Der Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer (parteilos) sieht sich heute in seinen Positionen in der Migrationspolitik bestätigt: „Zu viele Flüchtlinge, die Kommunen sind überfordert, wir können nicht allen helfen, die Straftäter müssen gehen – das ist der Kern des Rassismus-Vorwurfs gegen mich. Und jetzt scheint es einen neuen politischen Konsens zu geben“, sagte Palmer unserer Zeitung. Ihm sei zum Verhängnis geworden, dass er diese Positionen „ein Jahr zu früh“ vertreten habe. Rassismus wurde Palmer aber auch immer wieder wegen der Benutzung von Stereotypen sowie des N-Worts, einer früher in Deutschland gebräuchlichen rassistischen Bezeichnung für schwarze Menschen, vorgeworfen.
Palmer wäre froh, wenn er Migrationsdebatte hinter sich lassen könnte
Der ehemalige Grünen-Politiker sagt: „Es scheint sich jetzt überparteilich durchzusetzen, dass die Kommunen die Entlastung brauchen, dass es nicht möglich ist, so viele Menschen in so kurzer Zeit aufzunehmen und zu integrieren.“ Er sei erleichtert, dass die demokratischen Parteien das mittlerweile erkannt hätten, denn „wenn das Problem gelöst wird, werden viele AfD-Wähler wieder zu den Parteien zurückkehren, die sie davor noch gewählt haben. Da bin ich optimistisch“, sagt Palmer.
Der Tübinger Rathauschef wäre „Gott froh, wenn ich die Migrations-und Identitätsdebatte hinter mir lassen könnte“. Seine Äußerungen dazu hatten ihm immer wieder Kritik in der eigenen Partei eingebracht. Nach einem Eklat Ende April am Rande einer Migrationskonferenz in Frankfurt trennten sich die Wege von Palmer und den Grünen: Der Tübinger OB trat aus der Partei aus. „Wir haben uns auseinanderentwickelt“, sagt er. Heute empfinde er aber vor allem Dankbarkeit gegenüber den Grünen: Ohne die Partei wäre er nicht Landtagsabgeordneter (2001 bis 2007) und Oberbürgermeister (seit 2007) geworden, sagt er.
„Nicht ausreichend temperiert für wohlformulierte Koalitionsverträge“
Dass er sich den Weg zu höheren politischen Aufgaben verbaut hat, ärgert ihn heute nicht mehr: „Das ist verschüttete Milch“, sagt Palmer. Mit seinen Fähigkeiten sei er heute genau am richtigen Ort: in einem schwäbischen Rathaus. Denn: „Mit meiner Eigenwilligkeit und Leidenschaft ist man nicht ausreichend temperiert für wohlformulierte Koalitionsverträge.“