Eurovision Song Contest 2025 Groß, größer, ESC: Die Politik der Überschwänglichkeit

JJ holt den ESC mit „Wasted Love“ nach Österreich. Foto: IMAGO/TT

Österreichs JJ gewinnt den ESC 2025 mit „Wasted Love“. Deutschland enttäuscht auf Platz 15. Politische Spannungen und extravagante Auftritte prägen die Show.

Freizeit & Unterhaltung : Gunther Reinhardt (gun)

Ein Norweger muss in einer Fantasyrüstung über eine brennende Bühne turnen. Frankreich steckt eine Sängerin in eine Sanduhr. Litauen lässt ein paar Jungs, die ein bisschen zu viel New Order gehört haben, über den Wolken musizieren, Island schickt eine Band in silbern glitzernden Matrosenanzügen auf hohe See. Die Menschen, die sich die Bühnenshows für die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Eurovision Song Contest (ESC) ausdenken, lieben das Spiel mit den vier Elementen Feuer, Wasser, Erde, Luft – und auch sonst ist nichts groß genug bei diesem Spektakel, bei dem am Samstag in Basel nach einer fast vierstündigen Show der Sieg an Österreich geht.

 

Österreich vor Israel, Estland und Schweden

Der 24-jährige Countertenor JJ, der eigentlich Johannes Pietsch heißt, spielt in der exaltiert-extravaganten Ballade „Wasted Love" einen Schiffbrüchigen, der auf stürmischer See darüber klagt, im Liebeskummer zu ertrinken. JJ holt sich mit diesem Auftritt insgesamt 436 Punkte von der Jury und dem Publikum. Damit liegt er am Ende deutlich vor der israelischen Sängerin Yuval Raphael („New Day Will Rise“), die 357 Punkte erreicht. Auf Platz drei landet Tommy Cash für Estland („Espresso Macchiato“) mit 356 Punkten. Die vor der Show am Samstag noch als Favoriten gehandelten Schweden KAJ („Bara bada bastu“) werden mit 321 Punkten nur Vierte.

Und Deutschland? Stefan Raabs vollmundige Ankündigung, dass das Wiener Duo Abor & Tynna für Deutschland den Sieg holen werde, erweist sich als selbstgefälliges Wunschdenken: Am Ende reicht es mit 151 Punkten nur für Platz 15 unter den 26 Finalisten. Obwohl es immerhin zweimal zwölf Punkte von den Fachjurys der Ukraine und aus Tschechien gibt, schneidet die trotzige Elektro-Party-Pop-Nummer schlechter ab als der deutsche Beitrag im Vorjahr: 2024 schaffte es Isaak mit „Always On The Run“ auf den 12. Platz.

England und die Schweiz gehen beim Publikum leer aus

Einmal mehr erweist sich das ESC-Finale als eine Show, die Musik am liebsten mag, wenn sie überkandidelt und überschwänglich daherkommt. Mit exzentrischen Bühnenshows, grotesken Kostümierungen, einer hektischen Bildregie und einer entfesselten Kamera, die ständig durch die Halle saust, wird gerne mal auch davon abgelenkt, dass es einigen Songs an Substanz fehlt.

Allerdings gibt es diesmal etwas weniger Eurodance-Stampf zu hören also sonst beim ESC üblich. Ein paar Beiträge verweigern sich bewusst der Mehr-ist-mehr-Ästhetik – zum Beispiel die Schweizerin Zoë Më, die es mit dem schmucklosen Chanson „Voyage“ mit 214 Punkten auf Platz zehn schafft. Sie sammelt allerdings nur Punkte bei den internationalen Fachjurys. Beim Publikum kommt ihr Beitrag überhaupt nicht an. Wie auch das britische Frauentrio Remember Monday, das mit „What The Hell Just Happened?“ eigentlich einen wunderbaren Popmix aus Abba und Queen im Angebot hat, erhält Më beim Publikumsvoting keinen einzigen Punkt. Wunderbar altmodisch präsentiert sich auch Lucio Corsi für Italien „Volevo essere un duro“ – einer etwas schnulzig-ausufernden Ballade, die sich clever am Glamrock der 1970er Jahre abarbeitet und die mehr als den fünften Platz verdient gehabt hätte. Enttäuschend ist zwar auch, dass bei der von Hazel Brugger, Sandra Studer und Michelle Hunziker souverän und selbstironisch moderierten Show der angekündigte Auftritt von Céline Dion, die 1988 mit „Ne partez pas sans moi“ für die Schweiz den ESC gewann, ausfällt. Dafür interpretiert zum Beispiel Paola noch einmal den Song „Cinéma“, mit dem sie 1980 für die Schweiz antrat.

Céline Dion fehlt

Und als großartige Regie-Idee erweist sich, dass die schrillen ESC-Zweiten von 2023 und 2024 in einem absurden Mash-up gegeneinander antreten dürfen: Käärja aus Finnland („Cha Cha Cha“) und Baby Lasagna aus Kroatien („Rim Tim Tagi Dim“). Ansonsten erlebt man in Basel noch Sängerinnen, die zu eigenwilligen Marionetten werden, begegnet Feenchören in Zauberwäldern, einem der Drachen aus „Game of Thrones“, Muskelmännern auf Laufbändern, wird mit Lack-und-Leder-Sexfantasien oder ulkigen Tigerstatuen konfrontiert.

Politische Botschaften

Trotzdem: Wer glaubt, dieser opulent herausgeputzte Gesangswettbewerb, sei eine unpolitische Veranstaltung, täuscht sich. Als 1982 Nicole mit „Ein bisschen Frieden“ den Eurovision Song Contest gewann, war das natürlich ein politischer Kommentar zur aktuellen Nachrüstungsdebatte. Dass der ESC in seiner Gesamtheit ein politisches Statement für eine offene, diverse Gesellschaft darstellt, zeigt sich auch daran, dass Victor Orbáns Ungarn seit 2020 nicht mehr mitmacht, weil ihm die Veranstaltung offenbar „zu schwul“ ist. Und natürlich senden die Entscheidungen der Europäischen Rundfunkunion (EBU) Russland auszuschließen, aber Israel trotz vieler Proteste (auch vom Vorjahressieger Nemo) weiterhin teilnehmen zu lassen, politische Botschaften aus.

Und auch beim Publikumsvoting spielt Politik offensichtlich eine große Rolle: Nur so lässt sich erklären, dass der israelische Auftritt dort mit großem Abstand die meisten Punkte erhalten hat. Musikalisch zählt Yuval Raphaels Ballade jedenfalls zu den schwächsten Beiträgen des Abends.

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