Ex-Fußballprofi eröffnet Pizzeria in Ludwigburg Tobias Weis – Pizzateig statt Zuckerpass

Weis belegt eine Pinsa vegetariana mit Artischocken, Mozzarella und Champignons. Auch als Gastronom ist er sehr ehrgeizig. Foto: factum/Weise

Es gab eine Zeit, in der Tobias Weis als einer der besten Mittelfeldspieler Deutschlands galt. Doch er konnte sich nicht lange oben halten. Jetzt hat der 32-jährige Ex-Fußballprofi ein Restaurant in Ludwigsburg eröffnet – seine Vergangenheit lässt ihm trotzdem keine Ruhe.

Nachrichtenzentrale: Tim Höhn (tim)

Ludwigsburg - Sein Traum ist wahr geworden. Tobias Weis schaffte eine Hürde, an der die meisten viel versprechenden Fußballtalente letztlich scheitern: den Sprung in die Erste Bundesliga. 118 Spiele bestritt er für die TSG Hoffenheim. Und 2008 wurde er von Joachim Löw in die Nationalmannschaft berufen, 2009 machte er sein erstes Länderspiel (gegen die Vereinigten Arabischen Emirate). Dass es sein einziges bleiben würde, ahnte damals niemand. „Kampfquirl“ nannte ihn die „Bild“-Zeitung – ein Filigrantechniker war Weis nie, eher ein Arbeiter, und solche Spieler sind wichtig in jeder Mannschaft.

 

Heute ist er 32 Jahre alt, was immer noch ein gutes Alter für Fußballer ist. Doch Tobias Weis steht nicht mehr auf dem Platz. Er steht jetzt in einer Küche in Ludwigsburg und backt Pinsa romana. „Manchmal juckt es mich noch, Fußball fehlt mir schon“, sagt er und verschränkt die tätowierten Arme vor dem Bauch. Er wirkt nicht traurig in dem Moment, er hat Pläne: „Wir wollen mit der Pinsa Deutschland erobern.“

Vor wenigen Tagen hat Weis mit seinem Geschäftspartner Nico Pulitano La Pinseria eröffnet, sein erstes Restaurant. Die Pinsa ist eine Urform der Pizza und war schon in der Antike bekannt. Der Trockensauerteig soll besonders bekömmlich sein und den natürlichen Geschmack unterstreichen, „als sei es ein Brot aus anderen Zeiten“, ist in der Speisekarte zu lesen.

Im Dezember will er schon sein zweites Restaurant eröffnen

Tobias Weis bindet sich eine graue Schürze um, streift Gummihandschuhe über, streicht Tomatensoße auf den Teig, nimmt aus Schalen Artischocken, Mozzarella und Champignons für eine Pinsa vegetariana. Mit Kochen habe er früher nichts zu tun gehabt, sagt er. Fußballclubs beschäftigen eigene Köche, und zu Hause sei dafür seine Frau zuständig. Aber er wolle sich „richtig in die Materie einarbeiten“ und helfe deshalb natürlich auch in der Küche. Seine Lieblingspinsa ist mit Büffelmozzarella und italienischer Salami belegt und wird in seinem Restaurant als Pinsa Tobias Weis verkauft. „Ist schön scharf, das passt zu mir.“

Nahezu jeden Tag fährt Weis momentan von Öhringen im Hohenlohekreis, wo er wohnt, nach Ludwigsburg. Das Restaurant mit rund 70 Plätzen soll nur der Ausgangspunkt für eine ganze Pinsa-Kette sein. In Würzburg will Weis im Dezember den zweiten Laden in Betrieb nehmen. Man könnte sagen: Er plant seine Zukunft als Geschäftsmann wie seine Laufbahn als Fußballprofi. Ehrgeizig, schnell soll es gehen, weit nach oben. Als Fußballer klappte das lange, und am Ende dann nicht mehr.

Es gab in der Karriere des Tobias Weis, die als Jugendspieler und Amateur beim VfB Stuttgart begonnen hatte, nicht den einen, alles entscheidenden Knick. Es gab mehrere kleine Knackpunkte. 2010 war er auf dem Höhepunkt, hatte sich in den Kreis der Nationalmannschaft gespielt. Bayern München wurde auf ihn aufmerksam. Er habe mit dem Sportdirektor der Bayern, Christian Nerlinger, und dem Präsidenten Uli Hoeneß über einen Wechsel verhandelt und bei beiden großes Vertrauen gespürt. Sagt Weis. Er habe aber gemerkt, dass der Trainer Louis van Gaal nicht von ihm überzeugt gewesen sei. Weis sagte ab und blieb in Hoffenheim. „Das ist die einzige Entscheidung, die ich im Nachhinein bereue“, sagt er, und nun wirkt er traurig. „Einmal bei den Bayern gespielt zu haben – das wäre sicher ein Highlight gewesen. Wer weiß, wie es dann für mich weitergegangen wäre.“

Faschingssause im Abstiegskampf

Es ging nicht gut weiter. Vor dem Saisonauftakt verletzte er sich schwer. Er kämpfte sich zurück in den Kader, aber von da an ging es langsam nach unten. Zwar erzielte er am 9. März 2013 sein erstes Bundesliga-Tor. Aber kurze Zeit später wurde er in Hoffenheim aussortiert, nachdem er mitten im Abstiegskampf eine Faschingsparty besucht und wenige Wochen später mit einem Teamkollegen aneinandergeraten war. Sein Ruf war danach nicht der beste. Es ist eine Zeit, über die Weis heute ungern redet.

