Eurovision Song Contest in Baku Der Kampf gegen „deutsche Agenten“

Am Samstag ist es soweit: Beim Eurovision Song Contest in Baku singen wieder Musiker aus ganz Europa um die Wette. Foto: dpa
Am Samstag ist es soweit: Beim Eurovision Song Contest in Baku singen wieder Musiker aus ganz Europa um die Wette. Foto: dpa

Die Menschen in Aserbaidschan freuen sich auf den ESC am Samstag. Eine Debatte über Politik ist da eher ein Störfaktor.

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Baku - Aserbaidschan ist ein Land der Fassaden. Jeder hat eine, auch Leyla Yunus. „Ich bin in Baku geboren. Ich kämpfte gegen die Sowjets. Ich kämpfte vor 20 Jahren mit der Waffe gegen Armenien. Und bis zum Ende meines Lebens werde ich mit Worten gegen das korrupte Regime von Präsident Ilham Aliyev kämpfen“, sagt die 56-jährige Direktorin des von ihr selbst gegründeten Instituts für Frieden und Demokratie mit dem Pathos einer Märtyrerin.

Leyla Yunus ist eine kleine, quirlige Dame, die in der Lage ist, ohne Punkt und Komma zu reden. Obwohl sie einen Gerichtsbeschluss gegen den Abriss ihres Hauses in der Tasche hatte, fiel das Gebäude dem Bau der Zufahrtsstraße zur Kristallhalle, wo am Samstagabend das Finale des Eurovision Song Contest (ESC) stattfinden wird, zum Opfer. Die Halle war zwar längst im Bau, als Ell & Nikki im vergangenen Jahr für Aserbaidschan den ESC gewannen. Aber dann musste es schneller gehen als geplant, um das Event termingerecht stattfinden zu lassen.

Am 11. August 2011 wurde also auch das Haus, in dem Leyla Yunus wohnte und das ihr Institut beherbergte, dem Erdboden gleichgemacht. „Alles wurde zerstört. Meine Bibliothek, meine Computer und die 82 Quadratmeter, auf denen ich lebte“, sagt sie. Über die Fundamente fahren jetzt die ESC-Fans zur Kristallhalle.

Die Entschädigungen waren lächerlich gering

Leyla Yunus hat Grund, verbittert zu sein. Sie ist nach wie vor Diffamierungen ausgesetzt. Der Song Contest sei das Schlimmste, das dem Land habe passieren können, sagt sie. Doch ihre Zahlen zweifeln auch diejenigen an, die es gut mit ihr meinen. 60 000 Menschen waren es wohl nicht, deren Häuser für den Song Contest abgerissen wurden. Möglicherweise hat sogar die Regierung recht, die von der Umsiedlung von 5000 Familien spricht. Auch das wären etwa 20 000 Menschen zu viel. Vor allem weil dabei verschwiegen wird, dass die für die Zwangsumsiedlungen gezahlten Entschädigungen lächerlich gering waren. Leyla Yunus kämpft deshalb auch unmittelbar vor dem ESC-Finale für einen Boykott: „Wie kann man nur singen, wo Menschen aus ihren Häusern vertrieben und Kinder geschlagen wurden?“

Es ist offensichtlich, dass in Aserbaidschan eine kleine Clique seit vielen Jahren die Strippen zieht. Im Oktober 2013 kann Familie Aliyev den 20. Jahrestag ihrer Machtübernahme feiern: Zuerst regierte seit 1993 Heydar Aliyev, der schon zwischen 1969 und 1982 die aserbaidschanische Sowjetrepublik geführt hatte und danach in Moskau Karriere machte. Nach dessen Tod im Oktober 2003 rückte sein Sohn Ilham ins Präsidentenamt nach.

Doch nicht alle Oppositionellen gehen so weit, dass sie deswegen den Song Contest in Frage stellen. „Wir haben keine Demokratie und keine Menschenrechte. Nur das korrupte Regime von Ilham Aliyev. Aber ich vertraue darauf, dass die angereisten Journalisten ein Schlaglicht auf die Situation in Aserbaidschan werfen. Ich hoffe, dass sie einen Blick hinter die glitzernde Fassade werfen. Denn nicht alles hier ist so, wie es scheint“, sagt Emin Huseynov, der Chefredakteur des Internetsenders Obyektiv TV. Er hofft vor allem darauf, dass das Ausland Aserbaidschan und die politische Lage im Land auch nach dem ESC nicht vergessen wird.

