Die evangelische Kirche im Kreis Ludwigsburg muss ihre Kräfte bündeln – aber wie weit geht der Fusionswille? Foto: Simon Granville
Die evangelische Kirche muss landesweit den Gürtel enger schnallen. Eine neue Idee: Die drei Dekanate Ludwigsburg, Besigheim und Marbach sollen fusionieren.
Eine überraschende Wendung ist in die Fusionsdebatte der evangelischen Kirchenbezirke im Kreis Ludwigsburg eingetreten: Bislang galt ein Zusammenschluss der Bezirke Besigheim und Marbach als wahrscheinlich. Schon seit Jahren wird diskutiert und nach Lösungen für die zwei Bezirke gesucht.
Doch nun zeichnet sich nun eine neue Entwicklung ab. Nach Recherchen unserer Zeitung steht nicht mehr nur eine Zweierzusammenschluss, sondern eine Dreierfusion an – und zwar mit dem Bezirk Ludwigsburg. Offenbar ist das der Wunsch der Kirchenbezirksausschüsse (KBA) von Besigheim und Ludwigsburg – aus Marbach fehlt noch das passende Votum.
1. Warum sind Fusionen überhaupt notwendig?
Die evangelische Landeskirche in Württemberg steht unter erheblichem finanziellem Druck. Sinkende Mitgliederzahlen und geringere Kirchensteuereinnahmen zwingen zu einem konsequenten Sparkurs, wie ihn der Dekanatsplan 2030 vorgibt.
Durch Fusionen können Doppelstrukturen abgebaut werden – etwa durch weniger Dekansstellen und deren Ruhestandsgelder, eine gebündelte Verwaltung, einheitliche IT-Systeme und gemeinsame Dienste – zum Beispiel in der Jugendarbeit, der Diakonie oder dem Bezirkskantorat. Pro Zusammenschluss ließe sich so jährlich ein sechsstelliger Betrag einsparen.
Die drei evangelischen Dekanate liegen im Norden der Prälatur Stuttgart. Foto: Wikipedia/Grafik: Yann Lange
Pfarrer könnten flexibler auf die Fläche verteilt werden. „Die Kirche muss ihre Strukturen enger an die vorhandenen finanziellen und personellen Ressourcen anpassen“, sagt Dan Peter, Sprecher der evangelischen Landeskirche in Württemberg. So gebe es weniger Kirchengemeinden: Waren es im Jahr 2007 noch 1312, sind es jetzt nur noch 983. Verglichen mit dem Jahr 2000 gibt es nach Angaben der Landeskirche nur noch halb so viele Gemeindemitglieder und Pfarrer.
2. Weshalb wollen Ludwigsburg und Besigheim eine Dreierfusion?
Die Kirchenbezirke Ludwigsburg mit etwa 50.000 und Besigheim mit rund 40.000 Kirchenmitgliedern arbeiten schon seit Jahren eng zusammen und haben gemeinsame Strukturen aufgebaut. Das hat der Kirchenbezirksausschuss (KBA) Besigheim den Mitgliedern des Marbacher Bezirksausschusses mitgeteilt.
Besigheim und Ludwigsburg scheinen den Zusammenschluss mit Marbach und seinen rund 30.000 evangelischen Christen forcieren zu wollen. Marbachs Dekan Ekkehard Graf will aktuell noch nicht zu diesem Thema zitiert werden. Er ist derzeit auf Reisen in Indien und verweist auf den Ludwigsburger Amtsbruder Michael Werner, der für alle drei Dekanate sprechen soll.
Worin könnten die Vorteile des neuen Riesendekanats mit mehr als 120.000 Kirchenmitgliedern und etwa 60 Pfarrerinnen und Pfarrern liegen? Eine Antwort auf diese Frage fällt schwer. Die KBA von Besigheim und Ludwigsburg bewerten die Dreierfusion als einen Zwischenschritt zu einer späteren Gesamtfusion aller Kirchenbezirke im Kreis Ludwigsburg. Man vermutet: Die Veränderung wäre dann weniger einschneidend, weil ein Teil der Strukturreformen bereits vollzogen wäre.
Im Sommer 2028 enden die Beauftragungen der drei Dekane Michael Werner (Ludwigsburg), Ekkehard Graf (Marbach) und Susanne Digel (Besigheim) – eine Fusion zum 1. Januar 2028 steht zur Debatte.
3. Wer entscheidet, ob eine Dreierfusion zustande kommt?
Wichtig ist zunächst das Votum der Bezirkssynoden der beteiligten Kirchenbezirke. Diese werden nach den Kirchengemeinderatswahlen im November personell neu zusammengesetzt. Die Synoden tagen im Frühjahr.
Die evangelische Kirche ist in Ludwigsburg präsent – dort könnten in Zukunft noch mehr Fäden zusammenlaufen. Foto: Simon Granville
„Wir sind in einem Übergang“, sagt der Ludwigsburger Dekan Michael Werner. Die bisherigen Kirchenbezirksausschüsse hätten die Vorarbeit für weitere Klärungen geleistet. „Wir haben uns auf den Weg gemacht, um Gespräche zu führen“, so Werner. Was daraus entstehe, sei offen – die Entscheidung liege letztlich bei den neu gebildeten Synoden. Je nach theologischer Ausrichtung – im Spannungsfeld zwischen Pietismus und liberaler Theologie – könnten unterschiedliche Interessen aufeinandertreffen.
4. Wo würde der Sitz des neuen Dekanats sein?
Diese Frage ist derzeit ebenfalls noch offen – und kirchenpolitisch sensibel. Als wahrscheinlich gilt jedoch Ludwigsburg. Dort leben die meisten evangelischen Christen im Kreis. Zudem dürfte die geografisch zentrale Lage eine Rolle spielen und das Tauziehen von Marbach und Besigheim um den Dekanatsstandort salomonisch beenden. Eine endgültige Entscheidung steht aber erst am Ende des weiteren Beratungsprozesses.
5. Wie begleitet die evangelische Landeskirche den Prozess?
Die württembergische Landeskirche setzt stark auf ihre synodalen Strukturen und Freiwilligkeit. Das bedeutet: Die Kirchenbezirke werden gefragt, ob und mit wem sie fusionieren wollen. Sie legten auch eine neue Bezirkssatzung fest und würden entscheiden, wie Kirchensteuermittel im neuen Bezirk verteilt werden. Auch der Abbau der jeweiligen Doppelstrukturen obliege den Kirchenbezirken, die das in ihrem Haushalt selbst beschließen könnten, teilt Landeskirchen-Sprecher Dan Peter mit.
Die konkrete Entscheidung über Zusammenschlüsse trifft laut Peter die Landessynode im Gesetzgebungsverfahren – und zwar für jede einzelne Fusion gesondert. „Dabei werden die Bezirke maßgeblich beteiligt.“