Ex-Bundespräsident Wulff in Stuttgart Journalistisches Jagdfieber

Der Rücktritt: Bundespräsident Christian Wulff verlässt mit seiner Frau Bettina im Februar 2012 im Schloss Bellevue die Pressekonferenz, auf der er seine Demission erklärte. Foto: Getty Images Europe

Im Stuttgarter Theodor-Heuss-Haus hat der Ex-Bundespräsident Christian Wulff mit dem Investigativ-Reporter Hans Leyendecker über Journalismus und Verantwortung geredet: „Fehltritt verboten? Empörungskultur und politische Öffentlichkeit“.

Kultur: Tim Schleider (schl)

Stuttgart - Hat er die Dinge verwunden? Oder hadert er noch? Diese Frage bewegt viele, die den Alt-Bundespräsidenten Christian Wulff heute bei einem öffentlichen Auftritt erleben. Dass der 58-jährige CDU-Politiker während seiner kurzen Zeit im höchsten Staatsamt von 2010 bis 2012 zu Unrecht der Vorteilsnahme oder gar Bestechlichkeit verdächtigt wurde, dass er darum auch zu Unrecht unter dem Druck der Berichterstattung und der staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen am 17. Februar 2012 seinen Rücktritt erklären musste, das alles ist längst rechtskräftig. Wulff arbeitet nun privat als Jurist, engagiert sich in Stiftungen und nimmt wieder öffentliche Aufgaben wahr.

 

Ja, er lässt sich sogar von der Theodor-Heuss-Haus-Stiftung in Stuttgart einladen zu einem Podiumsgespräch unter dem Titel „Fehltritt verboten? Empörungskultur und politische Öffentlichkeit“ – und an seiner Seite Hans Leyendecker, einer der namhaftesten Journalisten Deutschlands, in rund fünf Jahrzehnten Berufsleben maßgeblich beteiligt an der Aufdeckung einer Reihe politischer Skandale, zuletzt als Redakteur der „Süddeutschen Zeitung“. Hat Wulff also tatsächlich so viel Abstand zu den für ihn so dramatischen Ereignissen vor sechs Jahren gewonnen, dass er auch über seinen eigenen Fall aus kritischer Distanz nachdenken und berichten kann?

Der Schutz der Privatsphäre

Er selbst behauptet das jedenfalls am Mittwochabend im früheren Wohnsitz seines Amtsvorgängers Theodor Heuss auf dem Stuttgarter Killesberg: „Mit meinem Buch ,Ganz oben. Ganz unten‘ habe ich mit alldem abgeschlossen. Auch aus Selbstschutz und Sorge für meine Familie.“ Zu Papier gebracht hat er seine Sicht der Dinge 2014. Aber so ganz abschließend ist ihm der Schlussstrich doch nicht gelungen. Er berichtet von der Daueraufgabe, auch heute mit „juristischen Mitteln“ für den Schutz seiner Privatsphäre zu sorgen, denn noch immer gelten er und seine Frau als Objekt öffentlichen Interesses. Gerade die Boulevard- und Promipresse jagt ihn weiter, prüft alle privaten Veränderungen in seinem Leben, ob sie womöglich doch noch Zeugnis ablegen von jener Mitnahme- und Absahnermentalität auf Kosten des einfachen Bürgers, die ja generell „den Politikern“ in Deutschland gern unterstellt wird.

Insofern ist der „Fall Wulff“ bis heute tatsächlich ein Paradebeispiel für jene weit in die Öffentlichkeit ausgreifende Stimmung, die Thomas Hertfelder, der Geschäftsführer der Theodor-Heuss-Haus-Stiftung, in seiner Begrüßung skizzierte: Unter dem Druck völlig überreizter Entlarvungskampagnen in einem Teil der Medien und der sozialen Netzwerke werden Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens unter den Generalverdacht rechtlicher oder womöglich auch nur moralischer Vergehen gestellt. Fragen der Stichhaltigkeit oder gar der Relevanz spielen dabei irgendwann keine Rolle mehr. Zwar könne es durchaus sein, dass eine derart beständig gesteigerte Vorwurfsblase irgendwann wieder in sich zusammenfalle. Zurück bleibe aber häufig ein gescheiterter und gestürzter Politiker – und sei es (wie just bei Wulff), dass man eisern festhält am finalen Vorwurf, der Angegriffene habe sich gegen falsche Vorwürfe auf falsche Art gewehrt.

