Eva Kleinitz Stuttgarter Operndirektorin leitet die Straßburger Oper

Die Stuttgarter Operndirektorin geht als Intendantin nach Strasbourg: Eva Kleinitz Foto: Sigmund
Die Stuttgarter Operndirektorin geht als Intendantin nach Strasbourg: Eva Kleinitz Foto: Sigmund

Von 2011 bis zum Juli dieses Jahres war Eva Kleinitz (45) Operndirektorin und stellvertretende Intendantin der Oper Stuttgart. Im September beginnt ihre Intendanz in Strasbourg mit Philippe Manourys neuer Oper „Kein Licht“. Ein Gespräch über Stuttgarter Erfahrungen, Erwartungen in Strasbourg und die politische Stimmung in Frankreich.

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Strasbourg - Die Stuttgarter Operndirektorin Eva Kleinitz (45) wechselt als Intendantin zur elsässischen Opéra national du Rhin. Ein Gespräch vor ihrer ersten Spielzeit über Stuttgarter Erfahrungen, Straßburger Erwartungen und die Stimmung in Frankreich nach der Wahl.

Frau Kleinitz, wie oft sind Sie in den letzten Monaten zwischen Stuttgart und Straßburg gependelt?
Meistens so ein oder zweimal in der Woche. Glücklicherweise ist der TGV meistens pünktlich.
Ihre Tätigkeiten als Operndirektorin in Stuttgart und Intendantin der Opéra national du Rhin haben sich seit 2016 überlappt.
Ja, seit dem 1. April 2016, als ich zur Intendantin in Straßburg ernannt wurde, habe ich diese Doppelbelastung. Die künstlerischen Inhalte der kommenden Saison dort sind komplett von mir geplant worden. Nur die Räumlichkeiten in Colmar, Mulhouse und Straßburg wurden schon von meinem Kollegen vorgebucht. Die beiden Orchester aus Mulhouse und Straßburg, die die Opernproduktionen bestreiten, müssen natürlich langfristig planen.
Zwischen den beiden Städten Stuttgart und Straßburg besteht eine Städtepartnerschaft. Gab es in der Vergangenheit einen starken kulturellen Austausch?
Nicht dass ich wüsste. Das finde ich sehr schade. Jetzt machen wir zumindest in kleinem Rahmen einen Kulturaustausch mit den Opernstudios der beiden Städte. Die Saison 2017/18 in Stuttgart habe ich noch gemeinsam mit Jossi Wieler geplant und budgetiert – so war es leicht machbar, dieses Partnerschaftsprojekt umzusetzen. Es gibt ein Konzert der Opernstudiomitglieder in Stuttgart und Straßburg. Jeweils ein Ensemblemitglied wird für eine Opernproduktion das Haus wechseln.
Sie wurden bereits vor zwei Jahren gefragt, ob Sie Intendantin in Straßburg werden wollten, lehnten damals aber ab, weil Sie in Stuttgart im Jahr 2018 gerne Nachfolgerin von Jossi Wieler geworden wären. Das Rennen hat dann aber Viktor Schoner gemacht.
Die Enttäuschung war selbstverständlich groß. Mit diesem Nein musste ich umgehen und nach vorne schauen. Es ist eine schöne Sache, vom Kultusministerium aus Paris angerufen zu werden. Ich habe früher an der Straßburger Oper als Regieassistentin gearbeitet und hatte immer Kontakt zu vielen Menschen am Haus. Deshalb passt das jetzt auch sehr gut für mich.
Im letzten Jahr wurde die Stuttgarter Oper von der Zeitschrift „Opernwelt“ zum „Opernhaus des Jahres“ gewählt. Was macht für Sie die Stuttgarter Oper aus?
Das Haus ist ziemlich einzigartig, weil es in allen Abteilungen besondere Menschen gibt. Wenn Jossi Wieler immer vom „Stuttgarter Geist“ redet, dann existiert der wirklich. Das bedeutet: Ensemblekultur, Entwicklung von Menschen, Kommunikation mit dem Publikum, gemeinsame Erkundung von Werken und Regiewegen.
Was nehmen Sie von den Stuttgarter Erfahrungen mit nach Straßburg?
Sehr viel. Ein noch breiteres Wissen über Repertoire, eine große Liebe zur Entwicklung von Sängern und auch zum Ballett. Mit dem neuen Ballettdirektor Bruno Bouché, den ich mit aussuchen durfte, kann ich nun in Straßburg gemeinsam anfangen. Wir haben immerhin noch 35 Tänzerinnen und Tänzer und einen spannenden Spielplan.
In Straßburg werden Sie stärker im Rampenlicht stehen und das Gesicht der Oper sein. Liegt Ihnen das?
Das gehört einfach dazu und ist kein Problem für mich. In Stuttgart war natürlich Jossi Wieler das Gesicht des Hauses. Aber repräsentative Aufgaben hatte ich in meinem Leben schon einige, auch an der Seite von David Pountney bei den Bregenzer Festspielen. Da war ich ja auch stellvertretende Intendantin neben einem Regisseur.
Erwartet man von Ihnen in Straßburg eher Kontinuität oder einen Neuanfang?
