Michael Koslowski war 38 Jahre lang Justizvollzugsbeamter in Stuttgart-Stammhein. Er spricht mit uns über Schwerstkriminelle, seine frühere Arbeit - und eine dramatische Nachtschicht.
Isabell Erb
30.07.2024 - 16:40 Uhr
Michael Koslowski, 64, steht in einem grauen VfB-Shirt auf seinem Balkon, raucht eine L&M-Zigarette und schaut auf seinen ehemaligen Arbeitsplatz: die Justizvollzugsanstalt Stuttgart-Stammheim. Einst haben sich hier die RAF-Terroristen Baader, Ensslin und Raspe das Leben genommen. Es ist ein Gefängnis, für das Stuttgart weit über die Stadtgrenzen hinaus bekannt ist. Koslowski weiß aus eigener Erfahrung, wie es dort drinnen zugeht – und erzählt gerne, was er als Insider erlebt hat.
Justizvollzugsbeamter in Stammheim aus Zufall
38 Jahre lang war Koslowski Justizvollzugsbeamterin der Stammheimer JVA. In dieser Zeit durchlief er so gut wie jeden Dienst, den es im Gefängnis gibt. Er arbeitete tagsüber und nachts, auch an Wochenenden und Feiertagen. Er kümmerte sich um neu ankommende Häftlinge, fuhr die Insassen zu Gerichtsterminen oder verbrachte Achtstundenschichten in einem Fahrstuhl, um Gefangene von einer Etage in die nächste zu eskortieren. Einige der Insassen nannten Koslowski „Kossi“ – so, als wäre er ihr Freund. Sein Leben war von der JVA geprägt – und die prägt es sie noch heute, obwohl er seit dreieinhalb Jahren Rentner ist.
Wie ist es, über Jahrzehnte mit Straftätern zu arbeiten? Wie hat sich das Gefängnis über die Zeit verändert? Und was für ein Mensch muss man sein, um sich zu diesem Beruf berufen zu fühlen?
1983 wagt Koslowski einen Neuanfang im Gefängnis
Nach seinem Realschulabschluss in Sulzbach an der Murr macht Michael Koslowski zunächst eine Ausbildung zum Werkzeugmacher. Er wird übernommen, aber schon nach kurzer Zeit macht ihm der Job keinen Spaß mehr. Koslowski kündigt. Zufällig erfährt er, dass Justizvollzugsbeamte gesucht werden. „Das ist doch mal was anderes“, denkt er. 1983 zieht Koslowski nach Stammheim. Er beginnt eine zweijährige Ausbildung zum Justizvollzugsbeamten. Seine ersten acht Wochen verbringt Koslowski in der Strafjustizschule, dann darf er seine erste Ausbildungsschicht im Gefängnis antreten. Nach der Ausbildung wird Kosloswki zum Aushilfsangestellten und steigt über die Jahre bis zum Vollzeitbeamten auf.
Vermutlich ist es sein Gemüt, dass ihn für seinen Beruf als Justizvollzugsbeamten besonders qualifiziert: Nichts scheint ihn aus der Ruhe zu bringen. Zumindest drängt sich dieser Eindruck auf, wenn man Koslowski einige Stunden zuhört.
Einen normalen Arbeitstag beschreibt er so: Dienstbeginn 6.30 Uhr. Er steigt in seine Uniform und packt das Portemonnaie ein, in dem sein Dienstausweis steckt. An seiner olivgrünen Hose hängt, befestigt an einer langen Kette, der wichtigste Gegenstand für seinen Berufsalltag: der Schlüsselbund. Ziemlich genau 300 Gramm ist er schwer, Koslowski hat ihn einmal zum Spaß gewogen. Ein großer Metallring hält das Konglomerat aus Schlüsseln zusammen.
Koslowski verlässt seine Wohnung und gelangt auf einen schmalen Fußweg, der direkt zum Gefängniseingang führt. Er durchquert den Diensteingang auf der linken Seite des Empfangs, während die Häftlinge durch das massive graue Stahltor auf der rechten Seite gebracht werden.