Überzogene moralische Ansprüche

Nun konnte man in Stuttgart, vom Stiftungs-Mitarbeiter Kristian Buchna präzise moderiert, weder Wulff noch Leyendecker beim Fehlschluss ertappen, den Medien ihr Wächteramt abzusprechen. Natürlich müssten sie Politik und Wirtschaft kritisch beobachten und, wenn nötig, mit investigativen Mitteln all das aufdecken, was Verantwortliche gern verheimlichen und vertuschen wollen. Doch auch Leyendecker schließt sich dem Begriff der „großen Gereiztheit“ an, den der Tübinger Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen zum Titel seines jüngsten Buchs gemacht hat – und aus dieser Gereiztheit, die zusehends die öffentlichen Gespräche präge, zögen die neuen populistischen Parteien Stimmung für ihre Wahlerfolge. „Es gibt inzwischen ein gewisses Jagdfieber, das sich gegen Politiker richtet, gegen deren Forderungen, aber auch gegen deren Verhalten“, meint Wulff, „und es nimmt keine Rücksicht mehr auf Maßstäbe der Wahrhaftigkeit oder der Verhältnismäßigkeit.“ Dabei würden gerade in vielen Netzwerkdebatten, aber auch in journalistischen Beiträgen, die von solcher Stimmung profitieren wollten, moralische Ansprüche gestellt, die in völligem Missverhältnis stehen würden zu dem, was die Menschen selbst in ihrem eigenen Leben zu leisten bereit wären.

„Was der Familie Wulff geschehen ist, war eine Sauerei“, konstatiert Leyendecker, ausdrücklich auch mit Bezug auf die Arbeit vieler Journalistenkollegen in der „Affäre Wulff“. Gleichzeitig wehrt er sich aber auch gegen das Bild, die deutsche Gesellschaft sei inzwischen „übermoralisiert“: „Ich finde es eigentlich sehr begrüßenswert, dass anständiges Verhalten in Gesellschaft und Politik heute stärker eingeklagt wird als früher“. Dass Wulff 2012 über zum Teil absurde Vorwürfe zu Fall gekommen sei, gehe ja keineswegs allein auf das Konto überzogener Moral. „Da spielte vieles eine Rolle – der Unmut in der Union über den Bundespräsidenten, alte Rechnungen in der Partei und nicht zuletzt der Wunsch der ,Bild‘-Zeitung, auch endlich mal einen Journalistenpreis für gelungene Recherche zu gewinnen.“ Die Jury des Henri-Nannen-Preises habe ihr ja dann auch prompt den Gefallen getan.

Wo sich der seriöse Journalismus die Zähne ausbeißt

Die Aufgabe der Medien sahen Leyendecker und Wulff übereinstimmend darin, Ruhe und Seriosität in die öffentliche Debatte zu bringen, „Vorwürfe erst einmal zu prüfen, Gegenstimmen zu hören.“ Wulff: „Auch Journalisten müssen lernen, sich für ihre Arbeit kritisieren zu lassen und Fehler zu erkennen.“ Und Leyendecker sagte zum Alt-Bundespräsidenten: „Im Grunde sollte Ihr Fall mit seinen Fehlern zum Beispiel in der Ausbildung von Journalisten werden.“ Wobei die beiden Gesprächspartner bei ihrem Lobpreis eines seriösen Journalismus letztendlich jenes Problem außer Acht ließen, an dem sich viele Redaktionen und Verlage die Zähne ausbeißen: Just mit seriösem Journalismus ist jener überreizte Teil der Gesellschaft, der nach populistischen Heilswegen Ausschau hält, nicht mehr zu erreichen. Für Politiker vom Schlage eines Donald Trump oder Viktor Orbàn sind Kategorien wie Wahrheit und Lüge sowieso programmatisch irrelevant.

Wie sehr Wulff dann doch mit seinem Schicksal hadert, wurde an anderer Stelle deutlich: Ausführlich nutzte er die Möglichkeit, um über die jüngste Kolumne von Sibylle Krause-Burger in der Stuttgarter Zeitung zu klagen. Unter der Überschrift „Wenn Dogmen die Köpfe vernebeln“ hatte die Autorin sich in dieser Woche mit Wulffs wieder heiß diskutierten Diktum von 2010 befasst, „auch der Islam gehört zu Deutschland“. Der Alt-Bundespräsident bemängelte, dass Krause-Burger ihn nicht vollständig zitiert habe und darum seine Position verfälsche – und dass sie mit einer Formulierung wie „Er wollte bedeutend sein, der Unbedeutende“ just jene Häme verbreite, die eine öffentliche Debatte vergifte. „Das muss ich jetzt doch einmal sagen, um mich zu erleichtern.“ So leicht verheilen die Dinge eben nicht.

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