„Mein Anwalt hat mir geraten, den Vergleich anzunehmen“, sagt die deutsche Meisterin im Diskuswerfen von 1990. Um den Betrag bezahlen zu können, hat sie ihr Haus in Weissach verkauft und lebt mittlerweile wieder im Elternhaus im Leonberger Stadtteil Höfingen. Mit Weissach hat sie beruflich abgeschlossen, Freunde hat sie dort nach wie vor. Mittlerweile arbeitet sie als Abteilungsleiterin im Ditzinger Sozialamt.
Doch die Ereignisse der vergangenen zehn Jahre nagen erkennbar an ihr. Damals, im Juli 2014, verlor sie als amtierende Bürgermeisterin die Stichwahl gegen ihren seinerzeit erst 25 Jahre alten Herausforderer Daniel Töpfer. Der profilierte sich sogleich als Aufräumer, wirbelte das Personaltableau im Weissacher Rathaus kräftig durcheinander und stellte fest, dass in den vergangenen zehn Jahren keine Jahresabschlüsse gemacht worden waren.
Der neue Chef heuerte den früheren Stadtkämmerer von Fellbach an. Der machte für ein Honorar von 230 000 Euro in der Buchhaltung Klarschiff. Und genau diese Summe wollte die Gemeinde von der früheren Bürgermeisterin und dem einstigen Kämmerer zurückhaben. Der Gemeinderat beschloss damals – nicht einstimmig – den Klageweg. Die Forderung blieb an Kreutel hängen, da beim Kämmerer offenbar nichts zu holen war. Das Verwaltungsgericht bestätigte die Forderung aus Weissach.
„Töpfer hat 15 Millionen Euro versenkt“
Dass sich der Gemeinderat später dafür ausgesprochen hatte, die Summe auf 50 000 Euro zu reduzieren, tröstet Ursula Kreutel heute nicht. „Die gescheiterte Wiederwahl hatte ich als ehemalige Sportlerin recht gut weggesteckt“, sagt die diplomierte Verwaltungswissenschaftlerin zehn Jahre später. „Aber dass ich aus dem Gemeinderat, mit dem ich acht Jahre gut zusammengearbeitet habe, so attackiert werde, das hat wehgetan.“ Zumal das Thema Jahresabschlüsse im Gremium diskutiert worden sei. Dass ihr Nachfolger Töpfer, der im Zuge der Pleite der Greensill-Bank 15 Millionen Euro Termingeld-Anlagen „versenkt hat“, wie Kreutel es formuliert, hingegen nicht zur Rechenschaft gezogen wurde, hält sie für „grotesk“.
Doch die Mutter einer erwachsenen Tochter, die sich ebenfalls kommunalpolitisch engagiert, blickt nach vorne. Für die FDP war sie jüngst in Leonberg bei der Kommunalwahl angetreten und ist mit den meisten Stimmen ihrer Liste sowohl in den Gemeinderat als auch in den Ortschaftsrat ihres Heimatstadtteils Höfingen eingezogen. „Das hat schon sehr gut getan.“ Bei ihrem Antritt als Abteilungsleiterin im Ditzinger Rathaus im April wurde sie „herzlich willkommen“ geheißen. „So ein Gefühl hatte ich beruflich lange nicht mehr.“
„Schreibe mit CDU-Chef Zander Plakate“
Dass das neue Ehrenamt im Leonberger Gemeinderat kein einfaches wird, ist Ursula Kreutel klar. Die schwierige Situation an der Rathausspitze, der Einzug von zwei AfD-Bewerbern in den Gemeinderat – all das macht es nicht leichter. „Umso größer ist die Verantwortung des Gremiums, das künftig schneller zu Ergebnissen kommen muss“, spielt die Neustadträtin auf den oft Jahre währenden Streit um Sachthemen an.
Sich selbst sieht Kreutel, die eigentlich bei den Freien Wählern ist, aber von den Liberalen zur Kandidatur ermuntert wurde, für die anstehenden Diskussionen gut geeignet: „Als frühere Ortsvorsteherin von Höfingen, Bürgermeisterin und Kreisrätin kenne ich die Perspektiven der Gremien wie auch der Verwaltung. Das kann hilfreich sein.“
Für Kreutel ist klar: Der Zwist zwischen Oberbürgermeister Martin Georg Cohn (SPD) und der zwangsbeurlaubten Ersten Bürgermeisterin Josefa Schmid (FDP) belastet das Klima: „Das zieht sich durchs ganze Rathaus und kostet Energie.“ Schon einmal habe sie erlebt, wie „ein Narzisst eine Kommune an die Wand fährt.“ Wie es weitergeht, will sie nicht beurteilen. „Aber eines ist klar: Wenn die Ermittlungsbehörden nicht endlich entscheiden, bin ich die erste, die mit Oliver Zander Plakate schreibt.“
Der Leonberger CDU-Chef hatte angekündigt, er wolle sich mit dem Plakat „Frau Präsidentin, helfen sie uns“ vor das Regierungspräsidium in Stuttgart setzen, sollte nicht bald über das von Cohn verhängte Schmid-Dienstverbot entschieden werden.