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Evolutionstheorie Spinnen die Amerikaner?

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Wenn es um wissenschaftsfeindliche Ansichten geht wie etwa gegen Charles Darwin, trauen wir den Amerikanern viel zu. Aber die Frage, wie Forschung und Religion zusammenpassen, treibt auch in Deutschland viele Menschen um.

Zum 200. Geburtstag von Charles Darwin widmete das Naturkundemuseum Stuttgart der Evolutionstheorie eine gut besuchte Ausstellung: Das Highlight war ein Nachbau des Forschungsschiffs Beagle, mit der Darwin in jungen Jahren um die Welt reiste. Foto: Achim Zweygarth
Zum 200. Geburtstag von Charles Darwin widmete das Naturkundemuseum Stuttgart der Evolutionstheorie eine gut besuchte Ausstellung: Das Highlight war ein Nachbau des Forschungsschiffs Beagle, mit der Darwin in jungen Jahren um die Welt reiste. Foto: Achim Zweygarth

Stuttgart - Richard Dawkins hat gestern ein Foto von vier Buchcovern über Twitter weitergeleitet, zusammen mit einer Anleitung zum Atheismus: 1. mindestens eines der Bücher lesen (darunter eins von Dawkins sowie die Bibel), 2. nachdenken – das sollte seiner Meinung nach genügen. Man darf wohl davon ausgehen, dass dieser Aufruf an seine Anhänger gerichtet ist und sich Dawkins nicht davon erhofft, jemanden umzustimmen. Schade eigentlich, dass es keine so profilierten Autoren gibt, die sich an eine andere Zielgruppe wenden: Menschen, in deren Leben sowohl Wissenschaft als auch Glaube eine Rolle spielen. Diese Gruppe ist viel größer als die der wissenschaftsaffinen Atheisten (und vielleicht ist diese diffuse Breite auch der Grund, warum es Autoren schwer fällt, sich zu profilieren).

Mit dieser Gruppe befasst sich eine Studie der Soziologin Elaine Howard Ecklund von der Rice University (USA), die diese Woche mit der irreführenden Schlagzeile „90 Prozent der Amerikaner zweifeln an der Evolutionstheorie“ breit zitiert worden ist (unter anderem hier). Ihre Empfehlung lautet vielmehr: zu differenzieren. Vielen Menschen gehe es bei der Evolutionstheorie nicht so sehr darum, die Wissenschaft richtig einzuordnen, sondern um „einen Einfluss, der dem Leben einen Sinn verleiht“. (Die Umfrage ist erst wenige Wochen alt und der darauf basierende Fachartikel noch von keinem Gutachter geprüft worden.)

Viele sehen keinen Konflikt zwischen Wissen und Glauben

90 Prozent gegen die Evolutionstheorie – das wäre ein überraschend hoher Wert (hier eine Langzeitreihe, in der die Kreationisten stets unter 50 Prozent liegen). In Ecklunds Umfrage stimmen zwar tatsächlich nur knapp zehn Prozent der Aussage voll und ganz zu, dass kein Gott seine Finger im Spiel hatte. Aber das heißt ja nicht, das die anderen 90 Prozent Kreationisten wären: Nur 22 Prozent stimmen der Aussage voll zu, dass Gott die Erde und alles Leben auf ihr erst in den vergangenen 10.000 Jahren erschaffen habe. (Ecklund hat sich in einer Pressemitteilung vor allem bei den deutschen Medien über die verzerrte Darstellung beschwert.)

Interessanter finde ich die Basisdaten: Ecklund hat knapp 9000 Amerikaner befragt und sagt, dass dies ein repräsentativer Querschnitt sei. Hinzu kommen gut 500 Menschen, die der Wissenschaft nahe stehen: zum Beispiel IT-Spezialisten, Ärzte, Ingenieure, Lehrer und Professoren. Unter diesen Menschen mit wissenschaftlicher Ausbildung bezeichnen sich nur 24 Prozent als Atheisten, 36 Prozent glauben hingegen fest an einen Gott. (Im Querschnitt der Bevölkerung sind es 16 Prozent Atheisten und 56 Prozent Gläubige.) Das widerspricht der gängigen Vorstellung, dass man nicht mehr an übernatürliche Wesen glaubt, wenn man nur einige Jahre innerhalb des wissenschaftlichen Weltbildes geschult worden ist.

Im November ist eine Umfrage der Europäischen Union zu diesem Thema erschienen, das Eurobarometer über „verantwortliche Forschung“ (hier geht’s zum deutschsprachigen PDF). In allen EU-Ländern wurden Menschen gefragt, ob sie finden, dass wir uns zu sehr auf die Wissenschaft und zu wenig auf den Glauben verlassen. Europaweit sagen 39 Prozent Ja, in Deutschland sind es 36 Prozent. Und auch unter denen, die ein wissenschaftliches oder technisches Fach studiert haben, sind es nicht weniger. Ich hatte damals bei der EU-Kommission nachgefragt, warum sie mit der Frage nahelegen, dass es einen Konflikt geben könnte. Die Antwort sinngemäß: Das haben wir halt getan – und man muss sehen, wie man das Ergebnis interpretiert.

Elaine Ecklund hat die Frage differenzierter formuliert: In ihrer Umfrage gaben ebenfalls etwa 30 Prozent an, dass sie einen Konflikt sehen, und schlugen sich jeweils zur Hälfte auf die Seite von Wissenschaft oder Religion. Mehr als zwei Drittel sagten aber, dass sie Wissenschaft und Glaube für unabhängig halten oder für komplementär. Fast 40 Prozent der Befragten – auch der wissenschaftsnahen Probanden – finden, dass sich Wissenschaft und Glaube gegenseitig unterstützen könnten. Das mag sich irgendwann als Irrtum herausstellen, aber es zeigt doch einen verbreiteten Wunsch – einen, den Richard Dawkins nicht erfüllen will.

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