Ex-IBM-Chef Hans-Olaf Henkel vor ehemaligen Mitstreitern in Sindelfingen Foto: /Stefanie Schlecht
Bei einem Treffen von ehemaligen IBM-Mitarbeitern sprach nicht nur der amtierende Chef der IBM Deutschland, sondern auch sein wohl prominentester Vorgänger: Hans-Olaf Henkel. Der 84-Jährige blickte zurück auf goldene Zeiten.
Dass ein Vorgänger im Amt seinem Nachfolger Ratschläge erteilt, schickt sich bekanntlich nicht. Und der ehemalige IBM-Deutschland-Chef Hans-Olaf Henkel hielt sich an dieses ungeschriebene Gesetz, als er am Dienstag mal wieder in heimische Gefilde kam. Vor rund 200 ehemaligen IBM-Mitarbeitern hielt der 84-Jährige einen kurzen Festvortrag in der Sindelfinger Stadthalle. Sein Vorredner war kein Geringerer als Wolfgang Wendt, der amtierende Deutschland-Chef. „Die IBM Deutschland ist bei Ihnen in guten Händen“, sagt Henkel zur Begrüßung in Richtung Wendt – und erntete den ersten Applaus.
Henkel ist im Land und insbesondere im Kreis Böblingen kein Unbekannter. Von 1987 bis 1993 war er Vorsitzender der Geschäftsführung der IBM Deutschland, im Anschluss noch zwei Jahre Präsident der IBM für ganz Europa, den mittleren Osten und Afrika. In seine Zeit fielen wesentliche Meilensteine der Chip-Entwicklung. So weihte er gemeinsam mit dem damaligen Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) Ende der Achtzigerjahre eine Fabrik für die Fertigung des Vier-Megabit-Chips auf der Böblinger Hulb ein. Ein Moment, zu dem er die passende Anekdote gleich mitlieferte.
Über 200 Ex-IBMer waren in die Sindelfinger Stadthalle gekommen, um Henkel zu hören /Stefanie Schlecht
„Wir standen damals dort in unseren Reinstraum-Anzügen“, sagt Henkel. „Meiner war Standardgröße, für Kohl mussten wir eine Sonderanfertigung machen lassen.“ Kohl habe damals publikumswirksam den Startknopf der Böblinger Fabrik gedrückt. Henkel: „Später hat mir ein Mitarbeiter gesagt, der Knopf wäre an gar nichts angeschlossen gewesen.“ Böblingen habe um diese Zeit mit der Fabrik zur weltweiten Speerspitze der Chipfertigung gehört – heute unvorstellbar. Als Henkel preisgab, noch eine alte Lochkarten-Sortiermaschine „082“ bei sich im Keller aufzubewahren, ging ein wissendes Raunen durch die Reihen. Ebenso bei der Erwähnung der in Sindelfingen gebauten „1401“ oder dem „IBM 650“, beides Meilensteine der Datenverarbeitung.
Überhaupt waren Henkels Erinnerungen an die goldenen IBM-Jahre Balsam auf den Seelen seines Publikums, in dessen Reihen die Haupthaare merklich ergraut waren. „Als ich Chef der IBM war, waren wir nach Börsenwert das fünftgrößte Unternehmen der Welt.“ Henkel halte es daher für elementar, sich die Geschichte des Unternehmens vor Augen zu führen. Er dankte ausdrücklich all jenen, die die Historie der alten IBM-Großrechner bewahrten. Nach der Auflösung des IBM-Museums 2012 in der ehemaligen Dehomag-Lochkartenfabrik in Sindelfingen, sind die Exponate nicht mehr öffentlich zugänglich.
IBM als Vorreiter bei Management-Prinzipien
Mittlerweile befinden sie sich in einem abgetrennten Bereich des IBM-Labors auf dem Rauhen Kapf in Böblingen, derzeit Interims-Hauptsitz der IBM Deutschland. In Richtung seines Nachfolgers Wendt sagte Henkel: „Damit Sie ein Gefühl dafür bekommen, dass die heutige IBM auf der Basis steht, die die Menschen hier geschaffen haben.“ Das gelte nicht nur für den wirtschaftlichen Erfolg, sondern ebenso für sogenannte weiche Errungenschaften.
