Den Namen dieses Mannes verkneift sich Reuter grundsätzlich, auch im Gespräch kurz vor dem 90. Geburtstag: Jürgen Schrempp, sein Nachfolger. Das ist Ausdruck der Verachtung, die er Schrempp entgegenbringt. Ein ehemaliges Vorstandsmitglied, das regelmäßig an den Weihnachtsessen teilnimmt, meint sich zwar erinnern zu können, dass Reuter und Schrempp trotz aller Sondierungen im Vorfeld einmal doch gleichzeitig anwesend gewesen seien (ohne dass es zu einem Zwischenfall gekommen wäre). „Nein, nein, nein“, weist Reuter dieses Gerücht jedoch so energisch zurück, dass sich Zweifel verbieten.
Reuter: „Meine Vision ist gescheitert worden“
Demnächst ist es 23 Jahre her, dass Reuter als Vorstandschef ausgeschieden ist. Mit dem Wechsel zu Schrempp endete der Versuch, aus Daimler durch den Kauf des Elektrokonzerns AEG und mehrerer Luft- und Raumfahrtunternehmen einen breit aufgestellten Technologiekonzern zu machen. „Weg damit, zurück zum Auto“, lautete fortan die Devise Schrempps, der mit Reuters Visionen nichts anfangen konnte, dies aber in den gemeinsamen Jahren im Vorstand für sich behalten hatte. Als alle Welt ihm vorwarf, er sei mit seiner Vision gescheitert, konterte Reuter mit Blick auf Schrempps Vorgehen kühl: „Meine Vision ist gescheitert worden.“
Reuter musste eine Zeit der Demütigungen durchmachen. Aus dem einstigen Vorzeigemanager und Visionär wurde der „größte Kapitalvernichter aller Zeiten“ (Daimler-Kritiker Ekkehard Wenger), der zunächst versprochene Daimler-Aufsichtsratsvorsitz blieb ihm dann doch verwehrt, und in den Schrempp’schen Jahren mochte sich kaum ein Manager mehr öffentlich zu Reuter bekennen. Wie verarbeitet jemand so einen tiefen Fall? In seiner Autobiografie „Schein und Wirklichkeit“ hat sich Reuter selbst mit einer „eigentümlichen Mischung von Eigenheiten“ charakterisiert, die vielleicht manches erklären: die Fähigkeit zur Hinnahme von Schicksal, Zähigkeit, Selbstvertrauen und Stolz.
Reuter hat einen vollen Terminkalender
Deshalb sitzt Reuter auch nicht verdrossen in seinem Haus im Stadtteil Schönberg und grübelt über die Vergangenheit. Hier sieht es nach Arbeit aus. Umgeben von viel moderner Kunst wie zum Beispiel einem Nagelrelief des Malers und Objektkünstlers Günther Uecker und noch mehr Büchern und Unterlagen lebt er im Jetzt, hat einen vollen Terminkalender und nimmt engagiert an gesellschaftlichen Debatten teil. Als im vorigen Jahr die Türkei Schlagzeilen machte, hat sich der gebürtige Berliner, der nach dem Machtantritt der Nazis die Jahre von 1935 bis 1946 in der Türkei („meine zweite Heimat“) verbracht hat, im fortgeschrittenen Alter noch ins verbale Getümmel der TV-Talkshow mit Markus Lanz begeben.
Am Freitag wird er 90 Jahre alt, und ihm ist bewusst, dass nicht jeder das Glück hat, so alt zu werden und gleichzeitig hellwach zu sein. Auch mit dem Skifahren („natürlich alpin“), jetzt mit neuer Hüfte, klappt es immer noch, möglichst zweimal im Jahr mit Ehefrau Helga für jeweils eine Woche am Arlberg; so wie gerade wieder Ende Januar. Dass seine Frau beim Besuch in Schönberg nur kurz hereinschaut, weil sie gerade von einer Beerdigung kommt, ist natürlich Zufall, aber doch vielsagend. Auch Reuters Vorgänger Werner Breitschwerdt, der ein paar Monate älter ist als er, lebt noch. Aber ihm, so weiß Reuter, geht es nicht so gut.
Hoher Respekt, wie das Unternehmen weiter floriert
Er nimmt – aus der Distanz – noch immer regen Anteil am Schicksal von Daimler. „Mein ganzes Herzblut hängt an der Entwicklung dieses Unternehmens, für das ich mehr als 35 Jahre lang gearbeitet habe“, sagt Reuter. Er hat seine Kontakte, verzichtet aber darauf, Präsenz im Unternehmen zu zeigen – anders als Joachim Zahn, der bis 1979 Chef war und auch danach noch in seinem Büro gerne Hof hielt, um sich, angereist aus München, von Mitarbeitern auf dem Laufenden halten zu lassen. Reuter enttäuscht jeden, der von ihm Ratschläge für den amtierenden Daimler-Vorstand erwartet. „Es ist bewundernswert, mit welcher Tatkraft und Zuversicht sich das Unternehmen in einem schwierigen Umfeld hält und weiter floriert. Davor habe ich hohen Respekt.“ Mehr mag er nicht sagen.