Er wechselte zu Eintracht Frankfurt, einem Club mit großer Tradition. Es war seine Chance zum Neustart. Doch dann: Wieder eine Verletzung. 2014 wurde er an den Zweitligisten VfL Bochum ausgeliehen. Der Trainer Peter Neururer setzte große Hoffnungen in ihn, wurde aber bald entlassen. Neururers Nachfolger teilte die Hoffnung nicht. 2016 wurde der Vertrag aufgelöst, danach wäre Weis sogar bereit gewesen, zum FC Homburg in die Regionalliga zu wechseln. Doch weil der Verein abstieg, kam der Deal nicht zustande. Es habe noch Angebote von anderen Clubs gegeben, sagt Weis. „Aber ich brauchte Abstand. Ich wollte sesshaft werden.“ Seine Frau Derya ist schwanger im fünften Monat, Weis freut sich auf den Nachwuchs. „Mir geht es gut.“ Rückblickend sei er im Großen und Ganzen sehr zufrieden mit seiner Karriere.

Die Blütezeit eines Fußballprofis ist kurz. Manche versuchen das Unausweichliche so lange wie möglich hinauszuschieben. Wie Lothar Matthäus, der noch mit 40 Jahren auf dem Platz stand. Auch das ändert nichts daran, dass für Profisportler die Karriere endet, wenn sie für andere erst beginnt. Viele versuchen sich als Trainer oder Manager oder bleiben in ihrer Branche als Kommentatoren und Experten.

„Ich hab genug beiseitegelegt“

Die meisten aber müssen sich ein neues Leben erfinden. Es gibt Fußballer, die dann Zeitschriften verkaufen, Supermärkte oder Autohäuser eröffnen, und es ist kein Geheimnis, dass manche die innere Leere mit zu viel Alkohol füllen. Der Schritt vom Rasen an den Ofen, den Tobias Weis für sich gewählt hat, ist eine absolute Seltenheit. Er selbst sagt, er habe sich nach der Vertragsauflösung vorgenommen, „erst einmal gar nichts zu machen“. Das klappte nicht. Die Phase des Nichtstuns war nach zwei Wochen vorbei. Im Urlaub in Rom, vor einem Dreivierteljahr, habe er zum ersten Mal eine Pinsa probiert. „Ich war total begeistert und habe sofort zu meiner Frau gesagt: Dieses Produkt müssen wir nach Deutschland bringen.“

Über Umwege kam er in Kontakt mit Nico Pulitano, der in Pforzheim eine der wenigen deutschen Pinserien betreibt. Die beiden mochten sich und beschlossen, zusammenzuarbeiten. Ihr erstes gemeinsames Restaurant eröffneten sie in Ludwigsburg, weil Pulitano dort lebt. Sie pachteten leer stehende Räume und investierten kräftig in den Umbau. Wie viel genau, verrät Weis nicht. Obwohl heute selbst Durchschnittsprofis in der Bundesliga Millionen verdienen, stehen viele nach ihrer Zeit auf dem Rasen nicht nur vor dem mentalen, sondern auch vor dem finanziellen Nichts – weil sie nicht vorgesorgt haben, sondern glaubten, das Geld werde immer weiter fließen. Irgendwie. Weis sagt, er habe „genug beiseitegelegt“.

Vielleicht gibt es ein Comeback als Trainer

Fußball? Schaut er immer noch gerne. Sein Herz hänge am VfB Stuttgart. „Auch in Hoffenheim hatte ich eine superschöne Zeit.“ Selbst gegen den Ball getreten hat er länger nicht, aber das will er ändern. Einmal die Woche, mit Freunden, vielleicht in einem unterklassigen Verein, das könnte er sich vorstellen. Tobias Weis geht jeden zweiten Tag joggen, regelmäßig ins Fitnessstudio. Fit genug ist er, das wäre nicht das Problem. „Eher, dass ich auf dem Platz wohl immer noch wie ein Profi ticken würde“, sagt er. „Vielleicht bin ich zu impulsiv und energisch, um Fußball als Hobby zu genießen.“

Vielleicht will Tobias Weis diesen Sport, der ihm viel gegeben und vieles abverlangt hat, gar nicht als Hobby sehen. In der Pinseria ist er weit weg von dieser glamourösen Welt, in der junge Männer Unsummen verdienen und für noch größere Unsummen Vereine wechseln, Medien jeden Schritt und Fehltritt verfolgen und kommentieren. In der Menschen, nur weil sie gut mit Bällen umgehen können, angebetet werden, und wenn sie gerade nicht so gut mit dem Ball umgehen, schnell auch angefeindet. Loslassen wird ihn diese Welt nie. Und als Trainer zurück in den Profifußball? „In fünf bis sechs Jahren werde ich darüber nachdenken“, sagt er.

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