InterviewEx-GNTM-Kandidatin Vivian Cole aus Heilbronn „Ich bin tatsächlich froh, dass ich nicht gewonnen habe“

Für die ehemalige Germany’s Next Topmodel Kandidatin Vivan Cole ist das Modeln eine Leidenschaft Foto: Guido Raschke
Für die ehemalige Germany’s Next Topmodel Kandidatin Vivan Cole ist das Modeln eine Leidenschaft Foto: Guido Raschke

Seit ihrer Kindheit hatte Vivian Cole mit psychischen Erkrankungen zu kämpfen – nun klärt die ehemalige Germany’s Next Topmodel Kandidatin aus Heilbronn über mentale Gesundheit auf. Ein Gespräch über die dunkle Zeit in ihrem Leben und ihre Arbeit.

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Stuttgart - Ein Model mit einer Botschaft – so bezeichnet sich Vivian Cole selbst in den Sozialen Medien. Die 22-Jährige lebt in der Nähe von Heilbronn, im letzten Jahr war sie eine der Kandidatinnen bei Germany’s Next Topmodel (GNTM) und belegte den neunten Platz. Aber Vivian ist mehr als nur ein hübsches Gesicht: Schon als junges Mädchen kämpfte sie mit Depressionen und einer Borderline-Störung. Sie verletzte sich selbst, auch heute sind die Narben an ihren Armen noch sichtbar.

Mittlerweile ist Vivian mit sich im Reinen und hat ihre Erkrankungen im Griff. Heute nutzt sie ihre Reichweite, um Menschen auf Instagram über mentale Gesundheit aufzuklären. Wir haben mit ihr über die Arbeit auf Social Media, große Träume und Hoffnung in dunklen Zeiten gesprochen.

Vivian, was würde dein jüngeres Ich über dich heute denken?

Ich glaube, mein jüngeres Ich hätte sich gewünscht, so zu sein, wie ich jetzt bin. Es hat aber auch sehr lange nicht daran geglaubt, dass ich aus meinen Depressionen rauskomme oder dass ich es zu etwas bringen kann. Ich habe einfach eine riesige Wandlung gemacht.

Letztes Jahr warst du Kandidatin bei Germany’s Next Topmodel. Hättest du jemals gedacht, dass du einmal in der Show dabei sein und es in die Top Ten schaffen würdest?

Nein. Ich hatte jahrelang überhaupt keine Selbstvertrauen, auch andere Menschen haben nicht an mich geglaubt. Ich habe nie damit gerechnet, aber ich habe immer davon geträumt. Das ist auch ein Beispiel dafür, nie aufzugeben, weil man diese Träume tatsächlich in die Wirklichkeit umsetzen kann.

Seit deiner Kindheit begleiten dich Depressionen und die Borderline-Störung. Wie hat sich das bemerkbar gemacht?

Ich hatte schon sehr früh Depressionen, da war ich acht Jahre alt. Ich war total in mich gekehrt, mehr als Menschen, die einfach introvertiert sind. Ich habe angefangen, die Welt nicht so leicht und fröhlich zu sehen wie ein Kind, sondern dunkel und ernst. Da ich nicht viele soziale Kontakte hatte, habe ich mich viel mit mir selbst beschäftigt und total abgegrenzt. Ich war einfach ein trauriges Kind. Mit 12 Jahren bekam ich dann zusätzlich die Diagnose, dass ich Borderline habe.

Wie fühlen sich eine Depression und eine Borderline-Störung an?

Eine Depression ist nicht, einfach nur ein bisschen traurig zu sein. Ich hatte gar keine Lebensfreude mehr. Dinge, die mir früher Spaß gemacht haben, reizten mich gar nicht mehr. Du fühlst dich einfach total taub, gleichzeitig leer und unfassbar traurig. Meine Depression ging auch mit Suizidgedanken einher, gerade durch die Borderline-Störung. Das ist eine extreme Persönlichkeitsstörung, es handelt sich um eine emotionale Instabilität. Bei mir war das so, dass ich sehr impulsiv war. In einem Moment war ich total fröhlich, im anderen wäre ich am liebsten mit 200 über die Autobahn gerast und es wäre mir egal gewesen, was mit mir passiert. Und es war für mich auch schwer in zwischenmenschlichen Beziehungen, zum Beispiel zu meinem Ex-Freund. So war das jahrelang, bis ich dann mit 21 mein Leben komplett umgekrempelt und es da raus geschafft habe.

Wie ist es zu dieser Kehrtwende gekommen?

Im März 2019 ist mein Papa gestorben, den ich lange nicht mehr gesehen hatte. Er lebte in Amerika und sein Tod hat mich in eine sehr starke Depression gezogen. Ich habe ein paar Monate später eine Therapie angefangen, aber das hat mir nicht so ganz geholfen. Durch Zufall habe ich dann den Film „The Secret“ entdeckt und das war wie ein Geschenk von meinem Papa. Denn der Film handelt vom Gesetz der Anziehung und hat so viel in mir verändert. Ich habe mir gesagt, dass es mehr geben muss als diese schlechten Seiten und dass ich mir noch einmal eine Chance geben sollte. Auf einmal hat sich in meinem Kopf etwas verändert. Ich habe dann angefangen mit Meditation und mich damit auseinandergesetzt, wie wichtig Achtsamkeit, Sport und gesunde Ernährung sind. Auch mit meinem inneren Kind habe ich zusammengearbeitet und mich mit meinen alten Wunden konfrontiert. Und schon nach zwei Wochen habe ich so große Fortschritte gesehen wie noch nie, weil ich wirklich viel Energie reingesteckt habe. Inzwischen mache ich viel mit mir selbst aus. Ich bin meine eigene beste Freundin geworden.