Aber natürlich macht sich Reuter Sorgen um die Autoindustrie, die er an einem Wendepunkt sieht. „Was jetzt unter dem Eindruck der Digitalisierung geschieht, ist tatsächlich etwas grundlegend Neues“, sagt er. Die etablierten Hersteller haben jedoch aus Reuters Sicht keine schlechten Karten, auch in den Zeiten von Industrie 4.0, Elektromobilität und Robocars die Nase vorn zu behalten, sofern sie sich rechtzeitig auf den Wandel einstellen. Die neue US-Konkurrenz von Tesla über Google bis Uber unterschätzt er nicht, aber: „Viel ernster zu nehmen sind die Chinesen“, sagt er, „die unbedingt eine eigenständige Automobilindustrie aufbauen wollen.“ Ihr Trumpf: Sie verbinden hohen technischen Sachverstand mit Organisationsfähigkeit, Geld und Entschlossenheit.
Er hält seinen früheren Kurs noch immer für richtig
Die Autobranche hat schon reagiert – in einer Weise, die Reuter Genugtuung bereitet. „Die Entwicklung verlangt breiter aufgestellte Unternehmen“, sagt Reuter. „Deshalb fangen die traditionellen Automobilhersteller an, benachbarte Tätigkeiten ins eigene Portfolio zu nehmen.“ Ganz ähnlich waren damals Reuters Überlegungen beim Aufbau des sogenannten integrierten Technologiekonzerns: neue Quellen der Wertschöpfung erschließen, um den eigenen Autos einen Wettbewerbsvorsprung zu verschaffen und zugleich die Grundlage für neue Produkte und Dienstleistungen schaffen. Kein Wunder, dass er den damals eingeschlagenen Kurs noch immer für richtig hält: „Ich zögere keine Sekunde zu sagen: Wenn wir trotz aller Fehler, die gemacht wurden, konsequent den eigenen Weg weitergegangen wären, dann stünde Daimler heute als unbestrittener Marktführer für moderne Technologie im Automobil da.“ Auch Ex-AEG-Chef Heinz Dürr, der seit Langem in Berlin lebt, und den Reuter dort regelmäßig trifft, schwärmt immer wieder von den Chancen, die sich für die Allianz Daimler-AEG in der Elektromobilität hätten ergeben können.
Überlagert wird der Trend zur Verbreiterung von der börsengetriebenen Tendenz zur Aufspaltung von Konzernen – auch bei Daimler. Entstehen könnte ein Gebilde ähnlich wie zu Reuters Zeiten: eine Holding mit eigenständigen Töchtern darunter. Reuter weiß, wie schwer es ist, die einzelnen Teile eigenständig agieren zu lassen und trotzdem den Konzern als Ganzes zusammenzuhalten. Bei der Tochter AEG ist der Spagat zum Beispiel nicht gelungen. Dass Dürr damals mitten in der schwierigen Phase der Integration den Elektrokonzern verließ, um Bahnchef zu werden, kreidet Reuter seinem Freund noch heute an.
Reuter hat stets über den Tellerrand der Wirtschaft hinausgeblickt, und so schien der Mann mit dem SPD-Parteibuch der wandelnde Beweis dafür zu sein, dass unternehmerisches Handeln und politische Verantwortung unter einen Hut zu bringen sind. Kein Wunder, dass eine politische Karriere lange durchaus möglich schien. So gab es 1994 lockere Gespräche mit dem damaligen SPD-Kanzlerkandidaten Rudolf Scharping über ein mögliches Engagement. Geblieben ist, was ihn trotz aller Vorbehalte gegen Parteien und deren Mechanismen bis heute an der Politik fasziniert und damals mit dem Außenministerium liebäugeln ließ: die europäische Idee.
Seinen Geburtstag will Reuter alleine mit seiner Frau feiern
Visionen sind in der Politik aus der Mode gekommen, aber Reuter hat eine: „Ich glaube“, sagt er, „die Vertiefung der Zusammenarbeit mit der Zielrichtung Vereinigte Staaten von Europa ist absolut unverzichtbar.“ Ohne eine europäische Regierung, die Verteidigung, Außenpolitik und Sozialpolitik betreiben kann, werde es auf Dauer nicht gehen, glaubt er, was wiederum ein Europäisches Parlament mit allen Rechten und einen europäischen Haushalt voraussetze. Dazu zählt er auch erste Schritte zu einer Transferunion, was der Bevölkerung klar gesagt werden müsse.
Reuter kritisiert die Kanzlerin, weil sie nie gesagt habe, wohin die Reise gehen soll: zu den Vereinigten Staaten von Europa oder zu einem Club von Staaten, der seine Probleme in Nachtsitzungen löst. „Frau Merkel ist eine fabelhafte Pragmatikerin“, sagt Reuter, „aber eine demokratische Führungspersönlichkeit ist sie eben nicht.“ Und wie soll die Krise überwunden werden? Der frühere Manager denkt an den großen Wurf: „Womöglich ist eine Neugründung Europas erforderlich, zusammen mit Frankreich oder im Rahmen der alten Sechser-EWG.“ Später könnten sich dann die Länder anschließen, die bereit sind, auf den Primat nationaler Interessen zu verzichten, und demokratische Mehrheitsentscheidungen akzeptieren.
Feiern wird Reuter seinen Geburtstag am Freitag im Übrigen nicht: „An dem Tag bin ich weg, ,sans laisser d’adresse‘, wie die Franzosen sagen.“ Er will mit seiner Frau alleine sein und ein paar Tage in Ruhe verbringen, denn: „Ich habe gewisse Vorbehalte gegen die üblichen Sprüche, die bei solchen Gelegenheiten geklopft werden.“
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