Ex-Celesio-Chef zu Einkaufszentren in Stuttgart „Das Gerber hat den Charme eines Speer-Baus“

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Fritz Oesterle, der Ex-Chef des Pharmagroßhändlers Celesio, spricht im StZ-Sommerinterview über seine Kindheit und Jugend in Untertürkheim, die architektonische Qualität der neuen Shopping-Malls und die hässlichen Seiten seiner Heimatstadt.

Sommerinterview 2014: feiner Nieselregen und kein Ausblick auf das Neckartal in Untertürkheim. Fritz Oesterle hat sich vorbereitet und ist mit Schirm gekommen. Foto: Achim Zweygarth
Sommerinterview 2014: feiner Nieselregen und kein Ausblick auf das Neckartal in Untertürkheim. Fritz Oesterle hat sich vorbereitet und ist mit Schirm gekommen. Foto: Achim Zweygarth
Stuttgart - - Die Wolken hängen tief über dem romantischen Schmuckkästchen: Es regnet über der Grabkapelle auf dem Wirtemberg, das Neckartal liegt im Dunst. Fritz Oesterle steigt aus einem Smart aus – hier oben wollte er sich zum Gespräch treffen, „weil man viele Stationen meines Lebens sieht“. Oesterle hat rund zwölf Jahre lang den Pharmagroßhändler Celesio geführt, bevor er im Jahr 2011 aus dem Unternehmen ausschied. Doch an diesem Tag spricht er nicht nur über die Wirtschaft, sondern über seine Kindheit in Untertürkheim, den Schichtdienst als Werkstudent bei Daimler und über die hässlichen Seiten seiner Heimatstadt.
Herr Oesterle, typischer als von hier aus könnte der Blick auf Stuttgart nicht sein: Neckar, Mercedesmuseum, Stadion, dazu Wald und Wein. Man sieht zwar viel Industrie, aber das Ganze wirkt auch ländlich.
Ich bin dort unten in Untertürkheim geboren worden, meine Großeltern mütterlicherseits waren Wengerter. Als Bub war ich immer bei der Lese mit dabei, auch als die Trauben in die Kelter abgeliefert wurden. Den letzten Weinberg der Familie haben wir erst vor zehn Jahren verkauft.
Sie sind Jahrgang 1952 und damit schon fast wieder im Wohlstand aufgewachsen.
Ich würde es eher als Aufbruchszeit sehen, Wohlstand sieht heute ganz anders aus. Aber es ging mir besser als meiner Schwester und meinem Bruder, die beide deutlich älter sind als ich und noch das Kriegsende miterlebt haben. Mein Vater arbeitete als Steuerberater, die Familie war fest in Untertürkheim verwurzelt. Er war ehrenamtlicher Vorstand der Untertürkheimer Bank und Mitglied im Kirchengemeinderat. Ich erinnere mich, dass viele Menschen damals seinen Rat suchten.
Wie haben Sie Untertürkheim als Jugendlicher erlebt?
Es war überhaupt nicht engstirnig. Schon Mitte der sechziger Jahre hatte das Wir­temberg-Gymnasium, das ich besuchte, eine englische Partnerschule. Ich war 13 und ging als jüngster Austauschschüler nach Essex. Die Beatles waren schon Weltstars. Ich fand das toll, ließ meine Haare wachsen und hatte anschließend längere Diskussionen mit meinen Eltern, die beides furchtbar fanden: die langen Haare und auch die Musik der Beatles.

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