Bei Germany’s Next Topmodel hast du im Interview-Training mit Christian Düren über deine psychischen Erkrankungen gesprochen. Warum hast du dich dazu entschieden?

Es war mir von Anfang an klar, dass ich über meine Erfahrungen sprechen möchte, wenn ich zu GNTM gehen würde. Als ich nach dem Tod von meinem Papa angefangen habe, solche Fortschritte in Bezug auf meine mentale Gesundheit zu sehen, wurde mir klar: ‚Vivian, du meldest dich bei der Show an. Und wenn du angenommen wirst und zu diesem Interview kommst, wandelst du das, was du erlebt hast, in etwas Schönes.’ Ich wollte Menschen, denen es ähnlich geht wie mir, zeigen, dass es möglich ist, es da raus zu schaffen. Und dass jemand wie ich dort steht und sich so offen präsentiert war für mich mein eigenes Zeichen von Hoffnung. Damit habe ich auch für mich meinen ersten Meilenstein gesetzt.

Du musstest schließlich als Neunte die Show verlassen. Hättest du gerne gewonnen?

Ich bin tatsächlich froh, dass ich nicht gewonnen habe. Bei Jacky, der Gewinnerin aus meiner Staffel, sehe ich, wie viel Druck sie hat, weil sie jetzt eine so bekannte Persönlichkeit ist. Das wäre es mir nicht wert gewesen. Für mich ging es eher um diese Reise, die ich durch die Show erleben konnte. Ich habe aus der Zeit so viel Lebensfreude für mich mitgenommen.

Nach Germany’s Next Topmodel werden viele Kandidatinnen Influencer. Wie ist das bei dir: Bist du eher Model oder eher Influencerin?

Ich hasse das Wort „Influencer“ und sehe mich auch nicht so. Das Modeln ist meine Leidenschaft, das macht mir Spaß. Wegen Corona ist das allerdings gerade ein bisschen schwierig und ich bin schon eher auf Instagram aktiv. Aber ich bin nicht wie ein Influencer, der jeden Tag Storys hochlädt und Werbung postet. Instagram soll nicht mein Hauptjob werden, ich möchte mir etwas Handfestes aufbauen. Ich bilde mich aktuell professionell weiter, um später zusätzlich als Mental Coach zu arbeiten. Ich will raus in die Welt und zu Menschen sprechen, ich will persönlich helfen. Darauf möchte ich setzen, nicht auf Instagram.

Du sprichst in den Sozialen Medien sehr offen über deine mentale Gesundheit und machst auf das Thema aufmerksam. Warum ist dir das so wichtig?

Ich habe mich lange unverstanden gefühlt und als wäre ich alleine auf der Welt mit meinen Sorgen. Gerade als junges Mädchen hatte ich das Gefühl, nicht ernstgenommen zu werden. Ich habe mir einfach jemanden gewünscht, der mich an die Hand nimmt und mir zeigt, wo es langgeht. Im Endeffekt versuche ich jetzt einfach, jeden Tag der Mensch zu sein, den ich nie hatte. Als ich bei Germany’s Next Topmodel das allererste Mal überhaupt über meine psychische Gesundheit gesprochen habe, habe ich das eigentlich für mich gemacht. Aber ich habe damit so viele andere Menschen mitgezogen. Und das ist im Endeffekt die Arbeit, die ich heute mache. In erster Linie bin ich das Beispiel von dem, was ich mehr sehen möchte und ziehe dadurch die Menschen mit.

Siehst du dich selbst als Vorbild für andere?

Ich habe mir die Frage schon oft gestellt. Ich möchte tatsächlich gar nicht ein Vorbild sein, weil dann habe ich den Druck, dass ich in jedem Bereich alles perfekt machen müsste. Ich denke schon, dass ich mit dem, was ich mache, Menschen helfen kann und dass man mich als Vorbild sehen könnte. Aber ich möchte gar nicht so angesehen werden. Ich bin einfach ein Mensch, der etwas aus seiner Geschichte gemacht hat.

Du bezeichnest dich unter anderem auf Instagram als „model with a message“. Was ist deine Botschaft?

Als jemand, der so lange mit Depressionen, Borderline und Angststörungen gekämpft hat, habe ich lange dunkle Zeiten gesehen. Und meine Botschaft ist, dass es auch anders sein kann. Ich weiß, wie es ist, wenn du keine Hoffnung mehr hast und nicht weißt, was aus deinem Leben werden soll. Darum möchte ich den Menschen zeigen, dass es anders geht und das Leben so viel mehr ist, als dieser Schmerz. Es geht einfach um mehr Verständnis für jeden Menschen, um mehr Achtsamkeit miteinander, um mehr Liebe und Akzeptanz. Ich versuche, die Schattenseiten, die ich erlebt und in etwas Gutes verwandelt habe, den Menschen mitzugeben und ihnen Hoffnung zu schenken.

Was glaubst du, wann wird dein Auftrag erfüllt sein, das zu vermitteln?

Ich denke, das ist wie mit dem Glücklichsein – für manche Dinge gibt es kein Enddatum. Alles was ich mache, ist ein Prozess, weil ich selbst auch immer weiter wachse und weiter lerne. Das ist so schön daran. Menschen werden diese Botschaft immer verstehen, sie entwickelt sich aber auch immer weiter. Deswegen glaube ich, es gibt keinen endgültigen Punkt, an dem ich sage, dass ich es jetzt geschafft habe. Aber das ist auch das Coole. 

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