Ex-Profi des VfB Stuttgart Wie Andreas Hinkel den russischen Fußball sieht

Andreas Hinkel (li.) trainiere bis vor Kurzem gemeinsam mit Domenico Tedesco das Team von Spartak Moskau. Foto: imago//Anton Novoderezhkin

Erst kürzlich ist Andreas Hinkel von seinem Engagement bei Spartak Moskau zurückgekehrt. Im Interview spricht der Ex-Profi des VfB Stuttgart über den russischen Fußball, die EM 2021 und seine Zukunftspläne.

Sport: Carlos Ubina (cu)

Stuttgart - Andreas Hinkel (39) hat als Co-Trainer von Domenico Tedesco knapp zwei Spielzeiten lang bei Spartak Moskau gearbeitet. Eine intensive Zeit. Dabei hat der frühere Profi und Nachwuchscoach des VfB Stuttgart den russischen Fußball gut kennengelernt.

 

Herr Hinkel, Sie haben zuletzt in Russland gearbeitet. Wie schätzen Sie die Mannschaft von Nationaltrainer Stanislaw Tschertschessow bei der EM ein?

Das ist eine sehr erfahrene Mannschaft, die es an guten Tagen jedem Gegner schwermachen kann. Der eine oder andere in Russland würde sich vielleicht ein bisschen mehr Mut zur Jugend wünschen, es gibt da wirklich einige sehr spannende Talente. Aber Stanislaw Tschertschessow ist ein Trainer, der personell und taktisch sehr auf Bewährtes setzt.

Nun geht es in Kopenhagen gegen Dänemark. Ein spezielles Spiel für beide Teams. Wie sehen Sie die Chancen der Russen auf ein Weiterkommen?

Ich sehe die Russen auf jeden Fall nicht chancenlos. Auch wenn ich sagen muss, dass die Dänen gegen Belgien vor allem in der ersten Halbzeit ein sehr gutes Spiel gemacht haben. Ich drücke den Russen jedenfalls die Daumen. Es ist ja der eine oder andere unserer Spartak-Spieler dabei. Ich würde ihnen das Weiterkommen sehr gönnen.

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Ihre Zeit in Russland liegt nun schon wieder einige Wochen zurück. Wie weit ist Spartak Moskau für Sie bereits weg?

Ich muss zugeben, dass ich wieder sehr schnell zu Hause angekommen bin. Unmittelbar nach der Rückkehr aus Moskau habe ich noch die körperlichen Auswirkungen der Arbeit gespürt. Meine Stimme war beispielsweise ziemlich strapaziert, weil wir im letzten Saisonspiel viel schreien mussten (lacht). Zurück in Winnenden bin ich gleich mit der Familie ein paar Tage fortgefahren. Da ich fünf Kinder in unterschiedlichen Altersklassen habe, war ich gedanklich gleich in anderen Themen als Fußball gefragt. Da geht es dann um Fahrradtouren oder Bauklötze spielen.

Öl und Erdgas machen auch die russischen Clubs reich

Sie sind als Co-Trainer von Domenico Tedesco mit Spartak Vizemeister geworden. Wie ist das einzuschätzen?

Für Domenico Tedesco und mich als Trainerteam ist dieser zweite Platz ganz klar ein Erfolg. Wir haben die Mannschaft vor zwei Jahren auf Rang zwölf übernommen, haben den Umbruch mit jungen Spielern weiter vorangetrieben und zuletzt nicht nur guten Fußball spielen lassen, sondern ebenso die nötigen Ergebnisse erzielt.

Aber die Erwartungen bei Spartak sind traditionell hoch.

Das ist richtig. Spartak ist der Club mit den meisten Fans in Russland. Es existiert auch eine große Geschichte mit vielen Titelgewinnen in der Vergangenheit. Gefühlt zählt da für viele Spartak-Anhänger nur die Meisterschaft – selbst wenn die Realität eine andere ist.

Der Serienmeister und Pokalsieger heißt Zenit St. Petersburg.

