Stuttgart - Es würde nicht zu Henry Maske passen, etwas leidenschaftslos zu tun. Ohne Überzeugung, ohne Begeisterung, ohne Ehrgeiz? Geht es nicht im Leben des früheren Boxers, der nach dem Mauerfall zu einem der ersten Superstars im gesamtdeutschen Sport wurde. Und sich auch danach erfolgreich durchgekämpft hat, als TV-Experte, Betreiber von zehn Filialen einer Fast-Food-Kette, Motivationsredner. Maske war nie ein Sprücheklopfer, weder als Athlet noch als Geschäftsmann. Umso erstaunlicher ist, was er nun verspricht – nicht weniger als die „Revolution des Boxsports“.
Klar, wer ein neues Produkt vermarkten will, schlägt gerne laute Töne an, Maske (57) spielt die PR-Klaviatur virtuos. Zugleich aber berührt der kleine Sensor, dessen Technologie es künftig erlaubt, das Boxen messbar zu machen, seine Gefühle. So sehr, dass er nun an den Ring zurückkehrt – und sich ein Kreis schließt. „Eigentlich war das Boxen nicht mehr meine Welt“, sagt er, „doch jetzt habe ich die Chance, den Sport zu verändern. Diese will ich nutzen.“
Der Boxsport als Schule fürs Leben
Henry Maske ist immer einer gewesen, der sich seine Erfolge hart erarbeiten musste. Zugleich besaß er die Gabe, die Gunst des Augenblicks zu nutzen. Nach der Wende hatte kaum jemand den Olympiasieger, Welt- und Europameister aus dem Osten auf der Rechnung. Zu defensiv, taktisch, rational schien sein Stil zu sein. Doch Maske setzte sich durch, wurde der etwas andere Profi-Weltmeister. Intelligent, kultiviert, salonfähig – Spitzname „Gentleman“. RTL heroisierte die Kämpfe des Halbschwergewichtlers, die bis zu 18 Millionen Menschen sahen, zeitweise war 97 Prozent der Deutschen der Name Maske ein Begriff. Er wurde 1993 zum ersten Sportler des Jahres gewählt, der aus der DDR stammte, war ein Symbol für die positive Seite der Wiedervereinigung, ein Gewinner der Wende. Daran änderte auch nichts, dass er nach 30 Siegen ausgerechnet den vermeintlich letzten seiner bis dahin 31 Kämpfe 1996 gegen Virgil Hill nach Punkten verlor. Zehn Jahre und vier Monate später kletterte Maske noch einmal durch die Seile, zur Revanche gegen den US-Amerikaner. Er schlug Hill und war im Reinen. Mit sich. Und mit seinem Sport. „Ich bin kein großes Talent gewesen, aber ich war zielstrebig, wollte schwierige Situation lösen. Daran bin ich gewachsen“, sagt Henry Maske, „und ich habe kapiert, dass das Boxen eine Schule fürs Leben ist. Der Sport war die einzige Marktwirtschaft, die es in der DDR gab – wer nicht gut genug war, war draußen.“ Diese Lektion hat er nie vergessen.
Nachdem sich der Olympiasieger im November 1989 am Ku’damm seine 100 D-Mark Begrüßungsgeld abgeholt hatte, ging er erstmal eine Kleinigkeit essen. Eine Bulette auf amerikanisch. Zehn Jahre später führte ihn sein Weg wieder zu McDonald’s. Maske leitete zwei Jahrzehnte lang in Leverkusen, Bergisch Gladbach und Köln zehn Restaurants des Fast-Food-Riesen, trug Verantwortung für weit mehr als 300 Beschäftigte. „Das war nicht immer einfach, ich habe auch als Geschäftsmann den einen oder anderen Schlag einstecken müssen“, sagt er, „letztlich aber war’s eine gute Zeit. Und eine lukrative dazu.“ Bis zum Ende. 2019 verkaufte Maske seine Filialen, gerade noch rechtzeitig, ehe das Coronavirus auch die Gastronomie befiel. Was eines noch einmal bewies: Der Boxer, der sich im Kampf immer auf seine Instinkte verlassen konnte, hat sich diese Qualität auch im Leben nach dem Sport bewahrt. Nun steht die nächste Runde an.