Es ist eine überaus bizarre Pressekonferenz, auf der Huseynov da spricht. Als er zu erklären versucht, dass Europa mehr ist, als der Eurovision Song Contest, dass sich Aserbaidschan auch europäischen Werten wie Meinungsfreiheit oder dem Demons­trationsrecht unterwerfen müsse, wird er von Journalisten regierungsnaher Zeitungen niedergeschrien. Die offensichtlich bestellten Störer wollen die Veranstaltung sprengen: „Lüge. Ihr seid eine Schande für den aserbaidschanischen Journalismus. Ich schäme mich für euch“, brüllt einer. Fast zwei Stunden geht das so. Schließlich gipfeln die Tiraden in dem Vorwurf, die in dem Raum anwesenden ausländischen Journalisten seien Agenten – vornehmlich diejenigen aus der Bundesrepublik.

Deutschland ist in den vergangenen Wochen in den Fokus der staatlichen aserbaidschanischen Medien gerückt. Offenbar gibt es eine Anweisung aus dem Präsidialamt, negativ über Deutschland zu berichten. Auch der Hinweis auf die deutsche Geschichte darf dabei nicht fehlen: Eine Zeitschrift zeigte eine Collage des deutschen Botschafters in Baku, Herbert Quelle, mit Adolf Hitler. In oppositionellen Medien wird über seine Ausweisung spekuliert.

Fassaden sind wichtig in Aserbaidschan. Das können Fassaden im übertragenen Sinne sein – wie die demonstrative Stärke Leyla Yunus’. Es sind aber vor allem auch echte – wie die protzigen Granitverkleidungen der Plattenbauten an dem achtspurigen, völlig überdimensionierten Prachtboulevard vom Flughafen in Bakus Zentrum. Oder wie die Mauern, die im letzten Augenblick vor dem ESC hochgezogen wurden, um den Blick auf Friedhöfe, Müllkippen und verseuchte Ölfelder zu versperren. Fassade sind auch die Luxushotels, die in den vergangenen Jahren entstanden und die Besucherströme vorgaukeln, die es gar nicht gibt: Aserbaidschan ist touristisches Schwellenland und hat parallel zum Bau der Hotels seine Visabestimmungen verschärft. So leicht ist es derzeit gar nicht, ins Land zu kommen.

Nicht aufgesetzt ist dagegen die Herzlichkeit und Gastfreundschaft der Menschen in Aserbaidschan. Echt ist der Stolz auf ihr Land und darauf, dass es erstmals eine Großveranstaltung wie den Eurovision Song Contest veranstalten darf. Entsprechend groß ist die Vorfreude darauf. Am Samstagabend wird der Park Bulvar, die Flaniermeile am Kaspischen Meer, beben. Und die Party wird lange nicht zu Ende sein, wenn in der Kristallhalle um drei Uhr Ortszeit die Lichter ausgehen. Real sind auch die wirtschaftlichen Erfolge. In zwölf Jahren hat sich die Wirtschaftskraft verdreifacht. Mit einem Bruttoinlandsprodukt von gut 70 Milliarden Euro lässt Aserbaidschan mittlerweile eine Reihe von EU-Staaten hinter sich. Allerdings wird dieser Aufschwung fast ausschließlich von der Öl- und Gasindustrie getragen.

Kein Interesse an mündigen Bürgern

Aus diesen Zahlen speisen sich die durchaus hohen Zustimmungswerte der Regierung. Auch bei freien Wahlen könnte sie wohl mit einer satten Mehrheit rechnen. An mündigen Bürgern ist die Regierung jedenfalls nicht interessiert, und die Masse der Bevölkerung nicht an Demokratie und Menschenrechten. Unrealistisch, dass der ESC daran etwas ändert.

