Frau Siller, ist es unprofessionell, wenn alle mit dem Auto zu einem Geschäftstermin kommen und man selbst Bus und Bahn nimmt und die letzten Meter läuft?
Nein, das ist es nicht. Es ist nur wichtig, dass Sie in gutem Zustand ankommen. Verschwitzt und mit hochrotem Gesicht wirken Sie nicht mehr souverän und kompetent. Der Trick ist also, so rechtzeitig anzukommen, dass man sich gegebenenfalls noch mal frisch machen kann. So mache ich das auch.
Und sprechen Sie darüber, dass Sie die Bahn nehmen?
Nur, wenn man mich fragt. Dann formuliere ich das nett, ohne den Autofahrern ein schlechtes Gefühl zu vermitteln: Dass ich die Gelegenheit nutze, frische Luft zu schnappen und es mir auch gefällt, damit die Umwelt zu schonen.
Ist es unter Knigge-Perspektive in Ordnung, wenn man in Fahrradklamotten im Büro ankommt und sich vor Ort umzieht oder duscht?
Aus Knigge-Perspektive darf man alles machen, solange man anderen nicht zu nahetritt – insofern kann jeder zur Arbeit kommen, wie er mag. Es ist aber immer sinnvoll, sich überlegen, welches Bild ich meinen Kollegen in den Kopf brenne. Wenn ich morgens allen Kollegen in den kurzen Radlerklamotten begegne und mir quasi erst nach einer Dusche die offizielle Rolle überziehe, ist es manchmal nicht so einfach, sich Respekt und gegebenenfalls Distanz zu verschaffen. Außerdem wirke ich auch nicht besonders motiviert, wenn ich erst einmal duschen gehe, wenn alle anderen schon arbeiten. Also ist auch hier ein frühes Timing hilfreich. Bei allen persönlichen Vorlieben ist es gut, wenn man sich überlegt, wie man die Firma entsprechend repräsentiert, welche Rolle man hat und welches Ziel. Kann ich die Arbeit noch richtig machen, für die ich bezahlt werde? Und werde ich noch ernst genommen?
Bei manchen beruflichen Terminen weiß man, dass der Großteil im Anzug kommt. Darf man trotzdem mit Jeans und nachhaltig produziertem Strickpullover aufkreuzen?
Grundsätzlich ist es wichtig, authentisch zu sein. Wenn man sich verkleidet fühlt, bringt das nichts. Wenn Sie den Menschen allerdings etwas verkaufen wollen, geht das leichter, wenn Sie Ihrem Gegenüber ähnlich auftreten und angezogen sind. Ähnlichkeit macht immer sympathisch. Man kann, zumindest beim Erstgespräch, so auch zeigen, dass man die Gepflogenheiten der anderen kennt und respektiert. Übrigens: Entscheidend ist vor allem das, was wir obenherum tragen, weil wir ja meistens an einem Tisch sitzen. So ist beispielsweise ein Jackett zur Jeans ein guter Kompromiss. Dann sieht das oben immer professionell und wertschätzend aus.
Müssen Frauen bei der Art, wie sie sich im beruflichen Kontext präsentieren, noch vorsichtiger sein als Männer?
Aus meiner Wahrnehmung wird eine Frau viel schneller nach ihrer Optik beurteilt. Es ist wichtig, dass darüber gesprochen wird, dass das nicht okay ist. Ich finde in diesem Zusammenhang schade, dass oft auch Frauen untereinander über das Äußere von anderen Frauen schlecht sprechen. Dadurch verkopft und kompliziert sich das Anziehen sehr, und es entwickelt sich manchmal ein schwieriges Frauenbild: dass eine kluge Frau nicht schön sein darf. Mein Tipp dazu: Wichtig ist es, angezogen zu sein, „betucht“ zu sein. Gutes Tuch und viel davon war früher sehr teuer, und die Menschen, die das trugen, waren gebildet. Das hockt in unseren Zellen drin: Hochwertige Kleidung wirkt intelligenter, und umso mehr wir davon anhaben, desto schlauer wirken wir. Wenn also im Sommer eine Frau im ärmellosen Oberteil einem Mann gegenübersitzt, der seine Hemdsärmel leicht hochgekrempelt hat, wirkt dieser einfach mal so um eine Dreiviertel Armlänge klüger.
Angenommen bei einem Termin stehen mehrere Getränke in Plastikflaschen auf dem Tisch. Wie verhält man sich da, wenn einem der Verzicht auf Plastik wichtig ist?
