wir haben uns sportlich und strukturell weiterentwickelt“, sagt Suni Musa, den vor allem der Zuspruch des Publikums begeistert: „Abgesehen vom ersten Saisonspiel hatten wir immer zwischen 4000 und 5000 Zuschauer.“ Das zeigt dem Manager: „Das Interesse ist da.“ Suni Musa sieht sogar noch deutlich mehr Potenzial in der Landeshauptstadt: „Wir wollen in Zukunft noch mehr Leute erreichen.“ Ein überraschender Titelgewinn würde den Fokus da noch deutlicher auf Stuttgart Surge lenken.
Die Party in Wien fiel nach dem Finaleinzug dementsprechend auch noch zurückhaltend aus. Denn: So unerwartet die Teilnahme am „Championship Game“ kommt, so groß ist in Stuttgart nun die Lust auf den Titel. Bei Jakob Johnson in Las Vegas vermutlich auch.