Eurovision Song Contest Der ESC-Streit um Israel und die Folgen
Israel darf beim ESC in Wien 2026 mitmachen. Andere Länder werden deshalb fern bleiben. Was werden die Folgen sein?
Israel darf beim ESC in Wien 2026 mitmachen. Andere Länder werden deshalb fern bleiben. Was werden die Folgen sein?
Der Eurovision Song Contest (ESC) taumelt in die größte Krise seit seiner Gründung – ausgerechnet zum Jubiläum! 1956 fand im schweizerischen Lugano der erste Musikwettbewerb der Europäischen Rundfunkunion (EBU) statt, damals noch unter dem Titel Grand Prix d’Eurovision. Am 16. Mai 2026 wird in Wien also der 70. Geburtstag dieser weltweit einmaligen Veranstaltung gefeiert. Der veranstaltende Österreichische Rundfunk (ORF) hoffte noch vor wenigen Tagen auf eine Rekordzahl an Teilnehmerländern. Doch ein halbes Jahr vor dem großen Fest ist ein tiefer Graben zwischen den EBU-Mitgliedsländern aufgebrochen – im Streit um die Teilnahme Israels.
Die EBU ist ein Zusammenschluss öffentlich-rechtlicher Rundfunkanstalten, um die grenzüberschreitende Zusammenarbeit zu fördern. Das TV-Publikum kennt die Organisation vor allem durch die Eurovisions-Fanfare vor manchen Livesendungen – und natürlich durch den ESC, der alljährlich im Frühjahr stattfindet und einerseits durch spektakuläre, andererseits durch eher schrille Acts regelmäßig ein Millionenpublikum zwischen Nordamerika tief im Westen und Australien tief im Osten anzulocken weiß. Insbesondere die mitternächtliche Punktevergabe („And our twelve points go to . . . Austria!“) ist längst TV-Kult geworden.
Ob es beim ESC nur um Musik, Spaß und gute Laune geht, oder ob der Wettbewerb nicht doch auch eine politische Dimension hat, darüber streiten die Experten seit nunmehr fast 70 Jahren. Als Russland am 24. Februar 2022 die Ukraine überfiel, dauerte es nur wenige Tage, bis die EBU den Ausschluss des Moskauer Staatssenders vom bevorstehenden Song Contest in Rotterdam verkündete; just die ARD war damals hinter den Kulissen eine der treibenden Kräfte. Seitdem Israel im Herbst 2023 als Reaktion auf den terroristischen Überfall der Hamas den Krieg in Gaza begann, gab und gibt es in einigen Ländern Forderungen, den Israeli Public Broadcasting Service (IPB) ebenfalls vom Song Contest auszuschließen. Sowohl der ESC 2024 in Malmö als auch der ESC 2025 in Basel war überschattet von anti-israelischen Protesten vor und in den Konzerthallen.
Die Hoffnung der EBU-Spitze, durch die offizielle Waffenruhe in Gaza, die am 10. Oktober in Kraft trat, sei die Debatte erledigt, hat sich nicht erfüllt. Die Mehrheit der EBU-Mitglieder hat bei einer Tagung in Genf am Donnerstagabend zwar beschlossen, dass grundsätzlich alle Rundfunkanstalten am Wettbewerb teilnehmen könnten, „die dies wünschen“ – also auch die IPB in Tel Aviv. Und für die ARD etwa teilte der federführende Südwestrundfunk (SWR) mit: „Wir freuen uns auf die Teilnahme am ESC 2026 als Fest für Kultur, Vielfalt und Zusammenhalt.“
Gleichzeitig gaben aber gleich vier EBU-Mitglieder bekannt, nun ihrerseits dem ESC in Wien fern zu bleiben: die Sender aus Spanien, Irland, der Niederlande und Slowenien. Die TV-Anstalt RTE in Dublin teilte mit, eine Beteiligung am ESC sei „angesichts des entsetzlichen Verlusts von Menschenleben in Gaza und der humanitären Krise dort“ unzumutbar. Es könnten weitere Länder folgen – Island, Schweden und Finnland hatten im Vorfeld ebenfalls mit einem Wien-Boykott gedroht. Besonders problematisch für die EBU ist die Absage aus Madrid: Der spanische Sender RTVE gehört zu den Hauptfinanziers des alljährlichen ESC-Spektakels – die EBU behauptet allerdings, der ORF brauche sich wegen der Shows in Wien keine Sorgen machen.
Wie politisch der angeblich unpolitische ESC eben doch ist, zeigen die Stellungnahmen, die zum EBU-Beschluss aus Israel und Deutschland kamen. Der israelische Staatspräsident Izchak Herzog schrieb auf der Plattform X, er bedanke sich bei „Israels Freunden“: „Diese Entscheidung zeigt Solidarität, Verbundenheit und Zusammenarbeit.“ In Berlin hatte sich Kulturstaatsminister Wolfram Weimer zuvor geäußert: „Jede Form der Ausgrenzung, jede Form von latentem Antisemitismus und jede Form von Boykott“ beim ESC sei „fehl am Platze“. Die ARD hatte angedeutet, bei einem Ausschluss Israels vom Song Contest ihrerseits auf eine Teilnahme verzichten zu wollen. Auch der österreichische Bundeskanzler Christian Stocker von der konservativen ÖVP hatte festgestellt, ein Ausschluss Israels vom Wettbewerb in Wien sei für ihn „unvorstellbar“, schon wegen „unserer Geschichte“.
Viel Zeit, um die Wogen vielleicht doch noch zu glätten, bleibt der EBU nicht: Die Vorentscheidungen für die ESC-Finals finden bei allen Teilnehmern zumeist in den ersten Wochen des neuen Jahres statt. Frohlocken über den Zerfall der ESC-Idee wird man in Moskau: Dort fand vor wenigen Wochen erstmals ein Anti-ESC statt – mit Teilnehmern unter anderem aus Weißrussland, China und Nordkorea.