Ex-Profi des VfB Stuttgart Was Nathaniel Phillips über die Engländer denkt – und über den VfB

Ein Jahr lang spielte Nathaniel Phillips für den VfB Stuttgart in der zweiten Liga. Foto: Baumann

Ein Jahr lang spielte Nathaniel Phillips einst für den VfB Stuttgart. Nun kickt der Engländer beim FC Liverpool – und fiebert bei der EM 2021 mit dem englischen Nationalteam. Im Interview spricht er über das Finale.

Sport: Dirk Preiß (dip)

Stuttgart - Wie alle englischen Fußballfans fiebert Nathaniel Phillips dem Endspiel der EM zwischen England und Italien entgegen. Die Gedanken des Abwehrspielers des FC Liverpool hängen, das verrät er im Interview, aber auch noch am VfB Stuttgart.

 

Mister Phillips, genießen Sie die Fußball-Euphorie in England?

Ich bin derzeit gar nicht zu Hause, sondern mache noch Urlaub auf Mallorca.

Dann haben Sie das Halbfinale vermutlich dort mit anderen englischen Touristen gesehen.

Leider auch das nicht. Zum einen mache ich ja Urlaub mit meiner Freundin. Wir haben uns das Spiel dann zwar angesehen – aber komischerweise waren da lauter dänische Fußballfans. Auf einen Engländer kamen bestimmt zehn Dänen. Es war ein echtes Auswärtsspiel für mich. Aber zum Finale bin ich ja wieder zu Hause.

Lesen Sie aus unserem Angebot: Alles zum VfB in unserem Newsblog

Dann steigt eine Party im Hause Phillips?

Wieder falsch.

Wie? Keine Fußball-Feier – nicht mal bei einem englischen Sieg?

Genau. Ich müsste den Titel ohne Alkohol genießen und nach dem Abpfiff gleich ins Bett gehen.

Die große Sehnsucht der Engländer

Sie scherzen?

Nein, ganz und gar nicht. Denn am Montagmorgen beginnt die Vorbereitung mit dem FC Liverpool. Wir fliegen ins Trainingslager, da muss ich topfit sein.

Wie stehen die Chancen ihrer Landsleute im Finale gegen Italien?

Ich glaube, dass es ein sehr enges Match wird und dass nicht viele Tore fallen werden. Die Engländer haben aber eine gute Chance auf den Titel. Ich tippe auf ein 1:0.

Lesen Sie aus unserem Angebot: Testet der VfB gegen den FC Barcelona?

Was würde ein Titelgewinn für das Fußballland England bedeuten?

Ich glaube nicht, dass ich das mit Worten beschreiben kann. Ein EM-Titel würde vielen Menschen in England einfach so unglaublich viel bedeuten. Vor jedem der vergangenen fünf, sechs großen Turniere haben die Fans gesungen: „It’s coming home.“ Sie hatten immer große Hoffnungen, dachten, das wird das Turnier, in dem wir den Titel holen. Doch die Zeit seit dem WM-Titel 1966 wurde länger und länger. Nun steht das Team im Finale – und die Hoffnungen sind noch viel größer geworden. Und das hat auch ein bisschen mit Corona zu tun.

Mit Corona?

Ja. Auf der ganzen Welt hatten die Menschen zuletzt schwere Monate. Dass die Engländer nun zusammen diese Erfolge der Mannschaft feiern können, macht es noch ein bisschen spezieller.

Das Erfolgsgeheimnis der „Three Lions“

Was unterscheidet dieses Team von jenen, die immer wieder gescheitert sind?

Der entscheidende Unterschied ist meiner Meinung nach, wie die Mannschaft die Spiele gestaltet. Das Team behält fast immer die Kontrolle, hat sehr oft den Ball in den eigenen Reihen. Nehmen Sie die Schlussphase des Halbfinals: Da hatten die Dänen kaum mehr eine Chance, überhaupt an den Ball zu kommen – weil er nicht nur weg vom Tor geschlagen wurde. So wird die Defensive geschützt. Das englische Team hat nur ein Gegentor im ganzen Turnier kassiert – das ist unglaublich.

Und das ist das ganze Geheimnis?

Nicht ganz. Die jungen Spieler setzen sich in Szene – nicht erst bei der EM, sondern zum Beispiel auch im Endspiel der Champions League zwischen Manchester City und dem FC Chelsea oder Woche für Woche in der Premier League. Im Nationalteam haben die Talente zudem erfahrene Kräfte an ihrer Seite. Davon profitieren sie enorm.

Lesen Sie aus unserem Plus-Angebot: Was VfB-Neuzugang Nikolas Nartey über die Dänen denkt

Auch Sie haben sich in den vergangenen Monaten in der Premier League etabliert – in der Stammformation des FC Liverpool. Wie blicken Sie auf die kommende Saison?

Ich will vom ersten Tag der Vorbereitung an zeigen, was ich kann – und meine zuletzt gute Entwicklung fortsetzen. Ich will mich weiter verbessern, weiß aber auch, dass es einen großen Konkurrenzkampf geben wird. Einige Spieler kommen nach Verletzungen zurück, von RB Leipzig wurde Ibrahima Kanoté verpflichtet.

Fühlen Sie sich angekommen auf dem Toplevel?

Absolut. Mit jedem Spiel, das ich in der Premier League und in der Champions League absolviert habe, fühlte ich mich selbstsicherer auf diesem Niveau. Ich spürte mehr und mehr, dass ich die Qualität besitze, hier mithalten zu können. Aber: Man darf nie zu selbstsicher werden – sonst verbessert man sich nicht mehr.

Den VfB immer im Blick

Mit dem VfB haben Sie 2020 den Aufstieg geschafft. Haben Sie die darauffolgende Bundesliga-Spielzeit verfolgt?

Natürlich. Ich habe die Ergebnisse des VfB immer im Blick und auch noch Kontakt zu einigen früheren Teamkollegen. Sie haben eine gute Saison gespielt, waren immer sicher. Der VfB wirkt derzeit wie ein sehr stabiles Schiff, die jungen Spieler haben sich gut entwickelt. Ich hoffe, das Team kann diese Entwicklung fortsetzen.

Sie waren nur ein Jahr hier . . .

. . . aber Stuttgart war für mich der eigentliche Anfang meiner Profikarriere. Ich spielte zum ersten Mal in der ersten Mannschaft, spürte, was es heißt, für die Fans zu spielen – in Partien, in denen viel auf dem Spiel steht. Es war ein sportlich schwieriges Jahr – mit einem außergewöhnlich schönen Ende. Ich erinnere mich gerne an diese tolle Zeit.

Lesen Sie aus unserem Angebot: Das ist der VfB-Kader – Stand jetzt

Nur in Gedanken?

Nein. Das VfB-Trikot mit den Unterschriften aller Spieler hängt bei mir zu Hause an der Wand. Darauf bin ich sehr stolz.

Weitere Themen

Weitere Artikel zu VfB Stuttgart Interview England Italien