Andere Sportarten sind technisch weiter
Henry Maske ist immer noch ein Athlet. Der 1,90-m-Mann hat trotz regelmäßiger Mahlzeiten bei McDonald’s nicht zugelegt („Es gibt keinen gesunden Menschen, der jeden Tag ausschließlich Mohrrüben ist“), sich sein Kampfgewicht bewahrt, dank bis zu fünf Trainingseinheiten pro Woche im eigenen Kraftraum und in Laufschuhen. An Fitness fehlt es ihm nicht, und auch an Selbstvertrauen besteht kein Mangel. Maske tritt an, um das Boxen mit Algorithmen auf den neuesten Stand der Technik zu bringen. Ring frei für die Digitalisierung – weltweit. „Unsere potenzielle Zielgruppe“, sagt er, „besteht aus 50 bis 70 Millionen Menschen.“
In vielen anderen Sportarten ist es längst üblich, jedes noch so kleine Detail zu analysieren, Impulse zu messen, Bewegungen in ihre Einzelteile zu zerlegen, Veränderungen zu dokumentieren, und das alles ziemlich praxisnah. Wer nach „Leistungsvergleich im Boxen“ googelt, landet entweder bei Tests von Lautsprechern oder im Motorsport. „Natürlich gibt es auch bei uns Schlagpads, mit denen Trefferhärte und Geschwindigkeit überprüft werden können. Aber eben nur unter Laborbedingungen, das hat keinen großen Charakter“, erklärt Henry Maske, „am Ende müssen sich Athlet und Trainer immer auf ihr Bauchgefühlt verlassen.“ Das könnte sich bald ändern.
Seit einigen Monaten ist Maske Mitinhaber und einer von zwei Geschäftsführer der Firma Rooq. Das Aachener Unternehmen hat einen Sensor entwickelt, der unter die Bandagen an beiden Handgelenk gesteckt wird – und danach alles aufzeichnet, was der Athlet tut. Egal ob beim Sparring gegen einen Kontrahenten, beim Schattenboxen, beim Pratzentraining oder am Sandsack. Nach jeder Einheit stehen eine bisher nicht gekannte Menge an Daten zur Verfügung. Jeder Schlag, jede Bewegung wird abgebildet, ist später in der dazugehörigen App nachvollziehbar. Der Sensor erkennt, ob es sich um eine linke Gerade oder einen rechten Aufwärtshaken gehandelt hat, er misst Kraftübertragung, Geschwindigkeit, Frequenz, Intensität. „In einer Sportart, in der ein Bruchteil einer Sekunde darüber entscheidet, ob ich meinen Gegner voll treffe oder er den Kopf wegziehen kann, sind solche Informationen genial“, sagt Henry Maske, „aus einer Wahrnehmung wird zur Gewissheit.“ Was in der Tat einen großen Reiz hat, nicht nur für Profis.
Mehr Klarheit für Sportler
Läufer tragen vor allem deshalb eine GPS-Uhr, um sich mit sich selbst zu vergleichen, den eigenen Fortschritt zu dokumentieren. Das ist nun auch im Boxen möglich. Für jeden, der mit Handschuhen trainiert. „Ich sehe anhand objektiver Parameter sofort, wie meine Arbeit anschlägt, das ist irre“, sagt Maske, der aktiv an den Produkttests beteiligt war. Vor ein paar Tagen startete der Verkauf (Preis: 249 Euro), ausgeliefert werden sollen die ersten Sensoren im Juni. „Ich bin fest davon überzeugt, dass diese Technologie fester Bestandteil des Boxens werden wird“, meint der Olympiasieger, „wir bringen Wahrheit und Klarheit in den Sport.“ Und das womöglich nicht nur im Training.
Ein großes Problem im Boxen ist die Intransparenz, mit der die Punktrichter zu ihren Urteilen kommen. Verschobene Kämpfe sind alles andere als selten, entsprechend leidet das Image. Nun bestünde die Möglichkeit, das Erkennen und Zählen von Treffern technisch zu unterstützen, zu steuern, zu kontrollieren. Erste Gespräche mit hochrangigen Verbandsvertretern hat Henry Maske bereits geführt, er ist optimistisch: „Der Sensor könnte das Boxen fairer machen. Wenn das gelingen würde, wäre es sehr schön.“
Es ist eine Aussage, die zeigt, dass Henry Maske der Sport, in dem er groß wurde und der ihn groß gemacht hat, immer noch am Herzen liegt – auch wenn er zwischendurch etwas auf Distanz gegangen ist. Oder wirkte das nur so, weil das Boxen in Deutschland viel an Anziehungskraft verloren hat? Fakt ist: Es gibt derzeit keinen Maske, keinen Schulz, keinen Ottke, keinen Rocchigiani, keine Halmich, die in den 90er-Jahren einen Boom auslösten. „Es ist richtig, dass ein vergleichbarer Athlet derzeit fehlt. Deutschland war aber auch eine Zeit lang ausgesprochen verwöhnt“, sagt Henry Maske. „Ein Nährboden ist weiterhin vorhanden, es braucht nur jemanden, der die Leute mit seiner Leidenschaft, seiner Überzeugung und seinem Ehrgeiz begeistert.“ Er selbst hat es vorgelebt. Und er tut es immer noch.