InterviewEva Baumanns Tanzstück „Schattenkind“ Wenn Mutterliebe in Gewalt mündet

Eva Baumann erzählt in „Schattenkind“ von Frauen, die mit der aufopferungsvollen Mutterrolle überfordert sind. Foto: Daniela Wolf/DW
Eva Baumann erzählt in „Schattenkind“ von Frauen, die mit der aufopferungsvollen Mutterrolle überfordert sind. Foto: Daniela Wolf/DW

Wenn Mütter ihre eigenen Kinder körperlich und seelisch verletzen, hinterlässt das Narben. Von diesen erzählt die Stuttgarter Tänzerin und Choreografin Eva Baumann in ihrem neuen Stück „Schattenkind“.

Kultur: Andrea Kachelrieß (ak)
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Stuttgart - Ein Kammerstück über mütterliche Gewalt nennt die Stuttgarter Tänzerin und Choreografin Eva Baumann ihre neue Produktion. „Schattenkind“ heißt das Stück und ist ein Duett mit einer lebensgroßen Puppe. Die bereits vor längerem geplante Premiere findet nun ausschließlich online statt und ist an diesem Donnerstag und Freitag, jeweils um 20 Uhr, in einem Stream aus dem Fitz zu erleben. Wir haben mit Eva Baumann über ihre Beschäftigung mit einem Tabuthema gesprochen.

 Frau Baumann, familiäre Gewalt ist in der Coronakrise leider ein aktuelles Thema. Die meisten denken da an prügelnde Männer. Sie rücken in Ihrem neuen Tanzstück „Schattenkind“ einen anderen Aspekt ins Zentrum...

Denkt man bei häuslicher Gewalt nur an Partnerschaftskonflikte, ist das statistisch gesehen richtig. Mir geht es aber um das Thema Kindesmisshandlung, und da zeigte die Kriminalstatistik von 2019 einen Frauenanteil von 43,1 Prozent, also nahezu die Hälfte. Das müsste zu denken geben. Ich vermute, dass männliche Gewalt sich anders äußert und anders motiviert ist als weibliche Gewalt, die vielfach aus Überforderung und Hilflosigkeit entsteht. Familiäre Gewalt ist aber nicht erst seit der Pandemie ein Thema, sie wird momentan nur vermehrt in den Medien in den Fokus gerückt.

Stimmt, Kinder zu schlagen war lange Teil der Erziehung.

Wenn wir uns als Gesellschaft mit Kindesmisshandlung beschäftigen, müssen wir wissen, dass die Züchtigung einen weit in die Vergangenheit liegenden historischen und kulturellen Abriss hat. Das lässt sich bis in die Antike zurückverfolgen und wird im Alten und Neuen Testament vielfach erwähnt.

Sanft, liebevoll, aufopfernd: Warum haben wir ein so heiliges Bild von Müttern? Überfordert das manche?

Mit Sicherheit sind viele Frauen überfordert, diesem Bild gerecht zu werden. Meinen Erkenntnissen zufolge hat es auch wenig mit der Realität zu tun. Auf der anderen Seite ist es bequem und irgendwie romantisch, daran festzuhalten. Es spricht ja auch unseren ureigensten Wunsch und unsere Sehnsucht an, bedingungslos geliebt und umsorgt zu werden. Da wird viel hineinprojiziert, um dieses heilige Mutterbild aufrecht zu erhalten. Verständlicherweise, wo sonst finden wir Geborgenheit? Unsere Mutter ist einer der wichtigsten Menschen in unserem Leben.

Sie kratzen an diesem Bild – was ist der Anlass?

Ich beschäftige mich ja schon seit einiger Zeit in meiner Arbeit mit feministischen Themen – in all seinen Facetten – und ich habe bereits 2006 in meinem Solo „mutterseelenallein“ das Fehlen von Mutterliebe thematisiert. Es hat sich aus meiner Entwicklung als Künstlerin und den Themen, die mich beschäftigen, so ergeben und hat tatsächlich überhaupt nicht mit der Coronakrise zu tun. Der Anlass war eher ein inneres Gespür für die Notwendigkeit, mich dem Thema wieder zu nähern. Das war sehr aufschlussreich, auch zu beobachten, wohin mich die Arbeit bringt und wo meine eigenen Grenzen sind.

„Schattenkind“ heißt Ihr Stück. Wählt es die Opferperspektive?

