Evangelischer Kirchenbezirk Leonberg Sexualisierte Gewalt erst gar nicht aufkommen lassen

Der Umgang mit sexualisierter Gewalt war im Kirchenbezirk Leonberg ebenso wie auf der Landessynode Thema. Foto: dpa/Julian Stratenschulte

Die Synode hat nach den guten Erfahrungen in den Kitas und der Kinder- und Jugendarbeit beschlossen, eine Arbeitsgruppe einzusetzen, die ein Schutzkonzept für den gesamten Kirchenbezirk Leonberg erstellt.

Nicht jede Grenzverletzung ist sexualisierte Gewalt, aber sexualisierte Gewalt beginnt immer mit einer Grenzverletzung. Diese Erkenntnis hat Thorsten Pfister, Referent am evangelischen Jugendwerk im Bezirk Leonberg, den Teilnehmenden der jüngsten Synode im evangelischen Kirchenbezirk Leonberg mit auf den Weg gegeben. Wie auch auf der Landessynode in Stuttgart, stand für die Synodalen aus dem Dekanat Leonberg bei ihren Beratungen im Haus der Begegnung der Umgang mit Gewalt und der sexualisierten Gewalt im Speziellen als zentrales Thema auf der Tagesordnung.

 

Bereits zur Eröffnung der Synode hat die Renninger Pfarrerin Renate Egeler Gewalt und sexualisierte Gewalt zum Thema ihrer Andacht gemacht. „Betroffene müssen gehört, unterstützt und geschützt werden und die Kirche muss eine religiöse Sprache für das Geschehene finden“, sagte die Seelsorgerin. Deshalb gelte es für alle: „wahrnehmen, hinhören und hin- und nicht wegsehen“, so das Fazit ihrer Andacht.

„Das gibt es bei uns nicht“ ist Einfallstor für Täter

„Wir müssen an unserer Haltung arbeiten“, zitierte der Leonberger Schuldekan Andreas Hinz aus der gemeinsamen Stellungnahme von Landessynode und Oberkirchenrat der Evangelischen Landeskirche in Württemberg zum Thema sexualisierte Gewalt in der Kirche. Reaktionen wie „Das gibt es bei uns nicht“ oder „Wir kennen uns doch“ seien ein Einfallstor für Täter und ihre manipulativen Strategien. „Wir müssen Sprache und Worte finden, Grenzen deutlich markieren und ein Klima schaffen, in dem grenzverletzendes Reden und Tun offen angesprochen und gehört werden“, heißt weiter in der gemeinsamen Erklärung. Es gelte die eigene Haltung zu schärfen, sagte der Schuldekan. Bestehende Maßnahmen müssten gestärkt und weiterentwickelt werden. Eine wichtige Rolle spiele die Prävention und die strikte Umsetzung von Schutzkonzepten, so Andreas Hinz.

Neues Schutzkonzept steht

Ein solches Konzept für die Kindertagesstätten in der Trägerschaft des Kirchenbezirkes ist ganz neu ausgearbeitet und steht unter dem Motto „Auf Grenzen achten - sicheren Ort geben“. Vorgestellt wurde es in der Synode von Jessica Pfeiffer, der Leiterin der Abteilung Kindertageseinrichtungen im evangelischen Kirchenbezirk Leonberg. Gültig ist es vorwiegend für die inneren Abläufe in den elf Kitas im Dekanat, in denen rund 250 Mitarbeitende die Kinder in 34 Gruppen betreuen. Was nicht heißt, dass das Fachpersonal nicht auch weiterhin auf Anzeichen von außen achtet, die darauf hindeuten, dass das Kindeswohl bedroht oder in Gefahr ist.

„Mit dem Thema beschäftigen wir uns schon seit 2019 und haben dafür auch die Präventionsstelle der Landeskirche mit ins Boot geholt“, erläuterte Jessica Pfeiffer den Entstehungsprozess des Schutzkonzeptes. Eine wichtige Voraussetzung für das gute Funktionieren sei, die Kompetenz der Mitarbeitenden zu entwickeln. Dabei geht es nicht nur darum, die Einrichtungen nicht zu Tatorten werden zu lassen, sondern zu Kompetenzorten: Orte, an denen Kinder Respekt, Schutz und Unterstützung erfahren. Orte, an denen Kinder, die andernorts sexuelle Gewalt erleben, sich anvertrauen können.