Das Gefängnis hat Koslowskis Alltag beherrscht. Foto: Lichtgut/Ferdinando Iannone
Die tägliche Routine der JVA-Beamten in Stammheim
Sein Ziel ist die Beamtenkabine, durch deren Glasscheiben er die Zellentüren im Blick hat. Doch zunächst schaut Koslowski auf eine hölzerne Tafel, in der Papierzettel stecken, die mit den Namen der Gefangenen beschriftet sind. Sie sind entsprechend der Zellenaufteilung auf dem Stockwerk angeordnet. Welche Ausdrucke sind mit einem roten Punkt markiert? Roter Punkt bedeutet: Gefährlich! Muss er besondere Sicherheitsvorschriften einhalten?
Wenn alles gut läuft, öffnen Koslowski und seine Kollegen die Zellen an einem gewöhnlichen Tag vier-, höchstens fünfmal: zum Frühstück, zum Mittagessen, zum Abendessen, zur Freizeit und für den Freigang, bei dem die Insassen eine Stunde lang im Innenhof des Gefängnisses verbringen dürfen. Aber natürlich läuft nicht immer alles gut. Es kommt immer mal wieder vor, dass die Gefangenen sich auf dem Hof oder dem Weg dorthin prügeln. Oder sie zündeln in den Zellen und basteln verbotene Gegenstände. So etwas so schnell und so unaufgeregt wie möglich zu unterbinden gehört zur täglichen Routine eines JVA-Beamten.
Dramatisches Erlebnis in der Nachtschicht
Koslowski schmunzelt. Dann erzählt er, was ihm einmal – es muss irgendwann in den späten 1990er Jahren gewesen sein – außerhalb der Routine passiert ist: Es ist etwa 19 Uhr, sein Nachtdienst hat vor einer Stunde begonnen – „ich saß da mit einem Kollegen und habe mich gelangweilt“. Bis der Anruf aus der Jugendabteilung kommt: Medizinischer Notfall! Koslowski eilt mit seinen Kollegen und einer Sanitäterin zu der Zelle, in der der Verletzte mit drei weiteren Häftlingen untergebracht ist. Er sitzt auf dem Bett und blutet am Arm. In dem Moment, als die Sanitäterin den Verletzten versorgen will, greifen die drei anderen Insassen sie und Koslowskis Kollegen an. Einer der jungen Aufständischen schlägt mit einem Besenstil auf Koslowski ein. Die Insassen flüchten in ein Büro, schließen die Tür und schieben von innen einen Schrank davor. Doch keine zwei Minuten später haben herbeigeeilte Justizvollzugsbeamte die Tür bereits aufgedrückt und die Häftlinge überwältigt. Die Konsequenz des Vorfalls laut Koslowski: „Seither gibt es in den Zellen keine Besenstiele mehr.“
Vier bis fünf Mal am Tag öffnet Koslowski die Zellen
Wie ist es, mit Leuten zu tun zu haben, die potenziell gefährlich sind? Angst habe er aber nie gehabt, antwortet Koslowski. Außerdem würde man ja niemals alleine eine Zelle öffnen. Herausfordernd sei für die Beamten vor allem, dass die Häftlinge so unterschiedliche Vorgeschichten hätten. „In Stammheim sitzt alles, vom sogenannten Eierdieb bis zum Mörder.“ Die Gefangenen hätten ihre ganz eigenen Machtstrukturen: „Mörder sind gut angesehen, die sind oft der Chef unter den Häftlingen.“
„Wenn einer auf dich losgeht, wehre dich, als ob er dich umbringen will“
Koslowski erzählt seine Geschichten, als seien sie die normalsten auf der Welt – so, als würde ein Lehrer oder Handwerker zu Hause von seiner Arbeit berichten. Die Unberechenbarkeit mancher Insassen scheint ihn nicht gestört zu haben, Vorurteile scheinen ihm fremd. „Wir hatten mal einen Auftragsmörder, Raphael, der war mir sogar richtig sympathisch“, erinnert sich Koslowski. Oft sei er gefragt worden, was die Leute, die in der JVA einsitzen, verbrochen hätten. „Mich interessiert nicht die Akte, mich interessiert nur der Mensch“, habe er dann bloß geantwortet.
