Eurovision Song Contest Pfiffe für die Russen, aber sonst alles ruhig

Valentina Monetta aus San Marino singt „Maybe“ von Ralph Siegel. Foto: dpa
Valentina Monetta aus San Marino singt „Maybe“ von Ralph Siegel. Foto: dpa

Das zweite Halbfinale in Kopenhagen steigt. Im ersten haben sich Qualität und ein Altmeister durchgesetzt. Der Weg zum Sängerwettbewerb ist dabei nicht nur für die Kandidaten, sondern auch für das Publikum lang und steinig.

Kultur: Jan Ulrich Welke (juw)
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Kopenhagen - Wie süchtig der Grand Prix machen kann, weiß bekanntlich niemand besser als Ralph Siegel. Mit achtzehn Beiträgen war er schon vertreten, aber da seine Künste im eigenen Land seit Jahren verschmäht werden, der Münchner Schlagerkomponist es aber nun einmal nicht lassen kann, geht er diesmal für San Marino an den Start. Einstweilen mit Erfolg. Wie ein Rumpelstilzchen sprang der bald Siebzigjährige am Dienstagabend durch die für sein Land reservierte Sitzgruppe, als die Moderatoren am Ende des ersten Halbfinales verkündeten, dass er den Zwergstaat mit dem Song „Maybe“ ins große Finale am Samstag geführt hat. „Ätsch“, wird er sich gedacht haben, als er freudetrunken die Sängerin Valentina Monetta herzte – denn die Buchmacher hatten im Vorfeld ausgerechnet San Marino die schlechtesten Gewinnchancen unter allen 37 Teilnehmerländern attestiert.

Als Topfavoriten sehen die Wettbüros hingegen nach wie vor den armenischen Teilnehmer, der auf den griffigen Namen Aram MP3 hört. Er hatte im ersten Halb­finale den vermeintlichen Nachteil wegzustecken, gleich als Erster auf der Bühne zu stehen. Dort präsentierte er seinen Beitrag „Not alone“ in Armeemantel und Lack­knobelbechern. Damit ist er ebenfalls ins Finale marschiert. Als Wievieltplatzierter bleibt der Chancengleichheit wegen traditionell geheim, aber er hatte vergleichsweise leichtes Spiel.

Denn von den ersten sechzehn Startern mussten nur sechs ausscheiden. Von einer Ausnahme abgesehen waren es allesamt leichtgewichtige und zu Recht herausgekegelte Beiträge. Der nichtssagende Song aus Albanien, das Lied der strohblonden Portugiesin und das Rapunzel aus Moldawien mussten ebenso die Segel streichen wie die beneidenswert arglosen Letten, die ein Stück übers Kuchenbacken zum Besten gaben. Raus ist ebenfalls die immerhin äußerst leicht geschürzte Estin Tanja, deren Röckchen auf der Bühne echt ungeschickt hochrutschte – Länder mit strengen Sittenwächtern werden den Song Contest daher sicher nicht ausstrahlen. Vorzeitig heimreisen darf schließlich auch die erwähnte Ausnahme unter den Leichtmatrosen, der sichtlich von seinen Landesspezialitäten Pommes, Bier und Pralinen gezeichnete Belgier.

Wiedersehen mit den Spaßvögeln aus Island

Wenig überraschend folglich, dass es am Samstag ein Wiedersehen unter anderem mit den launigen Spaßvögeln aus Island gibt, dem niederländischen Duo (das sich – auch so etwas lässt der Wettbewerb glücklicherweise zu – mit einem schlicht guten Songwriterlied ins Finale musizierte), sowie der Sängerin Dilara Kasimowa aus Aserbaidschan mit ihrem putzigen Aufklebetattoo aus dem Kaugummiautomaten. Die Sorgen um den Halb­finalzweikampf zwischen Russland und der Ukraine erwiesen sich jedoch als grundlos. Die Ukrainerin Maria Jaremtschuk lieferte in „Tick-Tock“ den griffigsten Song des Abends ab, auch angesichts der traditionellen und in der derzeitigen politischen Situation womöglich besonders hemmungslosen Punktezuschusterei zwischen den osteuropäischen Ländern dürfte sie im Finale gute Karten haben.

Beim russischen Beitrag hingegen ist die subtile Auswahl bemerkenswert. Dort stürmten keine Femen auf die Bühne, sondern ein Zwillingspärchen ins Finale, das auf eine lange Heroldstradition zurückblicken kann. Die 17-jährigen Tolmatschewy-Schwestern wurden bereits frühzeitig für Repräsentationsrollen konditioniert, wie ein zwölf Millionen Mal bei Youtube geklicktes Video jenes Auftritts zeigt, den die beiden schon im Grundschulalter am höchsten Feiertag Russlands – dem Tag des Sieges über Hitlerdeutschland – mit dem bekanntesten russischen Volkslied „Katjuscha“ auf einer Riesenbühne vor dem Kreml hinlegten. In Kopenhagen gab es zwar lautstarke Pfiffe und Buhrufe, als ihre Qualifikation für das Finale verkündet wurde, aber das war es dann auch.

Nur unasphaltierte Wege führen zur Halle

Ansonsten lief in der nur zehntausend Besucher fassenden Veranstaltungshalle, einer ehemaligen Schiffswerft in einem Industriebrachenviertel weit vor den Toren der Stadt, das über staubig unasphaltierte Wege nur schwer zu erreichen ist und als Austragungsort keinesfalls die Höchstpunktzahl verdient, bisher alles rund. Die Moderatorin Lise Rønne durfte stolz die größte Stoffrose vorführen, die jemals an ein Abendkleid appliziert wurde, und ihre beiden Mitstreiter spielten sich alle bestens einstudierten Scherzchen unfallfrei zu. Die gediegen monströse Show selbst geriet zwar nicht atemberaubend innovativ, aber war sehr gut choreografiert und mit hübschen Ideen sowie süßen Gags gespickt.

Bemerkenswert schließlich die Balladenlastigkeit im ersten Halbfinale, und dass lediglich Portugal (erfolglos) und Montenegro (erfolgreich) auf Lieder in ihrer Heimatsprache setzten. Im zweiten Halbfinale heute – live auf Phoenix ab 21 Uhr, diesmal dürfen die deutschen Zuschauer auch mitstimmen – probieren dies immerhin noch Polen und Israel, im Finale dann unter den gesetzten Teilnehmern noch Italien sowie völlig überraschend auch Frankreich. Ob allein das für „Douze Points“ aus möglichst vielen Ländern reicht oder sich die heute Abend an den Start gehende Geheimfavoritin aus Österreich durchsetzt, die auf den schönen Namen Conchita Wurst hört, wird sich weisen. Ebenso wie die Frage, ob der sonst immer backstage untergebrachte sogenannte Green Room, in dessen Sitzgrüppchen die Teilnehmer der Punktevergabe entgegenfiebern, auch am Samstag noch so unkonventionell wie am Dienstagabend mitten in der Halle untergebracht sein wird.




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