Ja, hinter dem Club steht Gazprom als Sponsor, eines der weltweit größten Erdgasförderunternehmen und zur Hälfte staatlich. Da steckt gewaltig Wucht drin – finanziell und strukturell. Spartak ist ebenfalls gut aufgestellt. Der Clubpräsident Leonid Fedun ist Vizevorstandsvorsitzender bei Lukoil, einem großen Mineralölkonzern. Entsprechend herrscht gewaltige Konkurrenz, nicht nur auf dem Fußballfeld.

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Sie haben nun die Champions-League-Qualifikation erreicht, haben ein vielversprechendes Team geformt, und Geld lässt sich in Russland ebenfalls verdienen. Warum haben Sie und Domenico Tedesco Spartak Moskau verlassen?

Aus rein sportlicher Sicht wäre es sicher reizvoll gewesen, bei Spartak weiterzumachen. Wir haben uns aber vor allem aus familiären Gründen anders entschieden. Am Ende stand das über allem. Denn als wir 2019 unterschrieben haben, dachte niemand an Corona. Die Pandemie hat uns viele Dinge sehr erschwert. Anfangs gab es zum Beispiel dreimal täglich Direktflüge von Moskau nach Stuttgart, während des Lockdowns dann gar keine mehr. Zuletzt mussten wir über Istanbul fliegen. Unsere Familien konnten uns nicht besuchen. Das hat alles viel Energie gekostet.

Von Platz zwölf zur Vizemeisterschaft

Sie haben Ihre Entscheidung, gehen zu wollen, bereits in der Winterpause mitgeteilt. Wie schwer war es, nicht als „Lame Duck“ zu enden?

Das war in der Tat eine Herausforderung. Wir hatten dabei auch etwas Glück, weil die Ergebnisse gepasst haben. Denn natürlich treten in einem Club wie Spartak immer wieder Turbulenzen auf. Das war uns bewusst, und wir haben frühzeitig den Verantwortlichen in Moskau und den Spielern mitgeteilt, dass wir den Vertrag nicht verlängern werden. Damit hatte Spartak Zeit, um zu entscheiden, wie sie verfahren wollen. Die Verantwortlichen haben sich zu uns bekannt. Auch, weil sich die Mannschaft für das Trainerteam ausgesprochen hat. Selbst nach zwei Niederlagen zum Jahresauftakt. Letztlich war es eine saubere Sache, und jetzt haben wir eine intakte Mannschaft mit Potenzial übergeben.

Wie ordnen Sie Ihre Russland-Erfahrungen generell ein?

Es waren überragende Erfahrungswerte, die ich gesammelt habe. Schon allein aufgrund der Dimensionen. Russland ist flächenmäßig das größte Land der Welt. Unsere weiteste Auswärtsreise hat uns über fast 6000 Kilometer zu einem Pokalspiel geführt. Dazu in einem Club zu arbeiten, der dort von vielen als der größte wahrgenommen wird, war einzigartig.

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Wird der russische Fußball im internationalen Vergleich unterschätzt?

Das kann ich nicht beurteilen. Was ich sagen kann: Die russische Liga hat ein enormes Potenzial. Sie könnte mit ihren finanziellen und infrastrukturellen Möglichkeiten hinter den vier Topligen – also Spanien, England, Italien und Deutschland – in Europa angreifen.

Warum tun es die Russen nicht?

Das ist ein sehr komplexes Thema. Der russische Verband hat, nachdem dort immer mehr ausländische Spieler zum Zug kamen, zuletzt ständig neue Regeln erlassen. Sie sollen die Anzahl der russischen Spieler auf dem Platz bestimmen. In der abgelaufenen Saison durften zum Beispiel nicht mehr als acht ausländische Profis im Kader stehen. Dadurch will man das russische Element stärken. Die Entscheidungen haben jedoch dazu geführt, dass russische Spieler auf dem heimischen Markt begehrt und teuer sind. Einige von ihnen haben es sich in einer Komfortzone eingerichtet. Der Gesamtentwicklung tut das meiner Ansicht nach nicht gut.