Erlaubt ist, was gefällt, solange ich niemandem zu nahetrete. Wenn ich als Gast aber meine eigene Flasche herausziehe, gebe ich meinem Gastgeber kein sonderlich gutes Gefühl. Außerdem verliere ich sofort an Professionalität und Stil, wenn ich im Businesskontext aus der Flasche trinke. Insofern könnte ein Kompromiss sein, dass man sich für das Getränkeangebot bedankt und charmant erklärt, dass man „die eigene Spezialmischung“ bevorzugt, aber sehr gerne ein Glas nehmen würde.
Mit der steigenden Anzahl an Vegetariern, Veganern und Menschen mit Allergien und Unverträglichkeiten steigt die Zahl jener, die sich ihr eigenes Essen mit in die Kantine bringen. Ist das okay?
Ich finde das nicht höflich. Das macht man im Restaurant auch nicht. Wenn ich in der Kantine essen möchte, dann nehme ich auch etwas aus der Kantine. Eine Idee wäre es, sich dann eben einen Salat zu kaufen und zum Beispiel nur sein veganes Dressing in einem kleinen Döschen mitzubringen, wenn man das Joghurtdressing nicht essen möchte. Oder man isst sein eigenes Essen anderswo und geht danach mit den Kollegen gemeinsam Kaffee trinken.
Und darf man andere Menschen darauf hinweisen, wenn sie etwas tun, was in den eigenen Augen nicht umweltfreundlich ist – etwa auch kurze Wege mit dem Auto zu fahren, obwohl es eine gute ÖPNV-Verbindung gibt?
Wenn es um Themen oder Situationen geht, die mich bewegen, kann ich immer etwas sagen. Zivilcourage ist wichtig; nicht nur in Sachen Nachhaltigkeit. Es geht dann aber halt oft um das „Wie“. Wenn ich eine Veränderung erreichen möchte, ist es besser, gesichtswahrend zu agieren. Hier kann die Frage nach den Gründen helfen, etwa: „Mir ist aufgefallen, du fährst diese kurze Strecke mit dem Auto. Und ich frage mich, weil es ja auch viel Stau gibt: Warum machst du das? Das würde mich interessieren.“ Vielleicht kommt dann heraus, dass derjenige immer seine Großmutter nach der Arbeit zur Dialyse fährt. Es ist also gut, im Herzen offen zu bleiben und die Frage interessiert und wertfrei zu stellen. Beispielsweise auch, wenn Menschen auf dem Parkplatz für E-Autos parken, obwohl sie augenscheinlich kein E-Auto haben. Ich sage dann: „Das finde ich spannend. Warum machst du das?“
Wie reagieren die Menschen darauf?
Es gibt drei Aggregatzustände, wenn Menschen unter Druck kommen und sich ertappt fühlen: kämpfen, flüchten oder totstellen. Die Kämpfer werden pampig oder rechtfertigen sich, die Flüchter laufen schnell weg und die Totsteller sagen nichts. Aber es geht ja nicht ums Rechthaben und darum, dass die Menschen dann sofort ihr Auto umparken, sondern um die Chance, dass sie sich beim nächsten Mal daran erinnern und es womöglich nicht mehr machen.
Knigge-Expertin, Bankerin und Beraterin
Beraterin
Eigentlich ist Evelyn Siller gelernte Bankerin. Bei einer Großbank betreute sie sehr vermögende Privatkunden und wurde später Assistentin der Geschäftsführung. Als Siller ihr zweites Kind bekam, orientierte sie sich um. Sie bildete sich mit diversen Weiterbildungen und Seminaren fort, unter anderem im Bereich Coaching, Didaktik, Farb- und Stilberatung und Knigge-Training. Seit zehn Jahren berät sie Firmen und Profis aus Business und Öffentlichkeit in Sachen „Wirkungsintelligenz“, damit diese sich und ihre Botschaft bestmöglich präsentieren können.
Knigge-Rat
2019 wurde sie in den Deutschen Knigge-Rat berufen, seit März 2022 ist sie dessen Vorsitzende. Für Evelyn Siller bedeutet Knigge im Umfeld der Nachhaltigkeit auch, auf die täglichen Kleinigkeiten zu achten: den eigenen Müll aufzuräumen, Tragetaschen dabei zu haben und Kleidung qualitätsvoll, da langlebiger, zu kaufen. (jub)