Ex-Kultdisco in Böblingen Seestudio-Eigentümerin will an die Stadt vermieten

Flaute im Seaside-Club: Nach der Geschäftsaufgabe ist es um das ehemalige Seestudio ganz still geworden. Foto: Eibner/Roger Bürke

Nach dem Ende des Seaside-Clubs wollte die Eigentümerin die Immobilie verkaufen. Jetzt erwägt sie überraschend, das ehemalige Seestudio an die Stadt zu vermieten. Eine Zukunft für Böblingens einstige Kultdisco?

Böblingen: Edmund Langner (edi)

Mit der Geschäftsaufgabe des Seaside-Clubs schien das letzte Kapitel von Böblingens einstiger Kultdisco geschrieben. Die Eigentümerin, die ihren Namen lieber nicht in der Zeitung lesen möchte, hatte dem Pächterehepaar Tobias und Ivana Häcker gegenüber signalisiert, dass sie die Immobilie am liebsten verkaufen würde. Jetzt aber gibt es eine überraschende Wendung, die Seestudio-Fans womöglich hoffen lässt.

 

Die Vermieterin lebt zwar schon seit geraumer Zeit nicht mehr in Böblingen, im Gespräch mit der älteren Dame wird jedoch deutlich, wie stark noch immer die emotionale Bindung zu ihrer Heimatstadt ist. Als „ein Juwel“ bezeichnet sie den Unteren See mit Kongresshalle und darüber ragendem Schlossberg. „Meine Güte, da müsste man doch etwas daraus machen können“, sagt sie in einem Telefonat mit unserer Zeitung, das eine bemerkenswerte Dynamik entwickelt.

Gespräch nimmt überraschende Wendung

Zu Beginn kreist das Gespräch vor allem um die offenbar bereits sehr konkreten Verkaufsabsichten der Eigentümerin. Zahlreiche Interessenten hätten schon angefragt, das Haus sei für sie eine „reine Immobilie“, die sie an den Meistbietenden veräußern wolle. „Wie es weitergeht, ist für mich völlig egal. Für mich ist das Kapitel abgeschlossen“, sagt sie, nachdem sie zuvor ausführlich von einem seit der Anfangszeit Ende der 60er Jahre schwelenden Konflikt rund um die Lärmbeschwerden einer Anwohnerin berichtet hat. Die mittlerweile hochbetagte Dame habe sich schon immer gegen Pläne für eine Außengastronomie gestellt. Von der Stadt sei hier keine Unterstützung gekommen. „Dabei hätte das der Pächterin geholfen, die Coronazeit zu überstehen. Sie hat ein Kleinkind, das sie versorgen muss“, sagt die Eigentümerin, und ihrer Stimme ist anzuhören, wie sehr sie das Thema anrührt.

Wie sie berichtet, habe sie Clubbetreiberin Ivana Häcker so gut wie möglich unter die Arme gegriffen. Aber am Ende habe die ganze Hilfe nicht ausgereicht. „Ich bin zu alt und zu weit weg, um mich um dieses Haus zu kümmern“, bekräftigt sie noch einmal ihre Verkaufsabsichten. „Was aus Böblingen wird, ist mir völlig egal“, fügt sie hinzu.

Kurz darauf nimmt das Gespräch jedoch eine unvorhergesehene Wendung, und es wird klar, dass der ehemaligen Böblingerin ganz und gar nicht egal ist, was aus ihrer Heimatstadt wird. „Am liebsten würde ich das Gebäude an die Stadt verpachten“, formuliert sie ganz unvermittelt einen Gedanken, der ihr gerade erst gekommen zu sein scheint. Schließlich habe sie ja erst im letzten Jahr einiges Geld in die Renovierung gesteckt – unter anderem in ein neues Dach und neue Sanitäranlagen. Die Seniorin verknüpft ihr Angebot mit der Hoffnung, dass die Stadt als Mieterin weiterhin eine wie auch immer geartete Gastronomie an diesem Ort ermöglichen könnte.

Eigentümerin will mit der Stadt zusammenarbeiten

Schon am Tag nach diesem Telefonat ruft die Dame erneut an, um ihrer Idee noch mehr Nachdruck zu verleihen. Sie spricht von „Synergien“, die man an diesem schönen Ort nutzen könnte. Mit der Stadt habe sie deshalb bereits Kontakt aufgenommen und warte jetzt auf Rückmeldung von Baubürgermeisterin Christine Kraayvanger. „Böblingen hat so viel Potenzial, das ungenützt herumliegt“, findet die Eigentümerin.

Sie spricht von einem „ganzen Konvolut an Ideen“, das sie für das ehemalige Seestudio und das direkt daneben liegende historische Gebäude hätte. Bei diesem denkmalgeschützten Gebäude aus dem Jahr 1435 handelt es sich um Böblingens ältestes erhaltenes Wohngebäude. Das im Jahr 1967 als Beton-Flachdachgebäude gebaute Seestudio wurde damals direkt daran gebaut. Es wirkt neben dem bald 600 Jahre alten Bauwerk wie ein Fremdkörper.

Böblingen steht jetzt vor der schwierigen Frage, wie es mit diesen beiden Immobilien umgehen soll. Das historische Haus in der Poststraße 18 befindet sich nämlich in städtischem Besitz. „Das Gebäude ist uns als solches wichtig, da derartige Zeitzeugnisse aus vergangenen Zeiten eher rar sind in unserer Stadt“, sagt Böblingens Pressesprecher Gianluca Biela und verweist zugleich auf städtebauliche Überlegungen im Zusammenhang mit dem sogenannten Masterplan Schlossberg. Der möglichen Wiederaufnahme eines Gastronomiebetriebs steht laut Stadt grundsätzlich nichts im Wege. In der Poststraße seien Mischnutzungen zulässig und damit – soweit dies mit den Anwohnern verträglich ist – auch Kultur-, Event- oder Gastronomiebetriebe.

Stadt will mit Eigentümerin über Nutzung reden

Die Ideen der Seestudio-Vermieterin decken sich also möglicherweise mit den städtischen Überlegungen zur Schlossbergbelebung. Die Stadt will „in gutem Kontakt zu den Eigentümern vor Ort“ weiter an den passenden Nutzungen arbeiten. Über weitere Details möchte man sich im Böblinger Rathaus nicht äußern und verweist auf Vertraulichkeit bei Grundstücksangelegenheiten.

Aber wer weiß? Vielleicht kommt ja bald wieder ein Anruf von der Eigentümerin.

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