Das Gefängnis hat Koslowskis Alltag beherrscht. Seine Kollegen waren für ihn auch Freunde. Viele der Beamten wohnten wie er in einer der JVA-Dienstwohnungen. Sein Sohn ist mit den Kindern seiner Kollegen aufgewachsen: „Sie waren fast alle im gleichen Alter.“ Nach dem Dienst traf man sich in der Stammkneipe, dem Asperger Stüble. „Und wenn ich dann frühmorgens um vier nach Hause kam, haben die Gefangenen am nächsten Tag gefragt, wo ich mich so lange rumgetrieben hätte“, erzählt Koslowski – schließlich hat immer irgendwer zu seinem Zellenfenster hinausgeschaut, wenn er nachts heimgelaufen sei. Und wenn es Eheprobleme gab, habe die gesamte Kollegenschaft davon gewusst.
Das alles ist mittlerweile lange her. Von seiner Frau ist Koslowski geschieden, sein Sohn ist in einem anderen Stadtteil heimisch geworden. Koslowski lebt heute alleine in seiner 70-Quadratmeter-Dienstwohnung. Das Viertel, sagt er, sei nicht mehr das, was es einmal war: „Es hat einen großen Generationswechsel gegeben.“ In einem Jahr seien 14 Beamten gleichzeitig in Rente gegangen, 20 neu eingestellt worden. Viele seiner ehemaligen Kollegen seien nach dem Eintritt in den Ruhestand aus Stammheim weggezogen.
Das Viertel ist ruhiger geworden
Im November 21 hat Koslowski seinen letzten Arbeitstag. Die Coronazeit ist beinahe zu Ende, der Betrieb läuft wieder weitestgehend normal. In den Monaten zuvor ist Koslowski häufig ausgefallen – die Gesundheit spielte nicht mehr mit. „Ich wollte möglichst unauffällig aus dem Beruf ausscheiden“, erzählt er. Doch dann klingelt das Telefon, die Kollegen fordern ihn auf, nach vorne zu kommen. „Da standen sie alle und haben einen Geschenkkorb für mich vorbereitet“, erinnert sich Koslowski. Den Inhalt packt er nicht aus, er wartet, bis er zu Hause ist. „Sonst hätte ich wahrscheinlich angefangen zu heulen.“
„Es hat einen großen Generationswechsel gegeben“
Koslowski zündet sich noch eine L&M an und blickt von seinem Balkon. Früher haben Kinder dort unten im Sandkasten gespielt und Nachbarinnen Wäsche zum Trocknen aufgehängt. Vom Sandkasten sind heute nur noch einzelne Steinplatten übrig, die lose auf dem Gras liegen, der Wäscheständer ist verrostet. Es ist ruhiger geworden in seinem Viertel. Selbst die Gefangenen hört man nicht mehr aus ihren Zellenfenstern grölen. Sie sind vom kurzen Flügel des Baus 1, der an Koslowskis Wohnung grenzt, in die 2018 fertiggestellten Neubauten auf der anderen Seite des Geländes verlegt worden.
Michael Koslowski zieht an seiner Zigarette und zeigt auf das Gebäude, das auf der anderen Seite des Gartenabschnitts zu sehen ist. „Da drüben habe ich gewohnt, in einer WG – als ich gerade erst hergezogen war“, sagt er. „Das war eine schöne Zeit.“ Auch heute sei die Wohnung von jungen Menschen bewohnt, die gerade eine Ausbildung zum Justizvollzugsbeamten machen. Was sie wohl in 38 Jahren zu erzählen haben?