Wilhelm Eberhard lenkte fast 30 Jahre lang die Geschicke Gerlingens. Am 22. Juni wäre der frühere Bürgermeister 100 Jahre alt geworden.
Das muss ihm erst mal jemand nachmachen: Zwölf Kandidaten hatten sich um das Amt des Bürgermeisters in Gerlingen beworben – doch an der Spitze des Rathauses wollte man den, der zu dem Zeitpunkt, anno 1955, die Geschicke der Gemeinde Frankenbach lenkte, heute ein Stadtteil Heilbronns. Eine Gruppe Gemeinderäte hatte sich aufgemacht nach Frankenbach, um Wilhelm Eberhard, damals 32, vom Chefsessel in Gerlingen zu überzeugen.
Der tüchtige Parteilose trat denn auch an – und wurde im ersten Urnengang mit 50,8 Prozent der Stimmen gewählt. An diesem 22. Juni wäre Wilhelm Eberhard 100 Jahre alt geworden. Dem gedenken der Bürgermeister Dirk Oestringer (parteilos), seine Vorgänger Georg Brenner (auch parteilos) und Albrecht Sellner (CDU) mit dem Archivleiter Klaus Herrmann und dem Sohn Ulrich Eberhard, indem sie auf dem Grab einen Kranz niederlegen.
Seine Karriere startete Wilhelm Eberhard mit einer Ausbildung für den gehobenen Verwaltungsdienst. Nach Jobs bei den Landratsämtern Leonberg und Backnang sowie beim Innenministerium in Stuttgart wurde er Bürgermeister in Frankenbach. Dort kamen auch sein Sohn und seine Tochter zur Welt, nachdem er im Jahr 1950 in Eltingen Elli Eberhard geborene Staudt heiratete.
Vom Dorf zur Stadt
Als „Baumeister des modernen Gerlingen“ gilt Wilhelm Eberhard, der bis zum Jahr 1983 Bürgermeister war – wegen Krankheit trat er vor Ablauf der regulären Amtszeit zurück. Bis dahin hatte der in Botenheim bei Heilbronn geborene Eberhard das Dorf zur Stadt gemacht. Betrug die Zahl der Einwohner zu Beginn seiner Amtszeit 7000, waren es im Jahr 1958, als Gerlingen zur Stadt erhoben wurde, bereits 10 000 Einwohner – und am Ende seiner Amtszeit mehr als 18 000.
Mit diesem rasanten Bevölkerungswachstum ging eine standortgerechte und stets umweltfreundliche Gewerbeansiedlung einher, sagt die Rathaussprecherin Sofie Neumann. „Das bedeutete für Gerlingen eine enorme Steigerung der Steuerkraft.“ So sei die neue Stadt in die Lage versetzt worden, moderne Infrastruktureinrichtungen zu schaffen. Kindergärten, Schulen, Sport- und Freizeitanlagen entstanden. „Mit dem neuen Rathaus, der Stadthalle und dem Hallenbad wurde die heutige Stadtmitte geschaffen“, so Neumann. Dazu kamen Bücherei, Archiv, Museum, Jugendmusikschule, Volkshochschule, Jugendhaus. „Die gelungene Integration der zahlreichen Neubürgerinnen und Neubürger ist ein wesentlicher Verdienst von Wilhelm Eberhard.“
Verwaltungsfachmann, Menschenfänger und Visionär
Dessen sämtliche Erfolge Jürgen Wöhler nicht wundern. Der Vorsitzende des Vereins für Heimatpflege – er bringt Ende des Jahres ein Heimatblatt über das Wirken Eberhards in Gerlingen heraus – nennt den früheren Schultes und Ehrenbürger Gerlingens „eine geglückte Mischung aus pragmatischem Verwaltungsfachmann, Menschenfänger und umtriebigem Visionär“.
Jürgen Wöhler sagt, Eberhards größter Erfolg sei die Ansiedlung des Unternehmens Bosch auf der Schillerhöhe gewesen. Der Schultes habe seine persönliche Verbindung zu Boschlern genutzt und sei auch zur Geschäftsführung hochmarschiert. Als sehr guter Netzwerker achtete er generell darauf, Menschen in die Stadt zu holen, die auf sie einen positiven Einfluss haben – wie Ministerialbeamte, die ihm im Kampf gegen die drohende Eingemeindung nach Stuttgart halfen.
Er habe den Ehrgeiz gehabt, Gerlingen so groß zu machen, dass es der Eingemeindung widerstehen könne, berichtet Jürgen Wöhler. Vor dem Hintergrund der Gemeindereform Anfang der 1970er Jahre habe Wilhelm Eberhard stets „mit Zähnen und Klauen“ für die Selbstständigkeit Gerlingens gekämpft. Mit Erfolg: Anno 1973 konnte er die drohende Eingemeindung abwehren. Die Stadt, sagt Jürgen Wöhler, sollte nach der Vorstellung Eberhards auf Dauer etwas Bedeutendes sein. „Er hatte ihre Möglichkeiten erkannt und daraus etwas gemacht.“
Elli war stets an seiner Seite
Elli unterstützte ihren Mann, wo sie nur konnte. „Sie war eine dynamische Frau und hat ihn bestärkt, aber auch gebremst“, sagt Jürgen Wöhler. Schließlich sei Eberhard so rastlos wie voller Tatendrang gewesen, stets ansprechbar. Er bemühte sich um die Vereins- und Kulturförderung – „um das Dorf zu einer lebens- und liebenswerten Stadt zu machen“ – und hatte etliche Ehrenämter. Er war Obmann der Bürgermeister des im Jahr 1972 aufgelösten Landkreises Leonberg oder gehörte von 1971 bis 1979 den Kreistagen von Leonberg und Ludwigsburg an.
Und „er schaute über den Tellerrand“, sagt Jürgen Wöhler über Wilhelm Eberhard. So wurde Gerlingen auf sein Betreiben Patenstadt der Ungarndeutschen Landsmannschaft. Die Städtepartnerschaft mit Vesoul in Frankreich begründete er im Jahr 1964, zahlreiche internationale Kontakte folgten.
Der vorzeitige Rückzug überraschte
Der vorzeitige Rückzug Eberhards überraschte den Gemeinderat. Sein schlechter Gesundheitszustand war laut Wöhler zwar bekannt. „Das Gremium dachte aber, er könne ohne sein Amt nicht leben.“ Gleichwohl war der Rücktritt offenbar unproblematisch: „Wilhelm Eberhard hatte das Talent, gute Leute um sich zu scharen“, sagt Wöhler. Neuer Bürgermeister wurde sein Stellvertreter Albrecht Sellner. Wilhelm Eberhard ist am 24. August 2003 im Alter von 80 Jahren gestorben – im Breitwiesenhaus, dessen Erweiterungsbau heute „Wilhelm-Eberhard-Haus“ heißt. Elli starb am 23. Oktober 2006.