Andreas Kümmert hat eine Anzeige wegen sexueller Beleidigung am Hals. Das bestätigte sein Winnender Label auf StZ-Anfrage. Außerdem werden psychische Probleme angedeutet.

Kultur: Jan Ulrich Welke (juw)

Stuttgart - An Erfahrung als Musiker mangelt es Andreas Kümmert nicht. Schon mit neun Jahren nahm er Schlagzeugunterricht, mit 13 begann er Gitarre zu spielen. 2004 siegte er mit seiner Band Silent Cry bei mehreren Nachwuchswettbewerben, seit 2007 war er solo unterwegs. 2010 erschien im Eigenverlag sein Debütalbum, 2012 kam dann das zweite Album „The mad Hatter’s Neighbour“ auf den Markt, das auf Platz 14 der deutschen Charts kletterte, Anfang 2014 erreichte sein drittes, von Max Herre produziertes Album „Here I am“ sogar Rang drei der deutschen Charts. Kurz zuvor hatte Kümmert bei der Castingshow „The Voice of Germany“ gewonnen – und am Donnerstag nun beim Vorentscheid zum Eurovision Song Contest in Hannover.

Das klingt nach Siegertyp, zumal die Freude im Publikum über den waldschratig korpulenten und nicht gerade mit den schönsten Tätowierungen verzierten Mann im Kapuzenpulli auch deshalb so groß war, weil er vorführte, dass manchmal eben doch die Güte der Musik über die von den Plattenfirmen verpassten Hochglanzimages triumphieren kann. Aber schon wenige Minuten später kam, wie berichtet, alles anders.

„Die Musikindustrie ist ihm zuwider“

„Wir waren baff, aber es kam nicht unerwartet“, sagt Hans Derer vom Label 7us Music aus Winnenden, das „The mad Hatter’s Neighbour“ herausgebracht hat und der Kümmert aus einer langen Zusammenarbeit sehr gut kennt. „Er ist kein einfacher Mensch, er lebt in seinen Liedern, aber die Musikindustrie ist ihm zuwider“, so Derer.

Er deutet einige psychische Probleme von Kümmert an und bestätigt Medienberichte, dass ihn zwei Besucherinnen eines Konzerts in Eppingen im Kreis Heilbronn am vergangenen Samstag wegen sexueller Beleidigung angezeigt hätten, weil er sie mit Beschimpfungen aus der untersten Schublade überzogen haben soll – was wiederum Derers Ansicht nach der Grund sein könnte, weswegen Kümmert auf der Bühne in Hannover seinen Rückzieher mit den Worten begründete, er fühle sich „im Moment“ nicht in der Lage, nach Wien zu reisen.

Wie dem auch sei: Kümmert ist der erste Verlierer dieses denkwürdigen ESC-Abends. Weil sich seine Platten derzeit blendend verkaufen, ist er beim Musikpreis Echo in der Kategorie „Newcomer“ nominiert, aber ob er die Trophäe nach diesem Verhalten noch bekommen kann, ist fraglich. Viel schwerer dürfte aber wiegen, dass unter solchen Bedingungen wohl kein Konzertveranstalter in nächster Zeit das Wagnis eingehen wird, einen Auftritt von ihm zu buchen.

Schuld ist auch der NDR

„Wenn Kümmert nicht gewinnt, ist Deutschland taub“, hatte Hans Derer am Donnerstagabend nach dem ersten Showdurchgang auf Facebook noch gepostet – und damit weist er auf die zweite Verliererin hin. In der Tat war sein Schützling der mit Abstand stärkste Teilnehmer im Feld, weshalb Deutschland nun mit einem deutlich schwächeren Beitrag zum Song Contest nach Wien reisen muss – und dort mit Ann Sophie vermutlich Schiffbruch erleiden wird. Aber viel schlimmer ist für die Newcomerin, die sich erst durch die Wildcard für den Vorentscheid platziert hat, dass sie nun mit dem Stigma in die europäische Endrunde geht, lediglich der deutsche Notnagel zu sein.

