Zivilcourage in Stuttgart Pensionierte Polizistin nach Vorfall in S-Bahn: „Ich bin doch keine Heldin“

, aktualisiert am 12.11.2025 - 18:19 Uhr
In einer S-Bahn fühlt sich eine junge Frau von zwei Männern bedrängt. (Symbolbild) Foto: imago/Arnulf Hettrich

Eine Frau wird in der S-Bahn bedrängt. Eine Zeugin passt genau auf, was vor ihren Augen abläuft. Und hilft dem Opfer anschließend beim Gang zur Polizei.

Lokales: Christine Bilger (ceb)

„Was auf Tik-Tok steht, ist Quatsch. Ich bin keine Heldin.“ Die 64-Jährige aus Stuttgart wundert sich etwas darüber, wie ein Halbsatz aus einer Meldung der Bundespolizei ihr Tun aus ihrer Sicht überhöht. „Ich habe nur hingeschaut, wie sich die Lage entwickelt, und die Frau hinterher zur Anzeige ermutigt“, sagt sie über einen Zwischenfall in der S-Bahn. Warum sie das tat? Sie ist vom Fach. Die Zeugin ist pensionierte Kriminalpolizistin. „Ich weiß, dass eine Anzeige etwas bringt – schließlich gibt es die Überwachungskameras in der Bahn, mit deren Bildern man jemanden finden kann“, sagt die 64-Jährige.

 

Bei dem von der Polizei gemeldeten Ereignis wurde eine 28 Jahre alte Frau von zwei Männern bedrängt, die sie nicht kannte und die ihr für umstehende Beobachterinnen und Beobachter offensichtlich zu sehr auf die Pelle rückten. Die 64-Jährige saß in der Vierergruppe auf der anderen Seite des Ganges und beobachtete das Geschehen. Die junge Frau wehrte sich verbal, „so laut, dass das alle mitbekommen haben“, schildert die Zeugin. Zwei Männer in der nächsten Sitzgruppe hätten dennoch so getan, als hätten sie gar nichts mitbekommen.

In der S-Bahn Stuttgart kam es zu der heiklen Situation

„Ich war auf dem Heimweg von Fellbach, so etwa 20.30 Uhr – es war nicht sehr voll in der Bahn“, erinnert sich die Zeugin. Dennoch habe sie erst eine Weile nach einem Sitz gesucht. „Ich nehme immer den, der am wenigsten schmutzig ist“, sagt sie. Außerdem versuche sie Abstand von ihr unangenehmen Zeitgenossen und Menschen mit Hunden zu halten – letzteres aufgrund einer Hundehaarallergie. Die Männer seien ihr gleich aufgefallen. „Sie waren weiter hinten in der Bahn, und unterhielten sich viel zu laut – unangenehm laut. Das mag ich sowieso schon nicht – man ist ja dazu erzogen, andere nicht zu belästigen“, sagt die Stuttgarterin. Dann hätten sich die Männer auf den Weg durch die Bahn gemacht. „Sie schauten in jede Sitzgruppe, und setzten sich dann in die mit der jungen Frau.“

Die Bundespolizei sucht Zeugen des Zwischenfalls in der S3. Foto: picture alliance/dpa

Einer der Männer, der eine rot-schwarze Jacke trug, habe sich neben die Frau gesetzt und seinen Kopf zur Seite zu ihr geneigt. Die Frau habe sofort reagiert. Sie habe laut zu ihm gesprochen und gesagt, ob er seinen Kopf etwa gleich auf ihre Schulter legen wollte. Als er nicht reagierte, habe sie das wiederholt, erst auf Deutsch, dann auf Englisch. Da es aber eher am nicht verstehen wollen scheiterte, und der Mann sein Verhalten nicht änderte, stand die 28-Jährige auf und wollte den Vierer verlassen. „Da haben die zwei ihre Beine so hingestellt, dass sich ihre Knie fast berührten, und die Frau nicht rauskam“, sagt die 64-Jährige. Die 28-Jährige habe dann die Beine der Männer resolut bei Seite gedrückt und sei weggegangen. „Ich hab sie dann nicht mehr gesehen, sie hat sich wohl verfolgt gefühlt.“

In der Zeit bis die Situation sich auflöste, hatte die 64-Jährige vor allem eines im Blick: „Ich habe auf die Hände geschaut, ob einer ein Messer zückt, dann wird es für alle gefährlich.“ Sonst habe sie für die Selbstverteidigung ihren Regenschirm zur Hand – was man damit tut, weiß sie noch aus dem Schlagstocktraining. „Wir haben eine super Ausbildung und Training bei der Stuttgarter Polizei, das muss ich an der Stelle echt mal loben“, schiebt sie ein.

