Ex-LBBW-Wohnungen am Stuttgarter Nordbahnhof Experten rechnen mit Mietsteigerungen

Nach dem erneuten Verkauf des Immobilienpakets sieht sich der Mieterverein in seiner bereits 2012 geübten Kritik bestätigt. Mieter im Nordbahnhofviertel befürchten nach der Veräußerung an die Deutsche Annington erneute Preissteigerungen.

Im Nordbahnhofviertel liegen etwa 2000 der ehemaligen LBBW-Wohnungen. Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth
Im Nordbahnhofviertel liegen etwa 2000 der ehemaligen LBBW-Wohnungen. Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth

Stuttgart - Es hat nur etwas länger als drei Jahre gedauert, und die ehemaligen LBBW-Wohnungen haben erneut den Besitzer gewechselt – mit einem satten Preisaufschlag. Nun fürchten die Bewohner deutliche Mieterhöhungen. Nach der Einschätzung von Maklern und Immobilienexperten ist diese Sorge berechtigt.

Wurden die rund 21 500 Einheiten im Februar 2012 noch für 1,435 Milliarden Euro von der Landesbank an den Investor Patrizia AG verkauft, hat diese den größten Teil der Wohnungen – inzwischen noch 19 800 Einheiten – vor wenigen Wochen an die Deutsche Annington verkauft. Dieses Mal lag der Preis bei 1,9 Milliarden Euro.

Mieterbund: „Patrizia hat die Öffentlichkeit belogen“

Der Mieterbund hatte bereits vor drei Jahren davor gewarnt, dass wohl die Mieter am Ende für das Gewinnstreben von Bank und Investor bezahlen müssen.

Rolf Gaßmann, der Vorsitzende des Stuttgarter Mietervereins, sieht sich nun bestätigt: „Patrizia hat Politik und Öffentlichkeit belogen, als sie sich vor drei Jahren als langfristiger Bestandshalter darstellte und auch deshalb von der LBBW den Zuschlag für die Wohnungen erhielt.“ Nach drastischen Mieterhöhungen und hohen Verkaufserlösen durch Privatisierung von bislang rund 2000 Wohnungen habe Patrizia nun mit einem Verkaufsgewinn von 450 Millionen Euro Kasse gemacht, so Gaßmann weiter.

Von den ehemaligen LBBW-Wohnungen befinden sich rund 4000 in Stuttgart, die Hälfte davon im Nordbahnhofviertel. Dass die Mieter die Nachricht mit gemischten Gefühlen aufgenommen haben, berichtet Ursel Beck von der Mieterinitiative LBBW-Patrizia: „Viele Mieter denken, schlimmer als bei der Südewo kann es nicht kommen.“ Denn auch die Südewo habe trotz Sozialcharta in den vergangenen Jahren die Mieten immer wieder erhöht, so die Aussagen der Betroffenen, die sich in der Mieterinitiative engagieren. Dort werden Umfragen und Listen dazu geführt. „Dabei geht es vorrangig um die Einschätzung der Wohnlage“, berichtet Beck. Die Südewo schätze das Nordbahnhofviertel als „beste Wohnlage“ ein – die Anwohner sind, auch aufgrund der Bauarbeiten im Viertel, anderer Meinung. „Die Sichtweise der Südewo bestreiten auch die Mieterinitiative, der Mieterverein und das Amt für Wohnungswesen“, ergänzt Beck.

Experten schätzen, dass Mietsteigerungen anstehen

Derweil rechnen Experten mit Mietsteigerungen. Frank Leukhardt, Geschäftsführer der Gewerbemakler von Colliers, beschäftigt sich intensiv mit dem Thema Immobilien als Geldanlage. „Die Deutsche Annington wird sicherlich auf Mieterhöhungen setzen“, sagt er. Insgesamt beobachtet Leukhardt folgende Trends: „Die Zeit, in der Immobilienpakete im Besitz bleiben, wird kürzer.“ Es lasse sich bereits nach relativ kurzer Haltedauer ordentlich Gewinn machen. Ein Beispiel dafür sei etwa der rasche Verkauf der ehemaligen LBBW-Wohnungen. Immobilien als eine Form der Geldanlage seien derzeit gerade bei professionellen Anlegern aufgrund der niedrigen Zinsen sehr gefragt, urteilt Frank Leukhardt.

Der Verkauf der LBBW-Wohnungen im Jahr 2012 hatte heftige Kritik ausgelöst. Neben der Patrizia war noch ein Konsortium im Rennen, das von der Stuttgarter Wohnungsbaugesellschaft GWG, einer Tochter der R+V Versicherung (60 Prozent), und der Stadt Stuttgart (25,1 Prozent) angeführt wurde. Das Konsortium wollte zwar den besseren Mieterschutz bieten, unterlag am Ende jedoch aufgrund des besseren Gebots des privaten Investors. Die Differenz zwischen den Bietern betrug am Ende lediglich 30 Millionen Euro. Neben der Kritik des Mieterbundes machten auch namhafte Politiker ihrem Unmut Luft. Stuttgarts Finanzbürgermeister Michael Föll (CDU) sagte damals: „Heute hat das Geld über die Vernunft gesiegt.“

Die Patrizia hat in Stuttgart eingekauft

Der Verkauf des LBBW-Pakets bedeutet im Übrigen nicht, dass Patrizia in Stuttgart nicht mehr aktiv ist. Erst kürzlich hat sich der Investor eines der Wohnungspakete auf dem Dach des Einkaufszentrums Milaneo gesichert. Wert: rund 34 Millionen Euro.

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