Ex-Notenbankchefin Janet Yellen Erste Frau an der Spitze des US-Finanzministeriums

Als erste Frau in der Geschichte des Landes soll Janet Yellen US-Finanzministerin werden. Foto: AFP
Als erste Frau in der Geschichte des Landes soll Janet Yellen US-Finanzministerin werden. Foto: AFP

Als erste Frau in der Geschichte des Landes soll Janet Yellen US-Finanzministerin werden. Die frühere Notenbankchefin ist bekannt dafür, dass sie nicht müde wird zu erklären, wie sich die Entscheidungen auf Gering- und Normalverdiener auswirken.

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Washington - Dass sie sich für Ökonomie zu interessieren begann, hat Janet Yellen einmal erzählt, hatte viel mit der Arztpraxis ihres Vaters zu tun. Julius Yellens Patienten in Bay Ridge, einem Arbeiterviertel in Brooklyn, waren zumeist einfache Leute, oft Migranten der ersten oder zweiten Generation, die nach den Worten seiner Tochter schwer mit dem Auf und Ab der Wirtschaft zu kämpfen hatten: „Als ich heranwuchs, bekam ich oft mit, was es für das Leben einer Familie bedeutete, wenn jemand seinen Job verlor.“ Auch aus dem Grund, fügte sie hinzu, habe sie sich in ihren späteren Forschungen auf den Arbeitsmarkt konzentriert.

An der fachlichen Qualifikation der 74-Jährigen, die im Kabinett Joe Bidens Finanzministerin werden soll, kann es nicht der leisesten Zweifel geben. Yellen hat an Eliteuniversitäten gelehrt, in Harvard, London und Berkeley. Unter Bill Clinton leitete sie den Wirtschaftsrat des Weißen Hauses. Zudem machte sie Karriere in der amerikanischen Notenbank, deren Außenstelle in San Francisco sie leitete, bevor sie 2010 Stellvertreterin des Zentralbankchefs Ben Bernanke wurde und schließlich 2014 Chairwoman.

Nüchterne Zahlen erklären

Als das Wall Street Journal prominente Volkswirte bat, Yellens Wirken an der Spitze der Federal Reserve zu bewerten, fiel das Urteil ziemlich eindeutig aus. 60 Prozent der Befragten vergaben die Note Eins, 30 Prozent die Zwei, nur acht die Drei.

Donald Trump hatte Yellens vierjährige Amtszeit dennoch nicht verlängert, was Medienberichten zufolge nicht zuletzt daran lag, dass er die 1,60-Meter-Frau für zu klein hielt, um das große Amerika zu repräsentieren. Was typisch ist für die Wirtschaftsweise aus New York, ist das Bemühen, es nicht bei nüchternen Prognosen zu belassen, sondern stets zu erklären, was die Zahlen für Gering- und Normalverdiener bedeuten.

In einer mit ihrem Mann, dem Wirtschaftsnobelpreisträger George Akerlof, verfassten Studie schrieb sie einst gegen den amerikanischen Billiglohntrend an. Arbeitnehmer, lautete die Kernthese, seien produktiver, wenn sie das Gefühl hätten, fair bezahlt zu werden.

Die erste Frau an der Spitze

Als Notenbankdirektorin sprach sie von der wachsenden sozialen Ungleichheit, die ihr Sorgen mache. Sie frage sich, ob dies vereinbar sei mit den Idealen, die tief in der Geschichte der USA wurzelten, „damit, dass Amerikaner traditionell großen Wert auf Chancengleichheit legen“.

Wird sie im Januar oder Februar vom Senat bestätigt, ist Janet Yellen die erste Frau an der Spitze der Treasury, eines 1789 geschaffenen Ressorts, dessen Zentrale, ein Säulenprachtbau, gleich neben dem Weißen Haus liegt. Mit der Personalie signalisiert Biden, dass er auf die Erfahrung einer Expertin baut. Die unterstreicht, dass es eines staatlichen Kraftakts bedarf, um aus dem Krisental der Corona-Pandemie herauszukommen. Die dezidiert widerspricht, wenn andere erklären, dass der freie Markt es schon richten werde.

Ihre Doktorarbeit schrieb Yellen unter der Obhut von James Tobin. Der Denkschule des Briten John Maynard Keynes zuzurechnen, vertrat Tobin die Auffassung, dass der Staat durch aktives Eingreifen eine Rezession abfedern kann und muss, statt die Kräfte des Marktes ungezügelt wirken zu lassen. Auch Yellen versteht sich als Keynesianerin, wenn auch als pragmatische, die sich statt an Ideologien an Daten orientiert. Den Auftrag der Fed, die Arbeitslosigkeit zu bekämpfen, nahm sie mindestens so ernst wie die Kontrolle der Inflation, die bei den Falken klar an erster Stelle rangiert.

Warnung vor der Immobilienblase

Im Fieber des amerikanischen Immobilienbooms bewies sie wiederum einen nüchternen Realismus, der sich wohltuend abhob vom Überschwang, der Analysten vom dauerhaften Anstieg der Hauspreise faseln ließ, als handelte es sich um ein Naturgesetz. Die Immobilienblase sei der 600-Pfund-Gorilla im Zimmer, warnte sie fünfzehn Monate vor dem Kollaps der Finanzkrise.

Später gestand sie gleichwohl eigene Irrtümer ein. Die Art, wie hochriskante Subprime-Kredite gebündelt, wie auf die Bündel Wertpapiere ausgestellt und an Investoren verkauft wurden, während die Rating-Agenturen den windigen Papieren Bestnoten gaben, das alles habe sie unterschätzt: „Ich habe nichts davon kommen sehen, bis es dann tatsächlich geschah.“ Das Mea culpa hat ihre Glaubwürdigkeit letztlich nur gestärkt – zumal sich manche ihrer männlichen Kollegen nie zu derart selbstkritischen Worten durchringen konnten.




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