Die Männer sind getrennt geflüchtet

Ein Messer kam nicht ins Spiel, ein Sexualdelikt lag offenbar auch nicht vor. Die Bundespolizei ermittelt wegen der Nötigung – die junge Frau nicht durchgelassen zu haben, ist der Vorwurf. Auf dem Bahnsteig am Hauptbahnhof sei sie ihr dann noch einmal begegnet, sagt die pensionierte Kriminalbeamtin, die in ihrer Laufbahn unter anderem auch für Sexualdelikte zuständig war. „Ich habe ihr dann gesagt, was ich beruflich gemacht habe, und sie dazu gebracht, dass sie eine Anzeige stellt“, sagt die 64-Jährige. Denn wie sie die Männer einschätzte, die der jungen Frau unangenehm nahe kamen, sind die entweder schon mal polizeilich in Erscheinung getreten oder werden es früher oder später. „Die Frau sprach dann mit einem Bahnmitarbeiter, der sofort zum Telefon griff. Und ich hab auch bei der Polizei angerufen.“

In der Situation seien dann die Tatverdächtigen wieder aufgetaucht. „Als ich ihnen sagte, dass die Polizei alarmiert ist, sind sie abgehauen. Einer in die Bahn nach Kirchheim, einer die Treppe hoch.“ Für die erfahrene Polizistin ein Zeichen dafür, dass die zwei kriminelle Erfahrung haben – sie flüchten getrennt, um im Ernstfall nicht beide erwischt zu werden.


Was sind die Lehren der 64-Jährigen aus dem Vorfall? „Die junge Frau hat absolut couragiert und richtig gehandelt. So muss man reagieren“, sagt sie über das Opfer der männlichen Aggression. Kritik hat sie an den Fahrgästen, die so taten, als hätten sie nichts mitbekommen. Zumindest als Zeugen solle man sich zur Verfügung stellen. Was sie auch rät: „Man muss einen Handlungsplan haben. Dann ist man auch handlungsfähig. Einfach mal überlegen, zu welchen Situationen es kommen könnte, und wie man sich dann wehrt.“

Im vorliegenden Fall sei sie nicht eingeschritten. „Die Frau hat alles richtig gemacht, und es kam zu keinem sexuellen Übergriff, so weit ich es gesehen hätte, sonst wäre ich eingeschritten.“ Das Einschreiten wolle auch gut überlegt sein. „Wegen einer Nötigung, gegen die sich das Opfer gut wehrt, eine Eskalation riskieren, ist nicht ratsam.“ Das Lob gebührt aus ihrer Sicht allein der jungen Frau: „Sie war couragiert und konnte sich behaupten.“ Ihr eigener Verdienst sei es nur, sie zur Anzeige überredet zu haben. „Aber Heldin, nein, das ärgert mich“, wiederholt sie noch einmal.

Vorfall in der S-Bahn Stuttgart

Der Fall
Zwei Männer sollen am Donnerstag, 16. Oktober, in einer S-Bahn der Linie S3 eine 28-Jährige bedrängt haben. Wie die Polizei mitteilt, ereignete sich der Vorfall gegen 21 Uhr auf der Fahrt von Bad Cannstatt nach Stuttgart. Ersten Erkenntnissen der Polizei zufolge sollen zwei bislang unbekannte Männer der 28-Jährigen in der S-Bahn zu nahe gekommen sein. Einer der Männer soll seinen Kopf auf die Schulter der 28-Jährigen gelegt haben, der andere soll sie mit seinen Füßen daran gehindert haben, aufzustehen. Als die Frau versuchte, sich zu entfernen, sollen ihr die Männer gefolgt sein. Die Tatverdächtigen sollen zwischen 30 und 40 Jahre alt gewesen sein. Einer der Tatverdächtigen hatte kurze Haare und trug eine Sonnenbrille auf dem Kopf. Er war nach Zeugenaussagen mit einem schwarz-weißen Hemd, weißen Turnschuhen und einer dunklen Hose bekleidet. Der zweite Mann soll längere Haare und einen Bart gehabt haben. Er war mutmaßlich mit einer weißen Jacke bekleidet.

Die Polizei rät
Für den Ernstfall hat die Polizei sechs Regeln parat: 1. Acht geben: Hilf, aber bringe andere nicht in Gefahr. 2. Die Polizei rufen 3. Hilfe holen: Andere einbeziehen und konkret zur Hilfe auffordern. 4. Details erkennen: Je mehr Merkmale der Tatpersonen man beschreiben kann, desto besser. 5. Mithelfen: Die Opfer brauchen Hilfe in den Minuten nach dem Zwischenfall. 6. Mund aufmachen: Nur mit guten Zeugenaussagen kann die Polizei den Fall aufarbeiten.

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