Mehr Russen in der Bundesliga?

Könnten Spartak-Spieler in der Bundesliga mithalten?

Ja, natürlich. Sicher würden sie es nicht zum FC Bayern schaffen, aber warum sollten russische Nationalspieler wie Aleksandr Sobolev oder Roman Zobnin nicht bei guten Bundesliga-Clubs mithalten können? Das Problem ist eher, dass genau solche Spieler in der heimischen Liga sehr viel mehr Geld verdienen können als in der Bundesliga.

Was läuft in Russland noch schief?

Das ganze System der Geldverteilung ist nicht ausgereift. Es gibt zwar einige Clubs, die über große Mittel verfügen, allerdings fließen so gut wie keine Fernsehgelder. Solche Einnahmen müssten generiert und besser verteilt werden, um eine starke und ausgeglichene Liga zu etablieren. Dann könnte man in der europäischen Fünfjahreswertung gut mit Portugal oder Frankreich konkurrieren.

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Sie haben beim FC Sevilla und bei Celtic Glasgow gespielt und sich immer für das Leben außerhalb der Stadien interessiert. Wie haben Sie Moskau erlebt?

Die Stadt ist gigantisch. Nicht nur, weil sie offiziell knapp 13 Millionen Einwohner hat. Wir haben dort sehr unterschiedlich gewohnt. Zunächst waren wir im Zentrum, direkt am Roten Platz, um das Leben aufzusaugen. Das war jedoch vor der Pandemie. Anschließend hatten wir eine Phase, in der wir zu Hause in Deutschland waren und nicht so recht wussten, wie es in Moskau weitergeht. Nach unserer Rückkehr sind wir in das Spartak-Trainingszentrum gezogen, das etwas außerhalb liegt. Dort waren wir im Grunde mit der Mannschaft kaserniert, um den Saisonendspurt zu bestreiten. Erst gegen Ende unserer Zeit bei Spartak sind wir wieder zurück ins Zentrum, weil die Coronamaßnahmen gelockert wurden.

Wie lief es mit der Sprache?

Gut, unsere Amtssprachen im Mannschaftskreis waren Russisch und Englisch. Wir selbst haben auf Englisch kommuniziert, dazu hatten wir einen exzellenten Dolmetscher. Er hat simultan auf Russisch übersetzt und konnte dabei auch Emotionen rüberbringen. Davon haben wir sehr profitiert, weil er stets an unserer Seite war.

Der Blick in die Zukunft

Haben Sie den Dolmetscher bereits für Ihr nächstes Auslandsengagement verpflichtet?

Nein, und ehrlich gesagt, gibt es keinen Masterplan, was die berufliche Zukunft anbelangt. Zunächst steht die Familie im Vordergrund. Da fließt jetzt meine ganze Kraft hinein. Sie müssen sich vorstellen: Während der Hochphase der Pandemie saß meine Frau Simone zeitweise mit den fünf Kindern zu Hause und musste das Familienleben allein bewerkstelligen, weil auch keine Kontakte zu anderen Personen erlaubt waren. Jetzt ist es wieder besser, aber das nächste Engagement als Trainer muss insgesamt passen.

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Das klingt so, als ob es kein Abenteuer im Ausland wird. Liebäugeln Sie mit der Bundesliga?

Natürlich reizt die Bundesliga. Ich habe aber gelernt, dass es im Profifußball oft keinen Sinn ergibt, schon zu weit in die Zukunft zu blicken. Sportlich sollte es sich um eine interessante Aufgabe handeln – und da werden sich in den nächsten Monaten sicher Möglichkeiten ergeben.

Sehen Sie sich weiter als Duo mit Domenico Tedesco?

Grundsätzlich passt bei uns sehr vieles sehr gut zusammen. Das ist Fakt. Wir haben seit der U-17-Zeit beim VfB Stuttgart immer erfolgreich zusammengearbeitet. Wir sind aber nicht aneinandergebunden. Das betrifft uns beide. Jeder trifft seine Entscheidung unabhängig.

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