Die IBM galt lange als Vorreiter in Sachen moderner Management-Prinzipien und Mitarbeiterführung. Auf diese habe „Big Blue“, wie die IBM auch genannt wird, immer großen Wert gelegt. Henkel: „Diese Prinzipien haben mich immer beeindruckt.“ Der IT-Konzern habe die sogenannte Open-Door-Policy kultiviert, nach der die Bürotür selbst hochrangiger Manager jedem offenstehe. Im Unternehmen habe man stets Respekt vor dem Individuum gepflegt oder Meinungsumfragen unter Mitarbeitenden eingeführt. „Das wurde später von vielen Personalchefs kopiert“, sagte der gebürtige Hamburger. Doch er kam nicht umhin, etwas Wasser in den Wein zu gießen.
Von 1995 bis 2000 war Henkel (li.) Präsident des Bundesverbands der Deutschen Industrie Foto: Archiv/Achim Melde
Henkel: „Aber auch wir haben Fehler gemacht.“ Einer sei gewesen, zu den großen IBM-Rechnern nicht auch Anwendungs-Programme anzubieten. Eine Marktlücke, die sich 1968 fünf findige IBM-Ingenieure um einen gewissen Hasso Plattner zu eigen machten und die SAP gründeten – heute umsatzstärkstes Softwareunternehmen Europas. Oder die Entscheidung, den 25-Prozent-Anteil am Chip-Hersteller Intel zu veräußern, um die Quartalszahlen zu polieren. Doch Henkel kriegte zum Ende hin noch einmal die Kurve zum Positiven.
Er erinnerte daran, dass die IBM Deutschland immerhin das älteste und einzige IT-Unternehmen der Welt sei, das seit 1910 ununterbrochen existiere. „Der amerikanische Mutterkonzern wurde erst 1914 gegründet, und meine amerikanischen Kollegen wollten nie so gerne hören, dass die deutsche Tochter vier Jahre älter ist als die amerikanische Mutter“, sagt Henkel. Dem amtierenden Deutschland-Chef wünschte er von Herzen, „dass es so weitergeht“.
Der Organisator des Treffens, Volker Strassburg, dankte Hans-Olaf Henkel für sein Kommen zum Club der Ehemaligen – mahnte aber zum Abschluss, dass aufgrund der steigenden Kosten für Halle und Catering derzeit eine Fortführung dieses besonderen Abends auf sehr wackeligen Beinen stehe. Doch Hans-Olaf Henkel wollte das nicht so im Raum stehen lassen: Er werde das Treffen mit einer Ausfall-Bürgschaft unterstützen, damit der Fortbestand gesichert sei.
Teilnahme Die Veranstaltung „meetIBMer“ ist die einzige ihrer Art, bei der sich im festlichen Rahmen aktive oder bereits in Ruhestand befindliche IBM-Mitarbeiter zu einem Erfahrungsaustausch und zwanglosem Beisammensein treffen können. Interessierte wenden sich an meetIBMer@gmx.de
Hans-Olaf Henkel: Manager, Politiker, Publizist und streitbarer Kopf
Geboren ist Hans-Olaf Henkel am 14. März in Hamburg, er wuchs als Halbwaise auf.
IBM Nach seinem Einstieg 1962 absolvierte er mehrere Management-Funktionen bei der IBM Deutschland, bis er 1987 zum Vorsitzenden der Geschäftsführung berufen wurde. 1993 und 1994 war er Präsident der IBM für Europa, den Mittleren Osten und Afrika.
BDI Nach seiner Tätigkeit für die IBM war Henkel von 1995 bis 2000 Präsident des Bundesverbands der deutschen Industrie.
Professuren Von 2001 bis 2005 war Henkel Präsident der Leibniz-Gemeinschaft, von 2000 bis 2012 lehrte er als Honorarprofessor des Lehrstuhls für Internationales Management an der Universität Mannheim
Berater und Aufsichtsrat Von 2006 bis 2013 beriet Henkel die Bank of America für den deutschsprachigen Raum, er war Mitglied in den Aufsichtsräten von Bayer, Continental, Ringier und weiteren Firmen
Politik Im Januar 2014 trat Henkel in die Alternative für Deutschland ein und saß von 2014 bis 2019 im Europaparlament. Er verließ die AfD allerdings nach einem Jahr wieder wegen „politischer Differenzen“.
Publizist Henkel ist Autor mehrerer Bücher und Gastbeiträge; er war häufiger und streitbarer Interviewpartner in politischen Talkshows. Darin vertrat er deutlich wirtschaftsliberale Positionen, gilt als Befürworter der Globalisierung und des freien Handels. Henkel äußerte teils scharfe Kritik am Euro.
Menschenrechte Seit 1996 ist Henkel Mitglied der Menschenrechtsorganisation Amnesty International, setzte sich für Menschenrechte in Kuba ein und unterstütze den verfolgten Künstler Ai Weiwei.