Hamburg - Erst kämpft er als Topmanager um Marktanteile für Tütensuppen, dann wird er Chef der Welthungerhilfe, und neuerdings macht er mit einem sozialen Start-up sein eigenes Ding: der Hamburger Till Wahnbaeck. „Ich will die Werkzeuge der freien Wirtschaft für den sozialen Wandel einsetzen“, sagt der 49-Jährige und hat sich in den Kopf gesetzt, eine neue Form von Entwicklungshilfe voranzubringen. „Grüne Jobs für arme Menschen in Afrika schaffen“, nennt er das Ziel seiner Non-Profit-Firma, die Joint Ventures mit lokalen Partnern aufbaut und sich als Gesellschafter beteiligt. „Es gibt dort tolle Ideen, aber die scheitern oft am fehlenden Geld und Management-Know-how“, sagt Wahnbaeck. Deshalb hat er mit ein paar Freunden Ende 2019 die Social-Business-NGO Impacc gegründet.
Gefrustet vom Ansatz der klassischen Entwicklungshilfe
Sein Frust über die klassische Entwicklungshilfe ist groß. „Gelder werden verwendet, um ein Projekt zu starten. Wenn alles ausgegeben ist, endet das Projekt, und ein neues beginnt mit neuem Geld – oft am gleichen Ort“, kritisiert Wahnbaeck und hat sich für einen anderen Ansatz entschieden. Sein Weg sind Investitionen in soziale Unternehmen, die Erträge erwirtschaften und sich langfristig selbst tragen. Zusammen mit einem Berliner Wirtschaftsprofessor und einem erfahrenen Entwicklungshelfer legte Wahnbaeck los. Ein Unternehmer spendierte ein Büro im Hamburger Schanzenviertel, die Möbel gab es kostenlos aus einer Firmeninsolvenz, im ersten Jahr arbeiteten alle ehrenamtlich. Inzwischen würden die ersten bescheidenen Gehälter gezahlt, erzählt der Gründer. Das Team ist größer geworden, Wahnbaeck sammelte rund eine Million Euro ein: von Stiftungen, Spendern und dem Entwicklungshilfeministerium.
Nachhaltige Damenbinden aus Papyrus und Altpapier
Wenn Impacc investiert, muss das Projekt nachhaltig sein. In Uganda wird eine Firma unterstützt, die Damenbinden aus Papyrus und Altpapier herstellt. Die lokal produzierten Binden sind billiger als Importware und somit erschwinglich für die Mädchen und Frauen. Sie verrotten auch in Plumpsklos und schaffen Jobs in Produktion und Vertrieb. „Wir wollen das Unternehmen erfolgreich machen, ihm aber nichts schenken“, sagt Wahnbaeck und setzt auf wachsenden Absatz. Wenn die Pandemie nicht wäre, würde er sofort in den Flieger steigen und sich selbst ein Bild davon machen, wie sich ein Testmarkt im ländlichen Gebiet entwickelt. Ob das Produkt an den Kiosk-Verkaufsstellen ankommt, wie der Vertrieb läuft. „Wir als Gesellschafter sind geduldig, wir wollen nichts verdienen“, sagt Wahnbaeck, das unterscheide seine Firma von den üblichen Investoren.
Ein Öko-Ofen besonderer Bauart aus Äthiopien
Auch von einem äthiopischen Kohleofen der besonderen Bauart ist der Sozialunternehmer begeistert. Der Clou des Ofens ist, dass das Holz beim Kochen nicht zu Asche verbrennt, sondern Holzkohle entsteht. Diese kann zu Biokohledünger verarbeitet und verkauft werden kann. Wahnbaeck schwebt vor, dass im ganzen Land Mini-Franchiseunternehmen den Ofen bauen, verkaufen, reparieren und den Dünger vermarkten. Nebenbei würden dank der Technologie große Mengen an CO2 eingespart.
Ob Biotoiletten für Sierra Leone oder der Aufbau einer digitalen Plattform für künftige Franchisenehmer – die Ideen gehen Wahnbaeck nicht aus. Dabei sind die Hürden, die sein Start-up zu nehmen hat, nicht ohne. Mal sind es bürokratische Fußangeln, mal praktische Probleme, wie neulich bei der Präsidentenwahl in Uganda, als das Internet abgestellt wurde.
Wahnbaeck „Ich war noch nie so zufrieden
„Ich habe noch nie so etwas Kompliziertes gemacht, ich habe noch nie so wenig Geld zur Verfügung gehabt, und ich war noch nie so zufrieden“, sagt Till Wahnbaeck und will als einer, „der die Seiten gewechselt hat“ nichts anderes mehr machen. Zu sehr musste er sich in der Wirtschaft verbiegen, ist von einem Führungsjob in den nächsten gewechselt.
Er hat beim US-amerikanischen Konsumgüterkonzern Procter & Gamble Karriere gemacht, zuletzt als Vertriebschef in Deutschland, er stand an der Spitze eines Verlages und wurde Vorstandsvorsitzender der Welthungerhilfe. Aus der Spirale nach oben ist Wahnbaeck, der mit seiner Familie in Hamburg lebt, ausgestiegen. „Da musste das nächste Gehalt immer über dem vorherigen liegen“, sagt er und weiß, wie privilegiert er ist, dass er seine Energie in afrikanische Start-ups stecken kann. „Der Motor ist angelaufen“, sagt er, „jetzt müssen wir den Sprit bringen.“