Was macht es mit einem, wenn man auf seiner Praktikumsstelle bei einer Jugendhilfeeinrichtung aus nichtigem Anlass übel beschimpft wird? Wenn man mit jungen Frauen, zum Teil noch Teenagern, zu tun hat, die vor ihrer Familie geflohen sind, um einer Zwangsheirat oder gar einem Ehrenmord zu entkommen, oder mit Frauen, die in die Zwangsprostitution geraten sind, den Absprung geschafft haben und nun Hilfe brauchen?
Wie geht man damit um, wenn man auf einer Kinderkrebsstation arbeitet und weiß, dass man sich irgendwann von den kleinen Patienten für immer verabschieden muss, obwohl diese noch kaum gelebt haben?
All das sind Dinge, von denen die meisten Menschen zwar vom Hörensagen wissen, Berührungspunkte haben sie in der Regel aber nicht. Das ist bei den jungen Leuten, die an der Evangelischen Hochschule in Ludwigsburg Soziale Arbeit studieren, anders. Vier Studentinnen berichten in einer kleinen Serie unserer Zeitung hautnah von ihrem Erleben während ihres Praktikums im fünften Semester, drei davon sind zum Pressetermin gekommen.
Ziel: Auf schwere Lebenssituationen aufmerksam machen
Den angehenden Sozialarbeiterinnen geht es unter anderem darum, Vorurteilen in der bürgerlichen Gesellschaft entgegenzutreten. „Viele denken doch, das sind die bösen Jungs, mit denen es niemand aushält“, sagt Anna Kimmich, die ihr Praktikum bei „Scout am Löwentor“, einer intensivpädagogischen Einrichtung für männliche Jugendliche zwischen zwölf und 17 Jahren in Stuttgart, absolviert hat. Sie möchte mit ihrer Reportage die Hintergründe zeigen. Hintergründe, die übrigens dazu geführt haben, dass sie sich dafür entschieden hat, dort auch nach dem Praktikum weiterzuarbeiten.
Eine Mitstudentin, die ein Praktikum bei Rosa, dem anonymen Wohnen für junge Migrantinnen, gewählt hat und zu deren Schutz auch selbst anonym bleiben möchte, will deutlich machen, dass in dem Stuttgarter Wohnprojekt der Evangelischen Gesellschaft nicht ständig gedrückte Stimmung herrscht. „Das sind Teenies, die wie ganz normale Teenies leben wollen“, sagt sie.
Beatrice Gerst, die Leiterin des Praxisamts an der evangelischen Hochschule, betont, durch die Reportagen der Studentinnen solle „niemand ins Schaufenster gestellt“ werden. Vielmehr sei das Ziel, dass man „auf politisch und sozial gute Art auf Lebenssituationen zwischen Verzweiflung und Todesangst aufmerksam macht“. So sollten die Betroffenen „eine gewisse Lobby bekommen“.
Medienkompetenz und Reflexion sind wichtig
Dass das auch funktioniert, dafür sorgt Uschi Entenmann. Die Journalistin kümmert sich an der Evangelischen Hochschule am Salonwald um die Öffentlichkeitsarbeit und hatte auch die Idee für das Kooperationsprojekt mit unserer Zeitung. „Die Studentinnen und Studenten sollen selbst ihre Geschichte erzählen und dabei gleichzeitig Medienkompetenz erlangen“, erklärt sie. Denn während in sozialen Medien schnell einmal etwas verbreitet werde, ohne dass man die Hintergründe kenne, seien hier aufwendige Recherche und auch das Überprüfen von Quellen notwendig gewesen.
Der Wunsch, den sie damit verbindet: „Beim Schreiben soll auch reflektiert werden: Was macht das mit mir, das ich da erlebe und mitbekomme?“ Denn um eine mitreißende Reportage zu schreiben, müsse man ganz nah ran an die betreffenden Personen. Deshalb hat sie auch immer wieder eingegriffen, Anregungen gegeben, Verbesserungsvorschläge gemacht.
Bei aller Dramatik auch Lösungsansätze zeigen
Dabei herausgekommen sind packende Geschichten, die Einblicke in die Schattenseiten des Lebens gewähren, die aber oft doch nicht so dunkel sind, wie man von außen betrachtet glaubt. „Es sind alles dramatische Geschichten, aber doch mit einem Lösungsansatz“, findet Uschi Entenmann.
Für die Studentinnen waren die Reportagen viel Zusatzarbeit. Zwar können sie darauf ihre Abschlussarbeit aufbauen, dennoch war es schwer, für Außenstehende Dinge zu erklären, die für sie während ihres Praktikums schon fast normal geworden sind. Und dennoch würden sie es wieder tun. „Ich will den jungen Frauen eine Stimme geben“, so die Rosa-Praktikantin, und Leonie Wagner und Anna Kimmich nicken. Das wollen auch sie bei denjenigen, die sie während ihres Praxissemesters kennengelernt haben.