Den Stücktitel entlehne ich als Begriff aus einem Buch der Psychologin Stefanie Stahl; Schattenkind steht da für innere negative Glaubenssätze. Sie sind verbunden mit traumatischen Ereignissen in der Kindheit und stellen uns als Erwachsene in zwischenmenschlichen Beziehungen vor Probleme. Ich mochte das Bild, das viele Assoziationen weckt. Meine Intention war es, sowohl die Mutter- als auch die Kindsperspektive einzunehmen. Täterinnen sind niemals nur Täterinnen, sondern oftmals auch Opfer, die gefangen sind in ihrem Trauma und dadurch sehr bedürftig. Wenn das eine gewalttätige Mutter erkennen kann und an sich arbeitet, kann ein Heilungsprozess in Gang kommen.

Was geht in einem Kind durch mütterliche Gewalt kaputt?

Die Auswirkungen von Gewalt auf Kinder sind zu vielschichtig, um sie hier alle aufzuzählen. Das Traurigste ist das Fehlen eines Urvertrauens und das Gefühl, keine Daseinsberechtigung auf dieser Welt zu haben.

Sie tanzen mit einer lebensgroßen Gliederpuppe – wie ist die Rollenverteilung?

Im Zusammenspiel mit dem Objekt Puppe scheinen die Rollen von Anfang an klar verteilt zu sein – die aktive Mutter und das passive Kind. Doch mein Duett mit der Puppe lässt die Grenzen von Identität verschwimmen. So wird aus der Puppe eine als Mutter agierende Spielerin, die mich als Tänzerin manipuliert – und sei es nur durch einen Blick. Zugleich ist sie auch mein Alter Ego, das die Innenschau und Erinnerung in den Mittelpunkt stellt.

Wie setzen Sie mütterliche Gewalt in Tanz um, ohne zu verstören?

Ein Ausgangspunkt ist die körperlich zugewandte Mutter-Kind-Beziehung. Jede Kommunikation findet über den Ausdruck körperlicher Zu- oder Abwendung statt. Das Kind signalisiert, was es braucht und die Mutter reagiert darauf. An dieser Stelle setze ich in der künstlerischen Umsetzung an. Wo genau beginnt Gewalt? Der Grat zwischen „noch gesunder“ Körperlichkeit und Grenzüberschreitung ist sehr schmal, deshalb ist Gewalt von außen auch oft so schwer zu erkennen. Das Zusammenspiel aus Puppe und Mensch verdeutlicht dies und erlaubt vielfältigere Lesarten. Verstörung lässt sich nicht gänzlich vermeiden, wenn ich mich dem Thema ernsthaft widmen möchte und auch etwas im Zuschauer bewirken möchte.

 Konnten Sie wiederkehrende Mechanismen der Gewalt entdecken?

Ein wiederkehrender Mechanismus ist die Gewaltspirale, also das „Weitergeben“ von Gewalt von einer Generation zur nächsten. Das ist kein Automatismus, aber die Wahrscheinlichkeit dafür ist gegeben. Ein weiterer Mechanismus von Gewalt ist die Wiederholung, mitunter Potenzierung an Heftigkeit, weil die Hemmschwelle zur Grenzübertretung sinkt. Das habe ich allerdings so nicht explizit thematisiert. In „Schattenkind“ geht es vielmehr um Gefühls- und Seinszustände, die sich abwechseln mit Brüchen, in denen ich mich als Darstellerin von der Situation distanziere. Das braucht es, damit Zuschauer die Brisanz verdauen können.

Infos zur Premiere und der Künstlerin

Premiere: Am Donnerstag, 20. Mai, um 20 Uhr mit einer Einführung durch Nina Kurzeja. Weitere Aufführung am Freitag, 21. Mai, 20 Uhr mit anschließendem Nachgespräch in der Moderation von Petra Mostbacher-Dix. Für die Einführung und das Nachgespräch wird die Zoom App benötigt.

Karten gibt es zum Preis von 5 Euro im Fitz unter www.fitz-stuttgart.de oder telefonisch unter 0711 241541.

Zur Person: Eva Baumann arbeitet als Tänzerin und Choreografin seit 2012 in Stuttgart in der freien Szene. Zusammenarbeit mit anderen Künsten („tracing O.S.“), feministischer Diskurs („herstory“) und Nischenthemen stehen im Vordergrund. Sie war unter anderem Stipendiatin der Kunststiftung Baden-Württemberg und Residenzkünstlerin am Bauhaus in Dessau.




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