Die Kirche – hier in Ehningen – muss sich neu aufstellen. Foto: Eibner-Pressefoto/Dennis Duddek
Die evangelische Kirche muss sparen und kürzt Pfarrstellen. Im Bezirk Böblingen wurde jetzt ein Konzept entwickelt, wie das konkret aussehen kann. Zudem trifft der Sparkurs die Jugendarbeit hart.
Robert Krülle
30.11.2023 - 07:06 Uhr
Künftig reicht es nicht mehr für einen evangelischen Pfarrer pro Gemeinde. Konnten die Gläubigen bislang in der Regel noch auf „ihren“ Seelsorger zugehen, wird sich in Zukunft ein Team von Pfarrerinnen und Pfarrern mehrere Orte und die Arbeit aufteilen. Diesen für die Protestanten durchaus schmerzhaften Prozess haben in den vergangenen Monaten auch die Verantwortlichen im Kirchenbezirk Böblingen verhandelt und nun bei der Bezirkssynode erste Ergebnisse festgeklopft. Der endgültige Beschluss soll im Frühjahr fallen. „Ich bin sehr dankbar, dass die Gemeinden bei allem Frust bereit sind, diese schwierigen Themen anzupacken und gemeinsam gute Lösungen zu finden“, sagt der Böblinger Dekan Markus Frasch nach der Sitzung in Waldenbuch. Dabei sind das längst nicht die einzigen Einschnitte in die kirchliche Arbeit.
Immer weniger Gläubige, immer weniger Pfarrer
Die evangelische Kirche steckt in der Krise – immer weniger Gläubige, perspektivisch immer weniger Pfarrer, außerdem eine zunehmend schwierige Finanzlage. Längst haben die württembergischen Kirchenoberen den Alarmknopf gedrückt und ihren Gemeinden einen drastischen Sparkurs verordnet. Laut „Pfarrplan 2030“ sollen in den nächsten sieben Jahren 20 bis 30 Prozent der Pfarrstellen wegfallen, zudem stehen Immobilien und weiteres Personal auf dem Prüfstand. Welche konkreten Konsequenzen dies alles hat, soll möglichst vor Ort entschieden werden – so auch im evangelischen Kirchenbezirk Böblingen, wo sich die Zahl der Gemeindeglieder in den vergangenen 20 Jahren von 74 000 auf 52 000 um fast ein Drittel verringert hat.
Welche Gemeindegruppen sind sinnvoll mit wie vielen Pfarrstellen? Über diese Fragen wurde lange gehirnt, nun gibt es im Kirchenbezirk Böblingen einen Vorschlag. Zunächst bilden Böblingen und Sindelfingen mit ihren drei bis vier Kirchengemeinden jeweils eigene Kooperationsräume. Wobei derzeit beraten wird, die Kirchengemeinden in den Städten jeweils zu verschmelzen – also dass es letztlich nur noch eine Gemeinde in Böblingen und eine Gemeinde in Sindelfingen geben wird. „Da sind wir derzeit in vertieften Gesprächen“, sagt der Dekan.
Dekan Markus Frasch im Gespräch /Stefanie Schlecht
Darüber hinaus bilden sich im Umland Gruppierungen, wo jeweils ein Seelsorger-Team zuständig ist. Zum Beispiel soll Aidlingen mit Deufringen und Dachtel genauso wie Dagersheim mit Darmsheim zusammengehen und zudem gemeinsam mit Ehningen den „Kooperationsraum West“ bilden. Diesen Gemeinden stünden dann noch drei Pfarrstellen anstatt wie bisher fünf zur Verfügung. Wenn Maichingen mit Magstadt und Döffingen eine Einheit bildet, müssen die Gläubigen dort mit noch 2,75 anstatt vier Stellen auskommen. Holzgerlingen und Altdorf sollen sich zusammenschließen mit noch drei anstatt bisher zwei Pfarrstellen. Die größte Gruppe bilden Weil im Schönbuch mit Breitenstein und Neuweiler, Schönaich, Steinenbronn und Waldenbuch als „Kooperationsraum Ost“. Hier sind vier anstatt bisher 6,5 Stellen vorgesehen.
