Während sich die Lage zwischen Russland und der Ukraine täglich verschlechtert, rüsten die Musiker in Kopenhagen zum Eurovision Song Contest. Im Halbfinale treten die beiden Länder gegeneinander an. Kann die größte Show der Welt da gut über die Bühne gehen?

Kultur: Tim Schleider (schl)

Stuttgart - Eurovision Song Contest: für die meisten deutschen Fernsehzuschauer ist das nur das alljährliche Tralala irgendwo in Europa, eine dreistündige Versammlung mehr oder weniger belangloser, manchmal schriller oder skurriler Pop-Nümmerchen weithin unbekannter Künstler aus fernen Ländern mit einer abschließenden und nicht enden wollenden Punktvergabe: „The Netherlands: five points. Les Pays-Bas: cinq points“. Es gab nur eine Ausnahme: Abba.

So viel zu den Vorurteilen. Sie stimmen natürlich alle nicht. Und am allerwenigsten stimmt das Vorurteil, der Eurovision Song Contest (ESC) sei belanglos. Mehr als 150 Millionen Zuschauer verfolgen die Show, dank internationaler Ausstrahlung von der Westküste Kanadas bis zur Ostküste Japans und Neuseelands. Sich vor derart riesigem Publikum zu präsentieren, kann Weltkarrieren begründen – siehe der Sieg von Abba 1974 in Brighton. Vor diesem Weltpublikum zu glänzen oder sich zu blamieren, ist in jedem Fall auch ein Politikum. Deswegen hat beim ESC die Politik von Anfang an stets eine große Rolle gespielt.

Kommt der Show-Wettbewerb unpassend?

Und sie wird es auch in diesem Jahr tun – gleich heute Abend, wenn in Kopenhagen, dem diesjährigen ESC-Gastgeber, beim Halbfinale die ersten Teilnehmer für das Finale am kommenden Samstag ermittelt werden. Sechzehn Länder treten an; die Expertenjurys sprechen ebenso ihr Urteil wie per Telefon die Fernsehzuschauer. Nur zehn Titel bekommen schließlich ein Ticket für die Gala am Wochenende. Man kann durchaus die Frage stellen, ob ein solcher Show-Wettbewerb angesichts des Bürgerkriegs im Osten Europas eine passende Idee ist. Die aktuelle Politik wird sich jedenfalls direkt im Abend spiegeln: Sowohl Russland als auch die Ukraine treten im ersten Halbfinale an. Kann die größte Show der Welt das aushalten?

An sich lautet die Antwort: Ja, sie muss. Die Regeln des Veranstalters, der Europäischen Rundfunkunion (EBU), sind klar: Politische Kundgebungen vor, während oder nach der Show sind grundsätzlich verboten und führen zur sofortigen Disqualifikation – da ist man so streng wie bei den Olympischen Spielen. Niemand wird gezwungen teilzunehmen. Aber wer teilnimmt, hat politisch enthaltsam zu sein. 2009 traf derart strenge Zucht zum Beispiel Georgien: Die EBU-Verantwortlichen hatten messerscharf erkannt, dass die Gruppe aus Tiflis beim ESC in Moskau ihrem Song keineswegs zufällig den Titel „We Don’t Wanna Put In“ gab – ausgesprochen wie der Name des russischen Machthabers Putin. Georgien zog freiwillig zurück.

Unverfänglicher Feelgood-Pop von beiden Seiten

In Kopenhagen werden die Tolmachevy Sisters für Russland auftreten, angeblich ein echtes Zwillingspaar. Ihr Song „Shine“ ist sowohl vom Titel her als auch musikalisch ebenso unverfänglicher Feelgood-Pop wie der Beitrag „Tick-Tock“ der jungen ukrainischen Sängerin Maria Yaremchuk. Wenn die Künstlerinnen irgendeine Form von politischer Stellungnahme in ihrem auf jeweils exakt drei Minuten begrenzten Bühnenauftritt einbauen wollen, dann werden sie es sehr gut tarnen müssen. Man ahnt, wie genau die Chefs der Rundfunkunion und der nationalen TV-Gesellschaften ihnen selbst auf die lackierten Fingernägel blicken werden. Und erst recht werden sie darauf achten, dass die Künstlerinnen auch bei den Pressekonferenzen politisch neutral bleiben.

Interessanter wird es sein, bei den von offizieller Seite unkontrollierbaren Punktevergaben der europäischen TV-Zuschauer nach Sympathien und Antipathien zu suchen. Bisher war es Tradition, dass sich Russland und die Ukraine (wie überhaupt alle Osteuropäer) untereinander hohe Punktzahlen gaben. Die Teilnahme bei der Finalshow am Samstagabend war in früheren Jahren für beide Länder stets sicher, egal, was oder wie sie sangen. Die große Frage ist, was passiert, wenn der diesjährige ESC für die Tolmachevy Sisters oder für Maria Yaremchuk bereits im Halbfinale plötzlich beendet sein sollte oder gar für beide? Das wäre das große Politikum, das der Europäischen Rundfunkunion zweifellos die größten diplomatischen Probleme bereiten würde.

Es geht auch um politisches Prestige

Beim ESC geht es eben nicht nur um Show, sondern auch um politisches Prestige. Gleich der erste Wettbewerb 1956 in Lugano in der Schweiz – damals noch unter dem schönen Titel Grand Prix Eurovision de la Chanson – war keineswegs nur ein internationaler Sängerwettbewerb, sondern auch ein demonstratives Unterhaltungs-Schaufenster des Westens gegenüber dem Ostblock. Nach dem Fall der Mauern entwickelte sich der ESC zum Pop-Superwettbewerb. Immer mehr Länder drängten ins Finale. Außer dem Vatikan wollte schon jeder europäische Staat hier sein Glück versuchen.

Denn wer das Glück hat, bei der Abstimmung zum Schluss den ersten Platz zu erringen, bekommt als Gastgeber des nächsten Song Contest die Chance, sich der ganzen Welt als aufstrebende, moderne Nation zu präsentieren. Die Kleinstaaten Estland und Lettland haben dies 2002 und 2003 glänzend genutzt. Die Ukraine zeigte sich im Frühjahr 2005 ganz im Rausch der damaligen „Orangenen Revolution“. Kein ESC, berichten die Fans, war jemals so pompös ausgerichtet wie jener 2009 in Moskau. Und unvergessen auch die große Gala 2012 in Baku, in dessen Showteil sich der Schwiegersohn des Präsidenten von Aserbaidschan als internationaler Popstar im Stil eines kaukasischen Robbie Williams präsentieren durfte.

Ob und wie sich in diesem Jahr die katastrophale politische Stimmung in Europa auf die bunte ESC-Party auswirken wird, wird diese Woche zeigen. International, entspannt und multikulturell – so ist nun mal das knapp 60-jährige Image des Grand Prix in aller Welt. Das können eben nicht alle Mächtigen dieser Welt gut aushalten.

Politischen Ärger gibt es dieses Jahr auch wieder aus Weißrussland, der letzten lupenreinen Diktatur des Kontinents. Das dortige Fernsehen droht, die ESC-Liveübertragung beim Auftritt des österreichischen Kandidaten Conchita Wurst zu unterbrechen. Die Kinder des Landes würden durch die Performance des jungen (und bildschönen) Wiener Transvestiten in ihrer Moral gefährdet. Aber auch hier hat die EBU inzwischen Grenzen gezogen: Entweder überträgt Minsk die ganze Show – oder bleibt mit seinem Sänger Teo gleich ganz daheim.