Rote Zirkusuniform, große Gesten und prominente Gäste: Claus Rudolph macht die Vernissage im Kunstgebäude zur Bühne. Seine Bilder knallen – und der Abend wird zum Ereignis.

Stadtleben/Stadtkultur: Uwe Bogen (ubo)

Ein Nashorn auf einem Boot mitten im Wasser. Dazu eine junge Frau, die anmutig auf dem Rücken des Tieres reitet. Ist das künstliche Intelligenz oder kann das weg? Es ist echt! Wer im Kunstgebäude vor der Fotografie mit dem poetischen Titel „Wo geht Liebe hin, wenn Du weg bist“ steht, reibt sich unwillkürlich die Augen.

 

Die Szene wirkt surreal, filmisch, fast zu perfekt, um wahr zu sein. Und doch ist sie es: Für dieses Bild fuhr der Stuttgarter Künstler Claus F. Rudolph frühmorgens im Nebel auf den Bodensee hinaus. Das Nashorn – ein ausgestopftes Präparat, ausgeliehen aus einem Museum – wurde Teil einer Inszenierung, die allein aus Fantasie, Planung und handwerklicher Präzision entstand. Lange bevor KI-generierte Bilder die Kunstwelt beschäftigten.

„Fellini von Stuttgart“: Rudolph inszeniert opulente Kunstwelten

Der 1954 geborene Rudolph, den man den „Fellini von Stuttgart“ nennt, zeigt seine Arbeiten derzeit beim Künstlerbund im Kunstgebäude. Spätestens nach der Vernissage am Mittwochabend (dabei: Stuttgarts vielfältige Kulturszene, aber auch Boss-Model Anni Hoyer) weiß man, warum dieser Beiname passt. Der Fotograf baut opulente Szenerien, kleidet seine Modelle üppig ein und dirigiert das Geschehen mit der Grandezza eines Zirkusdirektors. Genau so empfängt er auch seine Gäste: Zur Eröffnung der Ausstellung „Dreierlei“ erscheint der gelernte Plakatmaler und langjährige Theaterfotograf konsequent im roten Zirkusdirektoren-Gewand – eine ebenso selbstironische wie stimmige Geste. Der Abend wird zum Event.

„Dreierlei“ ist eine Gemeinschaftsausstellung in der Galerie des Stuttgarter Künstlerbundes im ersten Stock des Kunstgebäudes, direkt über dem Isopi-Café. Neben Rudolphs großformatigen Fotografien sind Skulpturen seiner Ehefrau Tanja Krylova sowie Malerei von Stephanie Naglschmid zu sehen. Die Arbeiten bewegen sich zwischen Traum, Theater und Fellini-Filmen.

Rudolphs großformatige Kunst hängt unter anderem im La Commedia

Rudolphs Bilder wirken wie gigantische Bühnenbilder oder eingefrorene Filmszenen: kurios, überbordend, voller Details und immer wieder überraschend. Einige seiner Werke sind als Dauerleihgaben im Restaurant La Commedia im Hospitalviertel zu sehen – Kunst, die mit Absicht den Weg aus dem klassischen Ausstellungsraum in den Alltag findet.

Die neue Galerie des Stuttgarter Künstlerbundes befindet sich direkt über dem Isopi-Café. Foto: Uwe Bogen

Ein wichtiger Aspekt, den Rudolph betont: Alles ist analog gedacht und real umgesetzt. Keine digitalen Tricks, keine KI-Fakes – nur Fantasie, Planung und ein hoher logistischer Aufwand. Gerade in einer Zeit, in der Bilder immer häufiger virtuell entstehen, wirkt diese Haltung fast radikal.

Stuttgarter Künstlerbund feiert „Kunscht im Kessel“

Die Ausstellung ist zugleich ein starkes Zeichen für den Stuttgarter Künstlerbund, der sich nach der Sanierung des Kunstgebäudes über seine neue, viel schönere Galerie im ersten Stock freut. Der 1898 gegründete Verein gilt als ältester Künstlerbund Deutschlands und ist nicht nur im Kunstgebäude präsent: Derzeit zeigen Mitglieder des Künstlerbundes auch im StadtPalais unter dem Titel „Kunscht im Kessel“ ihre Sicht auf die Stadt. Dort steht Stuttgart selbst im Rampenlicht – von der Wilhelma über die Weinberge bis hin zu Oper, Markthalle und Autostadt, umgesetzt in Malerei, Fotografie und anderen Techniken.

Zur Midissage liest die Kunsthistorikerin Argiro Mavromatis aus dem Anfang 1933 erschienenen Buch „So ist Stuttgart – Ein unterhaltsamer Begleiter für In- und Ausländer“ von Fritz West – geschrieben vor der Machtergreifung der Nazis. Die Überraschung ist groß, dass sich seitdem gar nicht so viel verändert hat in der Stadt.

Im Kunstgebäude ist Claus Rudolph der unangefochtene Regisseur des Abends. Einer, der seine Kunst nicht nur ausstellt, sondern sie lebt – im roten Frack, mit großem Gestus und Bildern, die in ihrer mit viel Ironie übertriebenen Inszenierung den Betrachter mit voller Wucht treffen.