Die Strategie des Regimes ist es, ein Signal der Härte und der Unbeugsamkeit auszusenden, auch ins Ausland. Um jeden Protest im Keim zu ersticken, werden beim Finale am Samstag zwischen 600 und 1000 Sicherheitskräfte in der Halle sitzen. Und falls doch etwas passieren sollte, wird das höchstens im Ausland wahrgenommen. In Aserbaidschan werden Live-Sendungen 20 Sekunden zeitversetzt ausgestrahlt. Auch zwei Tage vor dem Finale des Eurovision Song Contest (ESC) hat die aserbaidschanische Polizei abermals hart gegen friedliche Demonstranten durchgegriffen und Dutzende von ihnen festgenommen. Die Menschen wollten am Donnerstag vor einem Gebäude des staatlichen Fernsehens unter anderen mehr Pressefreiheit einfordern. Reporter der Nachrichtenagentur dapd beobachteten, wie Sicherheitskräfte mehr als 40 Kundgebungsteilnehmer in Busse und Polizeiwagen zerrten. Die Demonstranten hatten „Freiheit“ gerufen und ein unabhängiges Fernsehen verlangt.

Adnan Hajizadeh hat durchaus Verständnis für seine Landsleute, die ihre Ruhe wollen. „Es ist der erste größere Event in Baku. Die Menschen sind hungrig auf Siege, stolz darauf, Flagge zu zeigen“, sagt der 28-Jährige. Vielleicht wird er am Samstag um Mitternacht auch den Fernseher einschalten. So genau weiß er das noch nicht. Erst vor einer Woche ist Adnan Hajizadeh aus dem Krankenhaus entlassen worden. Dort hatte er sich endlich die Nase richten lassen, die ihm offenbar vom Regime angeheuerte Schläger am 8. Juli 2009 gebrochen hatten. Doch als er und sein Freund Emin Milli die Attacke bei der Polizei anzeigen wollten, wurden nicht die Täter, sondern die Opfer verhaftet.

Adnan Hajizadeh, einer der ersten Blogger in Aserbaidschan, wurde zu zwei Jahren Haft wegen Rowdytums verurteilt. Die Aufmerksamkeit der Regierenden hatte er erregt, als er wenige Wochen vor seiner Verhaftung ein satirisches Video auf YouTube hochgeladen hatte: eine fiktive Pressekonferenz mit einem Esel, in der er die Verschwendungssucht des Regimes anprangerte. Denn tatsächlich hatte dieses laut offizieller Unterlagen zwei Esel für je 50 000 Euro aus Deutschland importiert. „Wir dachten, dass so teure Esel sehr speziell sein müssen, vielleicht mehrere Fremdsprachen sprechen“, sagt er.

17 Monate verbrachte Adnan Hajizadeh letztlich hinter Gittern, die letzten acht in einer der übelsten Anstalten des Landes, Gefängnis Nr. 14. Dort musste er Granitblöcke für Häuserfassaden zurechtschneiden. „Es war schrecklich. Ich hatte Staub an den Füßen, Staub in den Augen, Staub in den Haaren, Staub in der Lunge. Überlebt habe ich nur dank der Hilfe meiner Eltern und Freunde“, sagt er. Und vielleicht dank Barack Obama. Denn nachdem sich zuvor halb Europa erfolglos für Adnan Hajizadeh und Emin Milli eingesetzt hatten, intervenierte der US-Präsident letztlich erfolgreich bei der Regierung in Baku, die beiden vorzeitig zu entlassen.

Adnan Hajizadeh hat in den USA studiert. Sein Land verlassen möchte er dennoch nicht. „Ich kann nicht auf Dauer außerhalb Aserbaidschans leben. Etwas treibt mich zurück, hier fühle ich mich besser“, sagt er. Ruhe geben will er aber auch nicht: „Das wollen sie doch, dass ich Angst habe und den Mund halte. Den Gefallen werde ich ihnen nicht tun.“

Als nächstes Thema könnte er sich beispielsweise den ESC vornehmen. 620 Millionen Euro sind eine Menge Geld für einen Sängerwettstreit. „Wer bezahlt dafür? Ich und meine Eltern! Andere Länder reformieren ihre Justiz, ihre Polizei, ihre Wirtschaft. Aserbaidschan dagegen baut nur Straßen und Fassaden. Wenn wir unsere Karten dagegen richtig ausspielen würden, könnten wir ein Vorbild für andere sein: ein moslemischer, säkularer und demokratischer Staat“, sagt Adnan Hajizadeh.




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