Beides. Neuanfang, weil nun eine jüngere deutsche Frau auftaucht und eine ganze Reihe von neuen Künstlern für die Stadt und die Region mitbringt. Aber natürlich muss ich mich auch an Gegebenheiten halten. Beispielsweise kann ich hier keinen Repertoirebetrieb installieren, sondern die neuen Opernproduktionen werden nach wie vor am Stück gespielt, bevor dann die nächste Premiere kommt. Es wird also ein Stagione-Haus bleiben – mit einem breiten Programm vom Barock bis zur zeitgenössischen Oper. Aber ich werde im Gegensatz zu meinem Vorgänger Marc Clémeur keine Komponisten-Zyklen machen. Ich möchte einen möglichst vielfältigen Spielplan machen.
An der Stuttgarter Oper waren Sie unter anderem zuständig für das Gesangsensemble. In Straßburg gibt es gar keines, sondern Sie müssen für jede Produktion neu casten.
Das habe ich ja bei den Bregenzer Festspielen oder der Brüssler Oper La Monnaie auch gemacht, insofern besitze ich viel Erfahrung. Was hier in Straßburg fehlt, ist der Aufbau von Sängern. Ich kann niemanden für drei Jahre engagieren und beispielsweise einer Sopranistin im ersten Jahr eine Pamina versprechen, die dann vielleicht im dritten Jahr zu einer Mimì werden kann. In La Monnaie hatten wir aber trotzdem eine Sängerfamilie. Georg Nigl zum Beispiel kommt dort auch jetzt noch jedes Jahr für eine Produktion, einen Liederabend oder eine Masterclass ans Haus. So etwas ähnliches schwebt mir auch für Straßburg vor. Ich finde das auch fürs Publikum schön.
Was haben Sie vor an und mit der Straßburger Oper?
Ich habe vor allen Dingen vor, dass viele Menschen aller Altersstufen und aller sozialen Schichten hier gerne in die Oper kommen. Wir müssen eine hohe Qualität hinbekommen. Ich möchte Kooperationen eingehen, auch mit dem benachbarten Théâtre national du Strasbourg, das unter Stanislas Nordey eine tolle Entwicklung gemacht hat. Wir möchten Dynamik in die Stadt, aber auch in die Grande Region bringen. Neben Colmar und Mulhouse werden wir auch mal in der weiteren Zukunft in Nancy spielen mit einer Koproduktion.
Was sind Ihre künstlerischen Leitlinien?
Meine Leitlinie ist die Diversität der musikalischen Sprachen. jede Aufführung sollte mich in irgendeiner Weise berühren, anregen und auf neue Gedanken bringen. Mir ist es auch wichtig, Frauen zu fördern. Es gibt zu wenig weibliche Dirigenten und Regisseure. Auch bei Sängerinnen beobachte ich immer wieder, dass die Karriere manches Mal aus unerklärlichen Gründen ins Stocken gerät. Mir ist es in meiner Position deshalb wichtig, ein Auge auf die Frauen zu haben. Natürlich geht es um Qualität und nicht unbedingt um eine Frauenquote, aber ich finde es schon sehr wichtig, dass sich auf diesem Gebiet etwas ändert.
Sie starten mit Philippe Manourys neuer Oper „Kein Licht“. Das ist nicht nur eine Koproduktion mit dem Musica-Festival, sondern mit fünf weiteren Institutionen. Hat das vor allem finanzielle Gründe?
Bei einer Vorlaufzeit von zwölf Monaten konnte ich ja gar keinen Auftrag mehr vergeben. Der ausführende Produzent ist die Opéra Comique in Paris. Uraufgeführt wird die Oper bei der Ruhrtriennale in Essen. Wir stellen die Werkstätten und konnten uns gemeinsam mit dem Musica-Festival Strasbourg die französische Erstaufführung sichern. Mit Nicolas Stemann inszeniert ein bedeutender Regisseur die nach Texten von Elfriede Jelinek geschriebene Oper.
Der Bau eines neuen Opernhauses in Strasbourg oder zumindest die Renovierung des alten stand immer wieder auf der Agenda von Marc Clémeur. Wird das auch eine wichtige Aufgabe für Sie sein?
Ja, die Renovierung oder sogar ein Neubau ist schon sehr lange Thema. Leider gibt es aktuell keinen konkreten Zeitplan. Aber es gibt Gespräche auf allen Ebenen, denn das Haus hat eine Reihe von baulichen Problemen, die jedoch regelmäßig durch den technischen Einfallsreichtum der Verantwortlichen aufgefangen werden. Der Orchestergraben beispielsweise ist gar nicht fahrbar und auch nicht voll abdeckbar. Bei größer besetzten Werken ist er sehr schnell viel zu klein. Auch hinter der Bühne ist vieles veraltet, eng, nicht auf dem heutigen Stand. Es gibt keine Garderoben für die Orchestermusiker, sie kleiden sich im Besprechungszimmer der Technik um. Bedarf gibt es somit auf vielen Seiten.
Wie erleben Sie Frankreich nach der Wahl von Emmanuel Macron zum Präsidenten?
Abwartend, neugierig, gespannt, viele Menschen sind guten Mutes. Ob die Gesellschaft wirklich so gespalten ist, wie es immer heißt, weiß ich nicht. Da kann ich mir noch kein Urteil erlauben.
Wären Sie auch gekommen, wenn Marine Le Pen zur Präsidentin gewählt worden wäre?
Ich bin sehr froh, dass ich mir diese Frage nicht stellen muss.

Das Gespräch führte Georg Rudiger

Programm unter www.operanationaldurhin.eu




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