Der dritte große Verlierer ist der ausrichtende Fernsehsender, der NDR. Es habe im Vorfeld des Vorentscheids keine Auffälligkeit bei Andreas Kümmert gegeben, zitiert „Focus“ den verantwortlichen ARD-Unterhaltungschef Thomas Schreiber. In der Pressekonferenz sagte Schreiber am Donnerstagabend jedoch: „Ich kannte den vorher nicht.“ Gesprochen habe er, wie er erklärte, im Anschluss an das Debakel auch nicht mit dem Sänger. Leider könne er auch nicht sagen, wie viele Prozent in der Schlussrunde jeweils auf Ann Sophie und Andreas Kümmert entfallen sind. Das hat der NDR dann gestern nachgereicht – 78,7 Prozent für ihn, 21,3 Prozent für sie.

Darf der Zweite zum Ersten werden?

Man darf also schon fragen, wie es um die Fürsorgepflicht und Verantwortung des Verantwortlichen für diese Sendung bestellt ist. Und man darf, auch wenn die Regularien des Song Contests den Zuschauern nicht vorschreiben, wie sie die Kandidaten zu finden haben, fragen, ob es wirklich in Ordnung geht, in diesem Fall einfach die Zweitplatzierte zur Siegerin zu küren. Und letztlich darf man Schreiber auch fragen, ob es genügt, mit lapidaren Worten einfach zur Tagesordnung überzugehen: „Das ist schade – für die Zuschauer, für die Anrufer und für ihn. Es ist wie beim Sport: Wenn ein Olympiasieger seine Goldmedaille zurückgibt, gibt es einen neuen Träger der Medaille.“

Der Shitstorm, der im Kommentarforum des NDR über den Sender und die Moderatorin niedergeht, ist beträchtlich: „Bin verwundert, wie eine Barbara Schöneberger einfach bestimmen kann wer fährt und wer nicht . . . die Zweitplatzierte hat kein Mandat . . . wir machen den ESC zur Farce“ – und er reicht von Forderungen nach Rückerstattung für die bezahlten Voting-SMS bis hin zu juristischen Fragen. Und auch der Sänger kriegt dort und in anderen Foren sein Fett weg: „Hat den ganzen Abend egoistisch sein Ding durchgezogen, anderen Künstlern die Chance auf den Sieg vermasselt und die eigenen Fans vorgeführt . . . Wie sich die anderen Teilnehmer des Wettbewerbs, die Tausenden von Zuschauern, die für ihre Künstler angerufen haben, vorkommen, ist ihm offenbar egal.“

Und der Wettbewerb verliert an Strahkraft

Als vierter Verlierer steht die Plattenfirma Universal da, die Andreas Kümmert ins Spiel gebracht hat. Ihre Vertreter betonten zwar treuherzig, dass es sein eigener Wunsch gewesen sei, anzutreten, aber Universal hätte ihn bremsen können. Denn dem Plattenmulti musste bewusst gewesen sein, dass er, so hört man es allerorten, schon bei „The Voice of Germany“ schwer an psychischem Druck litt. Sein aktuelles Album schoss zwar am Freitag auf Platz eins der Popverkaufscharts bei Amazon hoch, aber das ist nur ein Pyrrhussieg für Universal.

Der fünfte Verlierer, da liegen die Forenchatter richtig, sind die anderen Künstler, die unter anderen Vorzeichen womöglich ganz anders abgeschnitten hätten. Und Verlierer Nummer sechs sind die Fernsehzuschauer, die sich, gelinde gesagt, veralbert fühlen dürfen.

Der letzte und größte Verlierer aber ist der Wettbewerb selbst. Er wurde in seiner Strahlkraft in jeder Hinsicht beschädigt. Ohnehin nur 3,2 Millionen deutsche Zuschauer schalteten, wohl auch wegen der künstlerisch dürftigen Kandidatenauswahl durch die ARD und die Plattenfirmen, am Donnerstag ein, das waren achthunderttausend weniger als im Vorjahr und ergab gerade einen Marktanteil von 10,3 Prozent.. Wie viele im nächsten Jahr einschalten werden, mag man sich unter diesen Vorzeichen gar nicht ausmalen.