Auch müssten Mittel und Wege gefunden werden, wie das Thema an die Kinder herangebracht werden kann. „Es geht auch um Gefühle und Empfindungen der Kinder im Alltag“, sagte Jessica Pfeiffer. Eine große Hilfe seien dabei die „Schatzkisten“ in den Kitas, in die die Kinder Darstellungen ihrer Erlebnisse hineinlegen können. „Diese Rückmeldungen helfen den Kita-Teams, einen Verhaltenskodex aufzustellen“, erläuterte die Leiterin der Abteilung Kindertagesstätten.

Eltern werden mitgenommen

Großen Zuspruch erfahren hat man, schilderte Jessica Pfeiffer, indem Eltern auf mehreren Veranstaltungen mit ins Boot geholt wurden, um sie für die Thematik zu sensibilisieren. „Es reicht nicht, ein Schutzkonzept zu erarbeiten, es muss auch in die Köpfe kommen, damit es im Alltag zum Tragen kommt“, formulierte es Jessica Pfeiffer. Verwundert, aber erfreut, habe man festgestellt, dass ein Konzept, das darauf zielt, dass in den Kitas sowohl Kinder als auch Beschäftigte in ihrer Würde geachtet und geschützt werden, sogar ein Mittel für erfolgreiche Personalgewinnung sei. „Wer neu zu uns kommt, schätzt die große Sicherheit, die ein solches Schutzkonzept mit sich bringt“, ist Jessica Pfeiffer zufrieden.

Reichlich Erfahrung mit einem Schutzkonzept und seiner Umsetzung hat das Evangelische Jugendwerk im Kirchenbezirk Leonberg bereits gesammelt, denn hier gibt es schon seit fast einem Jahrzehnt ein solches. Als Besonderheit der Landeskirche arbeitet dieses, wie alle in Württemberg, selbstständig im Auftrag des Bezirks und ist für die Arbeit mit Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen zuständig. Die Leitung haben gewählte, ehrenamtliche Mitarbeitende inne, der Bezirksarbeitskreis ist ähnlich wie ein Verein strukturiert, der zusammen mit den Jugendreferenten das Jugendwerk führt.

Ein solcher Jugendreferent ist auch Thorsten Pfister, der in der Bezirkssynode das Schutzkonzept gegen Gewalt und sexualisierte Gewalt des Evangelischen Jugendwerks Leonberg vorgestellt hat. „Wir müssen einen Schutzraum bieten und den Auftrag der Kirchen, Schulen und Vereine annehmen und nicht auf andere verweisen, denn Gewalt und sexualisierte Gewalt ist kein einmaliges Ereignis“, sagte Pfister. Zwar sei „Bei uns passiert es nicht“ die schlechteste Einstellung, trotzdem könne er beruhigt behaupten, dass es im Bezirksjugendwerk zu keinen Vorfällen gekommen sei.

Führungszeugnis alle drei Jahre

Das Schutzkonzept von 2015 werde nun aktualisiert und neu aufgesetzt. Es beinhaltet ausführliche Schulungen, schreibe eine neue Selbstverpflichtung für ehrenamtliche Helferinnen und Helfer ab 14 Jahren vor. Die neuen Standards werden in Kürze beschlossen. Neu ist auch, dass jetzt alle drei und nicht alle fünf Jahre Einsicht in das erweiterte polizeiliche Führungszeugnis genommen wird. „Das Wichtigste ist aber, die Kinder und Jugendlichen zu stärken und dafür braucht es auch eine starke Jugendarbeit“, sagte Pfister. Entscheidend sei zudem eine flächendeckende Kooperation sowie eine lückenlose Intervention und Aufklärung.

Die Synode vertrat die Meinung, dass Schutz vor Gewalt und sexualisierter Gewalt im kirchlichen Rahmen sich nicht nur auf Kinder und Jugendliche beschränken sollte. Deshalb hat das Gremium einstimmig der Einsetzung einer Arbeitsgruppe zugestimmt, die ein Schutzkonzept für den gesamten Kirchenbezirk erstellen soll. Dieser AG gehören aufgrund ihrer Erfahrung, neben Pfarrerinnen und Pfarrer, auch Jessica Pfeiffer und Thorsten Pfister an.

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