„Dies alles wurde in den Kirchengemeinderäten vor Ort besprochen, und ich bin sehr froh, dass wird das so hinbekommen haben“, sagt Dekan Markus Frasch. Nach den verbindlichen Beschlüssen im nächsten Jahr soll dieses Konzept ab 2025 in die Umsetzung gehen und bis Ende 2030 abgeschlossen sein. Die Hoffnung ist, dass der Verlust an Pfarrstellen sich über eine natürliche Fluktuation regelt – durch Ruhestand oder Ortswechsel, die bei Pfarrern nicht unüblich sind.
Massive Geldnot
Doch damit nicht genug: Der Kirchenbezirk mit Dekanat in Böblingen hat akute Geldnot. Deshalb wurde eine Erhöhung der Umlage beschlossen. Das bedeutet, dass die Gemeinden zukünftig 36,30 Euro anstatt bisher 31,50 Euro pro Gemeindeglied nach Böblingen zahlen müssen – was die Misere aber nur abfedern und nicht lösen kann.
Daher hat die Bezirkssynode einen dramatischen Einschnitt hinsichtlich des Personals beschlossen. Die beiden Diakonstellen (jeweils 50 Prozent) im Bezirk werden gestrichen. Zudem soll das Evangelische Jugendwerk, das die kirchliche Jugendarbeit im ganzen Bezirk unterstützt, von 7,25 Stellen auf vier Stellen reduziert werden. „Das ist bitter, wir schätzen die Jugendarbeit sehr“, betont Markus Frasch, „aber wir können sie uns in diesem Umfang nicht mehr leisten.“ Klar ist immerhin: Es gibt bei der Kirche keine betriebsbedingten Kündigungen.
Das Bezirksjugendwerk trifft die Entscheidung hart. Die zwölfköpfige Gruppe um die Geschäftsführerin Gerlinde Sautter soll bis Ende nächsten Jahres ein Konzept erarbeiten, wie sich die Arbeit mit weniger Personal organisieren lässt. Zunächst steht an diesem Donnerstag, 30. November, um 19.30 Uhr im Gemeindehaus in Darmsheim die öffentliche Delegiertenversammlung der Evangelischen Jugend im Kirchenbezirk an – es wird wohl keine ruhige Sitzung.
Evangelische Kirche auf Sparkurs
Pfarrplan Weil die Zahl der Gemeindeglieder sinkt, es immer weniger Pfarrer gibt und finanzielle Einbußen drohen, kürzt die evangelische Kirche in Württemberg Pfarrstellen – schon seit einigen Jahren. Nach dem Pfarrplan 2018 und dem Pfarrplan 2024 sieht der Pfarrplan 2030 nun die gravierendsten Einschnitte vor – bis zu 30 Prozent der Pfarrstellen sollen bis Ende 2030 wegfallen. Zudem stehen Immobilien und der Verwaltungsapparat auf dem Prüfstand.
Kirchenbezirke Die evangelische Kirche teilt sich in Bezirke auf. Im Kreis Böblingen gibt es drei: die Kirchenbezirke Böblingen, Herrenberg und Leonberg. Sie sollen mittelfristig zusammenwachsen, auch das gehört zum Sparkurs der evangelischen Kirche.
Synode Die Synode ist das höchste Entscheidungsgremium im Kirchenbezirk. Zuletzt hat die Synode des Bezirks Böblingen in Waldenbuch getagt, eine Woche zuvor standen die Sitzungen in Herrenberg und Leonberg an – überall geht es um massive Einschnitte auf verschiedenen Ebenen.
Abschied und Krach in Herrenberg Speziell ist die Situation in Herrenberg. Der Dekan Eberhard Feucht geht in Ruhestand und wird an diesem Sonntag, 3. Dezember, um 14.30 Uhr in der Stiftskirche verabschiedet. Doch seine Nachfolge ist unsicher. Denn weil die Gemeindegliederzahl im Kirchenbezirk Herrenberg unter 30 000 gesunken sei, will der Oberkirchenrat keinen Dekan mehr, sondern nur einen Verwalter einsetzen. Dies wurde abrupt kommuniziert, die Herrenberger Bezirksverantwortlichen waren empört. Daher gibt es am 15. Dezember, ein Mediationsgespräch – Ausgang offen.