Die ehemalige Sozialministerin Katrin Altpeter (SPD) sollte bei der Aufarbeitung des Missbrauchsskandals bei der Brüdergemeinde Korntal mitwirken. Sie zog aus Kritik an der Intransparenz des Verfahrens zurück. Im Interview begründet sie diese – und sieht auch die Kirche in der Pflicht.
Korntal-Münchingen - Die Ex-Landespolitikerin Katrin Altpeter sollte mitentscheiden, wie viel Geld den einzelnen Opfern des Korntaler Missbrauchsskandals bezahlt wird. Obwohl sie die Wunschkandidatin einiger ehemaliger Heimzöglinge war, wird daraus nichts. Auch wenn die Einzelschicksale Altpeter noch immer beschäftigen.
Rückblick auf die Zeit als Ministerin
Sensibilisieren und wach rütteln
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Über ein dunkles Kapitel in der Geschichte der Heimerziehung
Die Politikerin
Katrin Altpeter war in den Jahren 2011 bis 2016 Arbeits- und Sozialministerin von Baden-Württemberg. Die 54-jährige Sozialdemokratin leitet seit April eine Schule für Altenpflege.
Der Streit
Eine Projektgruppe gestaltet die Aufarbeitung des Missbrauchsskandals. Das Gremium ist besetzt unter anderem mit zwei Vertretern der Brüdergemeinde und sechs Betroffenen. In diesem Gremium kam es zuletzt zum Streit über eine Kommission, die über die Geldzahlungen an die Opfer entscheiden soll. In dessen Verlauf stieg Altpeter aus, sie war als Kommissionsmitglied vorgesehen. Altpeter war von einer kleinen Gruppe der Betroffenen vorgeschlagen worden. Zuvor war ein anderer Wunschkandidat der Opfer von der Projektgruppe mehrheitlich abgelehnt worden. Über die Gründe gibt es unterschiedliche Angaben. Die Kommission soll nachbesetzt werden. Mit wem ist nicht bekannt.
Aufarbeitung in Korntal
2014 wurde der Missbrauch in den Einrichtungen der Brüdergemeinde publik. Seitdem wird um die Aufarbeitung der Vorfälle in den 1950er und 1960er Jahren gerungen. Es geht um Gewalt bis hin zu Vergewaltigung. Während eine Betroffenengruppe die laufende Aufarbeitung kritisiert, will die andere abschließen: Sie befürchtet das Risiko eines Scheiterns des Projekts.
Aufarbeitung im Land
Allein die Begriffe, die für die sogenannten Verwahranstalten gewählt wurden, lösten noch heute Befremden aus, sagt Katrin Altpeter. Ging es um Fürsorge oder um Unterwerfung? Vom Landeserziehungsheim bis zum streng pietistisch geprägten Fürsorgeheim, vom traditionellen Rettungsgedanken der christlichen Rettungshausbewegung in Erziehungsanstalten, gerichtlich angeordneter Fürsorgeerziehung bis hin zur freiwilligen Erziehungshilfe reichten ihr zufolge früher die Kategorien. Die Heime wurden in der Mehrzahl als „totale Institutionen“ beschrieben.